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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.09.2007

Schreiben gegen die Angst, alles zu vergessen

Porträt der Schriftstellerin Emma Braslavsky

Von Kim Kindermann

Sudetendeutsche in traditonellen Kostümen: Emma Braslavsky erzählt in ironischer Weise von dem Heimweh und der Verklärung der Vertriebenen. (AP)
Sudetendeutsche in traditonellen Kostümen: Emma Braslavsky erzählt in ironischer Weise von dem Heimweh und der Verklärung der Vertriebenen. (AP)

Vordergründig erzählt Emma Braslavsky in ihrem Roman "Aus dem Sinn" von Vertreibung, vom Verlust von Haus und Hof, hintergründig aber vom Verlust des Gedächtnisses, der Erinnerungen. Die 35-jährige Schriftstellerin weiß, wovon sie spricht: Ihr Vater ist ins Koma gefallen und konnte sich danach an nichts mehr erinnern. Ein schreckliches Schicksal, das fortan wie ein Schatten über der gesamten Familie lag.

"Die Angst plötzlich ins Koma zu fallen, ist auch etwas, was mich umtreibt. Das man mal alles vergisst, dass man mal kleinere Phobien entwickelt."

Emma Braslavsky wie auch ihr kleiner Bruder waren noch gar nicht auf der Welt, da passierte es. Das Unglaubliche. 1969, der Vater, Erhard Richard Magerl, ein Mathematiker, der für das DDR Bildungsministerium arbeitet, kommt von einem geheimen Arbeitstreffen aus Ostberlin zurück.

"Er war furchtbar verwirrt und ja auch, ja, hat sie kaum wieder erkannt, war sehr seltsam drauf und hat einen Tag lang keinen vernünftigen Satz gesagt und einen Tag später ist er einfach ins Koma gefallen."

Als er eine Woche später wieder aufwacht, ist die Erinnerung weg. Einfach verschwunden. Er erkennt weder seine Frau Vera noch seine beiden Töchter. Alles ist ihm fremd. Er kommt in die Psychiatrie. Dort wird Emma Braslavsky ein Jahr später gezeugt:

"Ich bin dann mal offensichtlich irgendwo, es könnte auch in der Anstalt gewesen sein, unter haarsträubenden Bedingungen oder nicht, unter was man sich drunter vorstellt, gezeugt worden."

Von Anfang an steht Emma Braslavskys Leben, das ihrer Familie unter dem Bann dieses Ereignisses. Nichts bleibt, wie es ist, nichts ist mehr normal zuhause in Erfurt, damals im ehemaligen Osten. Alles dreht sich um die Bedürfnisse des Vaters, um seine Genesung. Die im Juni 1971 geborene Emma wird deshalb erst mal zur Großmutter väterlicherseits gebracht.

"Ich war als Kind ganz furchtbar rothaarig und mein Vater war ganz entsetzt darüber, weil er sich nicht mehr an die Mutter meiner Mutter erinnern konnte, die war rothaarig. Und das musste erst mal in Zusammenhang gebracht werden, wieso ich jetzt so aussehe, weil meine Schwestern sahen ganz anders aus. Das waren alles Sachen, die Kleinigkeiten offensichtlich scheinen, aber die bei einem Menschen, der versucht sich wieder zusammenzubringen, ist das alles sehr schwierig."

Die Großmutter, eine Sudetendeutsche, die aus Liebe zur Tradition am Katholizismus festhält, hat großen Einfluss auf Emma. Das Mädchen, das eigentlich Katrin heißen sollte, erlebt hier die Welt der Vertriebenen, erlebt, wie sie versuchen, im Osten weiterzuleben, sich zu integrieren, ohne ihre Wurzeln aufzugeben.

"Diese Leute bei meiner Großmutter im Wohnzimmer, die alle in Erfurt gelandet sind, die sich versammelt haben, Karten gespielt sehr oft, aber alles Leute, die Traurigkeit in sich haben, manchmal auch ein bisschen Melancholie und doch auch eine heitere Gesellschaft, die versucht hat, in diesem Osten irgendwie weiter zu machen."

Wieder geht es um Erinnerungen. Diesmal ums Nicht-Vergessen-Wollen. Sauerbraten, Apfelstrudel und Knödel gehören da genauso dazu wie der katholische Glaube und das Egerländische. Essen Und Sprache als Symbol für etwas Vergangenes. Schon früh wird Emma Braslavsky, dieser zierlichen Frau mit den wachen Augen und dem blitzgescheiten Intellekt klar: Nur wer sich erinnert, bleibt. Erinnern wird für sie zur Obsession:

"Ich bin selbst ein Typ, der extrem viel anspeichert. Ich habe ein großes Archiv, Angst etwas zu verlieren, einen Gedächtnisverlust zu erleiden und dadurch auch einen Speicherwahnsinn betreibe, ohne dass ich das wahrnehme, also bewusst wahrnehme."

Das ihr Buch "Aus dem Sinn" heißt und die Geschichte von Flucht, Vertreibung und dem Verlust des Gedächtnisses erzählt, wundert da nicht mehr. Es ist ihre Geschichte - skurril, exzentrisch und humorvoll. Wenn auch nicht völlig autobiographisch. Emma Braslavsky hat sie aufgeschrieben, aber erst später. Da hatte sie die DDR bereits verlassen, war über Ungarn geflohen - allein, ohne Eltern. Hatte in München Hotelfachfrau gelernt und später dann in Berlin an der Humboldt-Universität u.a. Russistik studiert. Als die Mauer fällt, ist sie in Rom.

"Ich habe geheult. obwohl ich nichts verstanden habe. Alles kam so richtig hoch."

Befreiend ist auch das Schreiben, dem sie sich Dank zweier Stipendien seit 2005 vollauf widmen kann. 2007 erhält sie für ihr Buch den Uwe-Johnson-Förderpreis. Trotzdem: Emma Braslawsky bleibt umtriebig.

"Das Monotone mag ich nicht, davor habe ich Angst, vor Monotonie."

Sie reist viel, hat in Moskau, Vietnam und Tel Aviv gelebt und gearbeitet. Letzteres wegen der Liebe. Mit Noam Braslavsky, einem Künstler, ist sie seit zehn Jahren zusammen, sechs davon verheiratet. Die beiden haben eine Tochter, Lail. Die Familie lebt in Berlin. Emma Braslavsky ist angekommen.

1999 ist Emma Braslavskys Vater gestorben. Seine Erinnerung hat er nie mehr völlig zurückerlangt.

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