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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.02.2016

Schriftsteller Abbas KhiderWarum Integration in Deutschland Glückssache ist

Moderation: Dieter Kassel

Schriftsteller Abbas Khider präsentiert sein Buch "Brief in die Auberginenrepublik" im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2013 (imago/STAR-MEDIA)
Der deutsch-irakische Autor Abbas Khider floh vor den Schergen Saddam Husseins nach Deutschland. (imago/STAR-MEDIA)

Der Autor Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, schreibt in seinem neuen Buch über einen Flüchtling in Deutschland. Menschen, die nach Deutschland geflüchtet seien, bräuchten nicht viel – nur das Gefühl, als normale Menschen mit einer Zukunft wahrgenommen zu werde, sagt Khider.

Der deutsch-irakische Autor Abbas Khider hält eine gelungene Integration in Deutschland für Glückssache: Die Mehrheit der Flüchtlinge schaffe es nicht - "es geht nur um Pech oder Glück", betonte Khider im Deutschlandradio Kultur. Er selbst habe großes Glück gehabt.

In seiner neuen Erzählung "Die Ohrfeige" thematisiert er diese Flüchtlingsproblematik zwischen Hoffnung und der Angst, abgeschoben zu werden: Ein Flüchtling fesselt seine Sachbearbeiterin an ihren Bürostuhl, klebt ihr den Mund zu und erzählt ihr seine Lebensgeschichte. Das ist die Handlung des Romans "Ohrfeige" von Abbas Khider. Diese Lebensgeschichte ist fiktiv und stimmt doch in weiten Teilen überein mit der vieler Flüchtlinge, auch der des Autors, der 1996 als politischer Flüchtling aus dem Irak nach Deutschland kam.

Tägliche Faustschläge für Flüchtlinge

Manche Leute bräuchten offenbar eine Ohrfeige - buchstäblich wie im übertragenen Sinne - um wach zu werden, sagte Khider im Deutschlandradio Kultur. Das sei harmlos verglichen mit den vielen Faustschlägen, die die Flüchtlinge als Neuankömmlinge in Deutschland bekämen. Khider betonte, er habe in seinem neuen Buch Tatsachen darstellen wollen, mehr nicht: "Ich bin ein Autor, ich stelle Fragen, ich gebe keine Antworten, das ist nicht meine Aufgabe. Antworten geben die Politiker, nicht ich."

Im Grunde bräuchten Flüchtlinge wenig: "Sie brauchen nur einfach eine Vorstellung von der Zukunft." Man gebe ihnen jedoch selten oder nie das Gefühl, normale Menschen mit einer Zukunft in Deutschland zu sein.

Die Angstmacherei-Spirale

Khider sagte weiter: Er werde häufig selbst mit einer Mischung aus Angst und Misstrauen konfrontiert - etwa mit demütigenden Kontrollen am Flughafen. Er beziehe dies jedoch nicht auf sich persönlich, sondern auf die Situation.

"Es gibt diese Angstmacherei-Maschine: Die Deutschen haben Angst vor den Ausländern und Migranten. Aber die Ausländer haben auch Angst vor den Deutschen. Es ist wie eine Spirale - und ich weiß nicht, wohin das führt." 



Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren, er flüchtete 1996 über verschiedene europäische Länder nach Deutschland, wo er Literatur und Philosophie studiert hat, und inzwischen ist er ein preisgekrönter Autor von Romanen, die er übrigens auf Deutsch schreibt. Auch seinen neuen Roman "Die Ohrfeige". In diesem Roman fesselt ein irakischer Flüchtling seine Sachbearbeiterin in Deutschland an ihren Bürostuhl, klebt ihr den Mund zu und erzählt ihr seine Lebens- und Fluchtgeschichte. Ich habe mich vor der Sendung mit Abbas Khider unterhalten. Und weil diese Ohrfeige, die dem Roman den Titel gibt, gar nicht mitzuerleben ist für Leser – sie kommt vor, zweimal, aber man erlebt sie nicht –, habe ich ihn gefragt, warum sie trotzdem so wichtig ist, dass sie dem Roman den Titel gegeben hat!

