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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.11.2013

Schreiben als Safari

Nadine Gordimer: "Erlebte Zeiten / Bewegte Zeiten", Berlin Verlag, 2013, zwei Bände, 735 Seiten / 384 Seiten

Die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer auf einem Archiv-Foto (AP)
Die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer auf einem Archiv-Foto (AP)

Nadine Gordimer erforscht das Leben schreibend – genau, unsentimental und mit großer Eleganz. Anlässlich des 90. Geburtstags der südafrikanischen Literaturnobelpreisträgerin erscheint nun ein Doppelband mit Erzählungen und Essays aus sechs Jahrzehnten.

90 Jahre alt wird die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer am 20. November. Die Südafrikanerin setzt sich in Romanen und Erzählungen, in Essays und Vorträgen mit dem Leben in Südafrika auseinander, ohne dabei politische Thesenliteratur zu verfassen.

Von klarer Eleganz, genau und unsentimental ist Gordimers Sprache sowohl in ihren Erzählungen – dem ihr vielleicht wichtigsten Genre – als auch in ihren Essays. Anschaulichkeit im wörtlichen Sinne zeichnet besonders die Erzählungen aus: Sie zeigen etwas und machen es auf diese Weise begreifbar. Sie werfen Schlaglichter auf die entscheidenden Momente, in denen Umbrüche geschehen und die Menschen sich jenseits aller Illusionen selbst in aller Schwäche oder Größe erkennen müssen. Und doch bleiben sie rätselhaft, denn kein Mensch ist je vollständig verstehbar, so wenig wie sein Schicksal.

"Für mich ist das Schreiben immer schon eine Erforschung des Lebens gewesen, eine Safari in die staunenswerte Wildnis, die andauern wird, bis ich sterbe", schreibt Gordimer in einem schönen Essay über Literatur ("Wo die Wörter wohnen"). Deshalb gehen viele Erzählungen offen aus. Wir erfahren nicht, was aus dem Slum-Jungen wird, der von weißen Förderern als hochbegabt erkannt und auf eine Schule geschickt wird. Alle Hoffnungen seiner Lehrer richten sich auf ihn. Am Ende verschwindet der Knabe unmittelbar vor einer entscheidenden Prüfung spurlos, was die Lesenden umso ratloser macht, als im ersten Satz der Erzählung beiläufig erwähnt wird, es handle sich um den künftigen Premierminister ("Nicht zur Veröffentlichung").

Kein allwissender Erzähler erzählt uns mehr, als die Figuren im Text wissen: Wir werden der gleichen Ungewissheit ausgesetzt und müssen uns wie sie fragen, was schief gelaufen ist. "Die Umarmung eines Soldaten" erzählt von einem gut situierten, liberalen weißen Rechtsanwalts-Ehepaar, das nach dem Umbruch trotz aller Beteuerungen, ihre Heimat niemals verlassen zu wollen, am Ende doch aus Angst vor einer ungewiss gewordenen Zukunft das Land, sein Haus, seine Diener verlässt. Großartig der letzte Satz aus der Sicht der Ehefrau: "Es fehlten wieder einmal die rechten Worte; was sie auch gewesen sein mochten, sie ließ sie hinter sich zurück." Eine moralische und persönliche Bankrotterklärung.

Nadine Gordimer schreibt über Politik in Gestalt individueller Schicksale. Indem sie Geschichten aus Südafrika vor und nach der Aufhebung der Apartheid erzählt, wirft sie immer auch die grundsätzliche Frage nach Verantwortung und Wahrhaftigkeit auf. Sie schreibt über Menschen, über Politik und natürlich über Literatur und Kunst und über Inspiration als einsame Selbstbegegnung. "Ich glaube, mit dem Schreiben fing ich als Kind an, als ich mir still vor mich hin Geschichten oder Gespräche erzählte und Eindrücke schilderte, während ich … hinten im Auto meiner Eltern saß." Literatur ist für Gordimer nicht dazu da, um ein vorgegebenes Thema zu illustrieren, sondern beginnt als Spiel der Vorstellungskraft, die sich um Themen kristallisiert.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Nadine Gordimer: Erlebte Zeiten / Bewegte Zeiten. Erzählungen 1952-2007 / Leben und Schreiben 1954-2008
Berlin Verlag, Berlin 2013
Zwei Bände, 735 Seiten und 384 Seiten, 78 Euro

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