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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.08.2016

Schreibkompetenz von Schülern Wie digitale Text-Häppchen das Denken verändern

Christian Füller im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Ein Smartphone-Nutzer tippt auf ein Emoji, um es in eine WhatsApp-Nachricht einzufügen. (picture alliance/dpa/Matthias Balk)
Ständig online, dafür schlecht in Rechtschreibung: die "Generation always on". (picture alliance/dpa/Matthias Balk)

Eine schlechtere Schreibkompetenz von Schülern hänge nicht mit der 1996 eingeführten Rechtschreibreform zusammen, meint der Bildungsexperte Christian Füller. Die Gründe seien vielmehr in der Internet-Nutzung der "Generation always on" zu suchen.

Beherrschen deutsche Schüler die Rechtschreibung immer schlechter? Darüber streiten Bildungsexperten 20 Jahre nach der Einführung der Rechtschreibreform. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hat die Reform verteidigt: Die Hauptursache der offenbar zunehmend mangelnden Schreibkompetenz sieht er im Fehlen intensiver Leseerlebnisse.

Der Bildungsexperte Christian Füller sieht keinen Zusammenhang zwischen der Fehlerhäufigkeit in Texten und der Rechtschreibreform:

"Es geht darum, dass Kinder heute möglicherweise mehr Fehler machen. Und das hat auch bestimmte Gründe. Ich glaube, dass es entscheidend damit zusammenhängt – und das sagen auch viele Forscher -, dass wir heute eine 'Generation always on' haben. Also Schüler, die sehr viel im Internet sind, die das Smartphone benutzen. Das ist gerade in den letzten vier, fünf Jahren explodiert."

Die Vorzüge des strukturierten Lesens

Diese Art des Lesens unterscheide sich fundamental von der Lektüre längerer Texte:

"Ich will jetzt nicht kulturpessimistisch werden und sagen, dass sie nicht mehr lesen. Aber es ist natürlich schon ein Unterschied, ob man sozusagen ein strukturiertes, ein tiefes Lesen hat, wie die Forscher an dieser Stelle sagen, oder ob man nur kleine Passagen im Netz liest."

Kämpfen um bildungsferne Schichten

Es gebe keine perfekte Methode für das Erlernen von Lesen und Schreiben, meinte Füller im Deutschlandradio Kultur. Man werde nie alle Schüler einer Jahrgangsgruppe zu den gleichen Leistungen bringen können:

"Aber wir müssen darauf achten, dass wir der Gruppe der Schüler, den sogenannten bildungsfernen Schichten, die Möglichkeit geben, in der Schule sozusagen nachzulernen."


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Die ersten Schüler müssen schon wieder ran. Die Ferien sind vorbei in Niedersachsen, Bremen und Sachsen. Anderswo bleiben noch ein paar Tage oder sogar Wochen, und wer richtig gut im Ferienmodus ist, der kann also Debatten wahrscheinlich ganz gut überhören, wie sie gestern die "Bild"-Zeitung losgetreten hat: Die Einführung der Rechtschreibreform hat dazu geführt, dass immer mehr Schüler eine miserable Rechtschreibung haben. Das war die Aussage. Eine berechtigte Kritik? Im Interview dazu jetzt Christian Füller, ausgewiesener Kenner der deutschen Bildungslandschaft, ehemals Leiter des Bildungsressorts der "taz" und Autor des Buches "Die gute Schule". Guten Morgen, Herr Füller!

Christian Füller: Guten Morgen!

Frenzel: Erst mal die Bestandsaufnahme: Stimmt es denn wirklich, was gefühlt alle bestätigen würden, die Rechtschreibung bei jungen Leuten ist heute schlechter?

Füller: Ja, tatsächlich gibt es eine Studie, die 2013 mal verglichen hat über lange Jahre, 1972, 2002, 2012 und zwar anhand eines gleichen Textes, den diese Schüler in diesen sehr unterschiedlichen Jahrgängen vorgelegt bekommen haben, und da kann man sehen, die Schüler erzählen viel interessanter inzwischen. Und sie erzählen journalistischer, sie kommentieren auch, aber sie machen in der Tat deutlich mehr Fehler. Vor 40 Jahren waren das eben nur sieben Fehler, in dieser Studie, und inzwischen sind es 17. Das heißt, das gibt es das Problem, wobei ich sagen würde, es hat nichts mit der Rechtschreibreform zu tun.

"Explodierende Nutzung" des Internets

Frenzel: Das wollte ich Sie gerade fragen: Also an der Rechtschreibreform liegt es aus ihrer Sicht nicht?

Füller: Nein. Also man kann jetzt die Studie, die die "Bild"-Zeitung vorgelegt hat von dem etwas älteren Herrn, der das gemacht hat, sich angucken, aber der hat keine echten Vergleichswerte. Das ist auch kein Bildungsforscher, sondern ein Germanist. Es geht darum, dass Schüler heute möglicherweise mehr Fehler machen, und das hat auch bestimmte Gründe. Ich glaube, dass es entscheidend damit zusammenhängt, und das sagen auch viele Forscher, dass wir heute eine 'Generation always on' haben, also Schüler, die sehr viel im Internet sind, die das Smartphone benutzen. Das ist gerade in den letzten vier, fünf Jahren explodiert. Also viele Schüler haben ein Smartphone und Internetzugang.