Abbas Khider: So eine Frage ... Warum die Ohrfeige so wichtig war, weil manchmal Menschen einige Menschen es brauchen, um wach zu werden. Und zweitens, ich weiß, dass das Leben der Flüchtlinge, der Asylanten auch kein einfaches Leben ist. Sie bekommen unendliche Faustschläge von dem Schicksal. Und irgendwie ist es so eine Art Rache, auf irgendeine Art und Weise. Und ich dachte: Okay, es knallt überall in diesem Buch, also muss es auch "Ohrfeige" heißen.

Kassel: Dieses Buch, die Handlung spielt, was die Gegenwartsebene angeht – es gibt natürlich, das ist ja der Kern des Buches eigentlich, viele, viele Rückblicke auf das Leben von Karim Mensy –, aber was die Gegenwart angeht, spielt es in den frühen 00er-Jahren. Wäre das eine Geschichte aus dem Herbst 2015, wäre es dann eine vollkommen andere?

Khider: Ich glaube, nicht. Ich glaube, wenn Sie wirklich, sagen wir, nur einige historische Daten ändern und die Zahlen von 2001, 2015 oder auch Anfang 2016 ... Da hat sich wirklich nicht so viel geändert.

Nur ein wenig Hoffung

Kassel: Aber Karim Mensy, dieser junge irakische Flüchtling in Ihrem Roman, der will nach meinem Eindruck vor allem eins: Er will als Individuum wahrgenommen werden, nicht als Teil einer Gruppe. Das heißt, das naheliegende Fazit ist: Man kann nicht Hunderte, Tausende oder gar Hunderttausende Menschen kollektiv integrieren und irgendwie aufnehmen, man muss das in jedem Einzelfall tun. Aber wie kann man das, wie soll das gehen bei so vielen Flüchtlingen, wie sie zurzeit nach Deutschland kommen?

Khider: Ich glaube, diese Menschen, die hierher kommen, sie brauchen eigentlich nicht viel. Sie brauchen nur eine einfache Vorstellung von der Zukunft, dass sie das Gefühl haben, sie haben irgendwo eine Zukunft. Ich würde so sagen: Sie hatten zum Beispiel Angst um ihr Leben in ihren Heimatländern; sie kommen hierher und haben dann nur Angst um ihre Zukunft. Sie haben Angst, abgeschoben zu werden, ihr Leben besteht nur aus Ängsten. Und alles, was sie brauchen, ist, dass sie das Gefühl haben, sie haben in diesem Land Zukunft. Das glaube ich, das reicht, dass sie wirklich auch hier sich wohlfühlen.

Man will, dass die Menschen sich integrieren und dass sie ein Teil der Gesellschaft werden, aber man gibt ihnen nie das Gefühl, dass sie irgendwie normale Menschen wären, man behandelt sie nicht wie Menschen. Sie haben keine Zukunft hier, jeder weiß, dass sie irgendwann abgeschoben werden. Sie haben nur Angst. Und das ist der Versuch in dem Buch, diese Irrealität wirklich darzustellen, ohne irgendjemanden zu kritisieren oder irgendjemanden zu verteidigen, mit so wenig Mitleid wie möglich. Ich wollte nur die Tatsachen darstellen und der Leser entscheidet selbst. Ich bin ein Autor, ich stelle Fragen, ich gebe keine Antworten, das ist nicht meine Aufgabe. Antworten geben die Politiker, nicht ich.

"Ich hatte großes Glück"

Kassel: Der Ich-Erzähler in dem Roman wird nach über drei Jahren in Deutschland ausgewiesen, will dann mithilfe von Schleppern nach Finnland fliehen, es bleibt offen, ob ihm das gelingt. Das ist auch gar nicht so wichtig, aber man denkt natürlich bei manchem, was man da über ihn erfährt, darüber nach, wie viel von Ihnen steckt in diesem Karim Mensy? Ich frage es mal anders: Sie sind in Deutschland geblieben, Sie haben studiert und sind heute ein mit Preisen ausgezeichneter Autor. Haben Sie etwas richtig gemacht, was Mensy falsch macht in dem Roman, oder hatten Sie einfach Glück?

