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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.10.2012

Schriftsteller Schorlau: CDU ist nicht mehr Partei des Bürgertums

Union war im Stuttgarter Wahlkampf "lautstark" und "angeberisch"

Wolfgang Schorlau im Gespräch mit André Hatting

Der Schriftsteller und Stuttgart 21-Gegner Wolfgang Schorlau (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Der Schriftsteller und Stuttgart 21-Gegner Wolfgang Schorlau (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Der Grünen-Politiker Fritz Kuhn sei bei der OB-Wahl in Stuttgart der seriösere Kandidat gewesen, meint der Stuttgart 21-Aktivist und Autor Wolfgang Schorlau. Die CDU habe im Wahlkampf das "hässliche Gesicht des Konservatismus" gezeigt.

André Hatting: Fritz Kuhn hat es geschafft: In der Stichwahl zum Oberbürgermeisteramt in Stuttgart konnte er sich gegen den parteilosen Kandidaten des bürgerlichen Lagers durchsetzen. Damit hat Baden-Württemberg nicht nur den ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands, mit Fritz Kuhn wird jetzt auch die einzige Landeshauptstadt grün. Michael Brandt.

Beitrag: Reaktionen auf die Wahl von Fritz Kuhn zum OB von Stuttgart (mp3-Audio)

Unser Landeskorrespondent Michael Brandt berichtete. Dieses Wahlergebnis sei keine Überraschung, findet Wolfgang Schorlau. Nicht etwa, weil er als Erfinder des Ermittlers Georg Dengler von Haus aus über eine blühende Fantasie verfügt, sondern weil Schorlau als Stuttgarter die Entwicklung in seiner Wahlheimat sehr genau verfolgt - vor allem die um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Guten Morgen, Wolfgang Schorlau!

Wolfgang Schorlau: Guten Morgen, Herr Hatting!

Hatting: Sie haben es prophezeit, der Kuhn macht es. Warum waren Sie sich so sicher?

Schorlau: Ich glaube, Stuttgart ist die spannendste Stadt in Deutschland im Augenblick, und es ist ein demokratisches Labor, ein bisschen. Und die Leute wollen einfach hier in der Stadt eine andere Politik - es ist ein bisschen auch eine Notwehr gegen Stuttgart 21, und so hat sich diese Entwicklung angebahnt, und es stimmt mich heiter.

Hatting: Sie sind also erleichtert?

Schorlau: Ich bin sehr erleichtert, ja.

Hatting: Sie haben gerade von einer Notwehr gegen Stuttgart 21 gesprochen. Nun hat ja Winfried Kretschmann, der Landesvater, eine Abstimmung durchführen lassen, die meisten Baden-Württemberger sind für das Bahnhofsprojekt. Was soll Fritz Kuhn als Oberbürgermeister denn jetzt noch machen? Hat er noch Möglichkeiten?

Schorlau: Ja, das stimmt, die Volksabstimmung ging so aus, wie sie ausging, aber trotz alledem ist es im Augenblick in der Stadt so, dass wir - also nur zur Erinnerung, es sind drei Züge entgleist in kürzester Zeit, als die Bahn mit leichten Vorarbeiten auf dem Gleisbett begonnen hat. Im Augenblick ist das Dach des Bahnhofs, das verträgt keine Windstärke acht durch den Abriss der beiden Flügel. Das heißt, wenn Herbststürme kommen, ist Stuttgart möglicherweise mit der Bahn gar nicht mehr zu erreichen.

Sie haben das mitgekriegt mit dem Brandschutz: Nach 16 Jahren Planung wird der neue Bahnhof eine Todesfalle für Passagiere sein. Heute findet der Lenkungsausschuss der Projektpartner statt, und die Bahn sagt schon, sie hat kein ... das Geld reicht nicht. Das heißt aber, die Arbeiten haben noch nicht einmal richtig begonnen, und unser Eindruck ist, dass die Bahn diese Stadt in einem Ausmaß chaotisiert, noch bevor es richtig losgeht. Und wie soll das denn weitergehen? Und von daher bleibt den Bürgern eigentlich nichts anderes übrig, als neue Wege zu gehen. Und das, glaube ich, drückt die Wahl von Fritz Kuhn aus, dem ich viel Glück wünsche.