Frenzel: Aber ich meine, Internet und Smartphone, klar, da gibt es viele Videos und Audios, aber da wird doch auch viel gelesen. Das müsste doch eigentlich das gute alte Buch auch ersetzen, oder?

Füller: Also ich will jetzt nicht kulturpessimistisch werden und sagen, dass sie nicht mehr lesen, aber es ist natürlich schon ein Unterschied, ob man sozusagen ein strukturiertes Lesen hat und ein langes Lesen, ein tiefes Lesen, wie die Forscher an dieser Stelle sagen, oder ob man nur kleine Soundbites im Netz liest, nur kleine Passagen. Das hat sich sicherlich geändert.

Das grundsätzliche Problem der deutschen Sprache

Frenzel: Das heißt, die einfache Antwort wäre da erst mal, wir müssten die Schüler dazu verdonnern, tief in dem Sinne, wie Sie es gerade beschrieben haben, also längere Texte zu lesen.

Füller: Na ja, verdonnern – das ist das Problem. Also sozusagen der tiefere Sinn oder die Frage war ja an dieser Stelle, wie lernt man überhaupt lesen und schreiben, und da gibt es ein grundsätzliches Problem in der deutschen Sprache. Man kann das sozusagen nach Fibel lernen und machen, man kann es versuchen, mit Schülern wirklich genau wortgetreu richtig lesen zu lernen oder nach einer Methode, die auch in den 70ern eingeführt wurde, nämlich von Reichen, mit den Anlauttabellen, das freie lesen lernen durch Schreiben. So, und bei dem einen lernt man sehr genau und rechtschreibrichtig zu lesen und zu schreiben, und bei der anderen Methode wird man schneller flüssiger.

Das ist absolut sinnvoll, diese flüssigere Methode zu machen. Das hat ja auch diese Studie, zeigen ja auch viele Studien eben, dass die Kinder heute besser und schneller erzählen. Dass sie dabei eben mehr Fehler machen, kann auch sein, aber das war eben die Idee, zu sagen, ich will einen Fluss erzeugen bei Schülern, und dazu lasse ich sie einfach, zunächst mal korrigiere ich sie nicht sofort als Lehrer. Das hat man aber inzwischen wieder auch korrigiert, also kein Lehrer, kaum ein Lehrer macht heute streng diese Methode, dass er sagt, ich korrigiere Schüler überhaupt nicht mehr.

"Die perfekte Methode zum Lesenlernen gibt es nicht"

Frenzel: Das heißt aber, wenn ich Sie recht verstehe, beides zusammen kriegen wir nicht. Also früher haben die Schüler zwar richtiger geschrieben, aber dann Briefe begonnen mit Worten wie "Mit Freude ergreife ich die Feder", heute sind sie viel kreativer, und dafür müssen wir dann die Fehler in Kauf nehmen?

Füller: Na ja, also wir werden sowieso nie über eine komplette Jahrgangsgruppe hinweg alle Schüler zu den gleichen Leistungen bringen. Das müssen wir natürlich versuchen, so wie wir versuchen, die Arbeitslosigkeit loszubekommen, aber wir müssen darauf achten, dass wir – und das war das Interessante bei den Studien –, dass wir die Gruppe der Schüler, die sogenannten bildungsfernen, also die in Haushalten aufwachsen, wo man eben nicht so viel liest, wo man nicht beginnt mit schreiben lernen relativ früh, dass wir denen die Möglichkeit geben, in der Schule sozusagen nachzulernen.

Aber es gibt nicht die perfekte Methode. Wenn Sie sich die Studien anschauen, da wird man ja auch verrückt, was die alles Unterschiedliches rausfinden. Ich glaube, das Wichtige ist, dass man einen Mindeststandard vermittelt. Das ist sehr wichtig, und wir haben hier ein Problem, zu sehen, dass sozusagen in dem Moment, wo ideologisch gearbeitet wird, wo man zum Beispiel sagt, Grundschulkinder können sich Sprache und Schrift selbst beibringen.

Das geht für bestimmte Kinder auf jeden Fall, da funktioniert es, aber es geht für bestimmte Kinder eben nicht. Also bildungsferne Haushalte, wie man sagt, die Kinder von Migrantenfamilien haben oft ein Problem, Unterschichtskinder. Denen muss auf jeden Fall ein Lehrer helfen. Das heißt, ein Lehrer kann nicht nur ein Berater sein, ein Moderator, sondern er muss ihnen tatsächlich mit seiner pädagogischen Kompetenz helfen.

Frenzel: Wie können wir besser lesen und vor allem schreiben ohne Fehler – im Gespräch dazu der Bildungsjournalist und Experte Christian Füller. Herr Füller, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch!

Füller: Danke, tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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