Khider: Ernsthaft, wir haben darüber vorher auch geredet, ich habe gesagt, die Migranten haben keine Möglichkeit, hier sich wirklich zu integrieren. Es gibt nicht mal die Möglichkeit zu einer Integration. Ihr Leben besteht nur aus Angst und das haben wir alles gesagt. Und ich war einer von denen, das ist die Wahrheit. Und ich lebte auch in Deutschland. Und wenn ich wirklich an alles denke, dann sollte ich sagen: Ich hatte wirklich nur Glück. Ich bin kein kämpferischer Mensch, war ich nicht und bin ich auch nicht. Ich hatte nur Glück. Weil, eine Sache: Es ist die Mehrheit, die Mehrheit schafft es nicht, das ist die Wahrheit. Und nur die wenigen schaffen es und die haben nur Glück, es geht nur um Pech und Glück.

Kassel: Sie sagen, Sie hatten Glück, Sie sind weit gekommen. Aber trotzdem noch eine Frage zum Schluss: Im Roman kommt am Rande auch vor, dass sich damals – ich habe es gesagt, Anfang der 00er-Jahre spielt er –, muslimische Männer in Deutschland häufig die Bärte abgeschnitten haben, um nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht für Islamisten gehalten zu werden. Inzwischen haben wir die Anschläge von Paris erlebt im vergangenen Jahr, wir erleben auch aus anderen Gründen ein zunehmendes Misstrauen. Erleben Sie das persönlich auch immer noch und ist es in letzter Zeit stärker geworden, dass Sie das Gefühl haben, wenn Sie jemand nicht kennt, aber merkt, dass Sie aus einem arabischen Land kommen, dass Ihnen dann ein grundsätzliches Misstrauen entgegengebracht wird, Angst vielleicht sogar?

Khider: Ja, ich kenne die Zeit vor dem 11. September und nach dem 11. September, ich war selbst in Deutschland. Und ich kenne die Zeit auch vor dem Arabischen Frühling und nach dem Arabischen Frühling, der Araber hat sich auch geändert. Und ich kenne die Zeit jetzt vor den Anschlägen von Paris und nachher. Und ich muss zugeben, ich weiß, solche Momente enden irgendwann, aber es dauert.

Scharfe Kontrollen am Flughafen

 Aber ernsthaft, es ist gerade wirklich überhaupt nicht einfach und ich merke, dass überall, besonders wenn ich am Flughafen bin, vor Kurzem zum Beispiel im Dezember bin ich dreimal geflogen und das war wirklich schrecklich, das ist so. Und die ganze Zeit Polizeikontrollen, sogar Fingerabdrücke wurden mir abgenommen. Es ist wirklich unglaublich und es ist ziemlich hart. Aber das ist auch in der Gesellschaft, wenn man mit Menschen redet und sie sehen, schwarzhaarig, oder irgendein Beamter in einer Behörde sieht meinen arabischen Namen ... Es geht aber nicht um mich, es geht wirklich um alle da. Ich habe das Gefühl, wir haben wirklich ein Problem. Es gibt eine Maschine in diesem Land und überall, in vielen Länder, die ist wirklich eine Angstmacherei-Maschine.

Und ich habe das Problem ... sagen wir so: Die Deutschen oder die Einheimischen haben Angst vor Ausländern oder Migranten, aber die Migranten haben auch Angst vor den Deutschen. Und es ist irgendwie eine Spirale und ich weiß nicht, wohin das führt. Aber ich weiß, weil ich wirklich ein Beobachter bin und das oftmals erlebt habe: Irgendwann endet das. Und bis das endet natürlich, ist es – klar – nicht einfach. Wir können das nicht ändern, so sind die Tatsachen zurzeit. Ich hoffe, ich hoffe aber, dass wir von der Geschichte was lernen. Aber scheinbar wiederholen Menschen immer die gleichen Fehler.

Kassel: Der Schriftsteller Abbas Khider, der vor 20 Jahren aus dem Irak flüchtete und heute in Deutschland lebt. "Ohrfeige", sein inzwischen vierter Roman, ist im Hanser-Verlag erschienen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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