Hatting: Also hat Stuttgart 21 und die jüngsten Berichte über die Pannen und die mangelnde Brandschutzsicherung den Ausschlag gegeben für die Wahl Fritz Kuhns?

Schorlau: Es war sicherlich ein Element, das andere war, dass die Stadt vollgeklebt war, wie ich es noch nie irgendwo erlebt habe, mit Plakaten, in denen behauptet wurde, wenn die Grünen den Bürgermeister stellen, würde jeder Bürger für eine Stadtfahrt 6,10 Euro City-Maut bezahlen. Das heißt, es wurde, glaube ich, bewusst Unwahrheit weit und breit plakatiert, und die Stuttgarter haben gesagt, also das glauben wir einfach nicht, und so wollen wir auch nicht regiert werden, wenn das schon so anfängt. Und so, glaube ich, hat Fritz Kuhn auch deshalb gewonnen, weil er einfach der seriösere Kandidat war.

Hatting: Wie passt das insgesamt zusammen: Grüne Führungspolitiker und das konservativ-bodenständige Baden-Württemberg?

Schorlau: Erstaunlicherweise passt das ja ganz gut zusammen, weil die CDU eigentlich nicht mehr die Partei des Bürgertums ist. Die Bürgerquartiere in der Stadt, also Stuttgart-Mitte, wo ich wohne, Stuttgart-Süd, also die Kernzentren in Stuttgart, haben zu über 65 Prozent Fritz Kuhn gewählt. Die CDU hat das Problem, dass sie zwei Flügel hat, und was ... die Kampagne, die wir hier in der Stadt erlebt haben, war ja die Kampagne sozusagen des Mappus-Flügels ohne Mappus. Das heißt, wir haben ein sehr hässliches Gesicht des Konservatismus gesehen, es gibt auch ein anderes, ein liberales, weltoffenes, aber das ist in der CDU eine solche Minderheit im Augenblick. Ich weiß nicht, wie die CDU die nächsten Bundestagswahlen in Baden-Württemberg führen will, um ehrlich zu sein.

Hatting: Herr Schorlau, würden Sie zustimmen, wenn ich sage, dass den Grünen der Erfolg auch deshalb zufällt, weil sie die einzige Alternative darstellen, und nicht etwa, weil sie die besseren Konzepte hätten?

Schorlau: Ich glaube, dass beides zutrifft. Sie bemühen sich, Stadtkonzepte zu entwickeln, aber natürlich ist es ihnen leichter gefallen, weil die CDU so lautstark, so unangenehm, so angeberisch war, und so getan hat, als würde ihnen das Land gehören, das war sehr unappetitlich.

Hatting: Das mag der Schwabe nicht, ne?

Schorlau: Nein, nein.

Hatting: Ist Baden-Württemberg auch ein Beispiel dafür, wie konservativ die Grünen geworden sind?

Schorlau: Das weiß ich nicht. Sie sind bürgerlich geworden, die Grünen - vielleicht waren sie es noch nie, aber sie sind ja keine linken Revoluzzer, sondern ich glaube, die Grünen sind ... oder sagen wir umgekehrt, das Bürgertum hat sich selber verändert, nicht, und ist aufmerksam geworden und glaubt nicht mehr alles, was die Politik ihnen so alles vorträgt. Und es gibt in der Stadt auch im Bürgertum - wie soll ich das sagen, den Mut, neue Wege zu gehen, und das unterscheidet diese Wahl von anderen Oberbürgermeistern.

Das ist die neue Stimmung, dass man, glaube ich, auch ein bisschen - ich habe es mit Notwehr gesagt, aber man muss etwas tun, um Stuttgart 21 irgendwie in den Griff zu bekommen, und das geht einfach nicht mit den alten Parteien. Das geht nicht mit der SPD, das geht nicht mit der CDU, und von daher bieten sich eben die Grünen an, und ich hoffe sehr, dass sie diese Bewährungsprobe bestehen.

Hatting: Der Krimiautor und Wahlstuttgarter Wolfgang Schorlau über den neuen grünen Oberbürgermeister der Landeshauptstadt. Vielen Dank fürs Gespräch, Herr Schorlau!

Schorlau: Ich danke Ihnen, Herr Hatting!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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