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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.06.2006

Schöpfungsmythen und Märchen der Dakota-Indianer

Mary Louise Defender Wilson: "Die Welt wird niemals enden"

Rezensiert von Lutz Bunk

Für die amerikanische Öffentlichkeit sind die Indianer bis heute ein Tabu-Thema. (AP)
Für die amerikanische Öffentlichkeit sind die Indianer bis heute ein Tabu-Thema. (AP)

Ihr indianischer Name ist "Wagmuhawin", "die Frau mit der Kürbisrassel"; in ihrem US-amerikanischen Pass allerdings steht Mary Louise Defender Wilson. Ihr Leben lang hat die 76-jährige Lehrerin Schöpfungsmythen, Märchen und Fabeln ihres Stammes, der Dakota-Indianer gesammelt; jetzt sind sie in Deutschland erschienen - unter dem Titel "Die Welt wird niemals enden" -, in den USA hingegen nicht.

Dafür gibt es zwei Gründe: Für die amerikanische Öffentlichkeit selbst sind die Indianer bis heute ein absolutes Tabu-Thema, Ausdruck der Verdrängung angesichts des Holocaust, den die Weißen unter den Ureinwohnern angerichtet haben. Und andererseits ist die indianische Kultur selbst eine strikt mündliche Kultur, das heißt, es wird nicht gelesen sondern nur erzählt; es wird praktisch nichts aufgeschrieben bzw. gedruckt.

Insgesamt versammelt dieses Buch 31 Geschichten, im Durchschnitt 3-5 Seiten lang. 26 Geschichten stammen aus unbestimmter Vorzeit, sind also alte Legenden, Fabeln, Ur-Mythen der Dakota-Indianer; und fünf Geschichten spielen in der Neuzeit, wahrscheinlich im 19. Jahrhundert, z. B. auch jene Geschichte, die dem Buch seinen Titel gibt: "Die Welt wird niemals enden." Und diese Geschichte erhellt auf sehr klare und lehrreiche Weise die Philosophie der Dakota-Indianer Da werden indianische Kinder von Missionaren unterrichtet; an der Wand hängt ein Mensch, gefoltert und an ein Kreuz genagelt, Jesus, und die Missionare erzählen den Kindern vom biblischen Fegefeuer, von der Hölle und vom Ende, vom Untergang der Welt. Das heißt, die Kinder kommen panisch vor Angst und traumatisiert nach Hause.

Dann aber beginnt eine der indianischen Großmütter, den Kindern das indianische Weltbild und dessen Kosmologie zu erklären, in der die Welt niemals enden wird; und dazu kommt noch ein Himmel mit Sex, gutem Essen und gepflegter Unterhaltung, in den irgendwann jeder Indianer kommt. Manche allerdings brauchen länger: wer etwas falsch gemacht hat, der wird erstmal als Kind wiedergeboren und muss nachsitzen. Also kann die Welt niemals enden, weil es immer faule Kinder geben wird.

Humor, Witz und das Spiel sind die kulturellen Grundelemente indianischer Kultur. In vielen Geschichten dieses Buches spielen so auch indianische Comic-Figuren eine wichtige Rolle: Da gibt es z. B. den superschlauen und supernetten Kojoten oder den starken, raffinierten, faulen und hinterhältigen Spinnenmann, - Figuren, die die Indianer "Trickster" nennen, menschlich tierische Fabelwesen, die sich die amerikanische Unterhaltungsindustrie, d. h. Trickfilmstudios wie Disney, in ihrer Gründungsphase bewusst zum Vorbild genommen hat, also d. h.: Spiderman, Donald Duck und Micky-Maus sind eigentlich indianischer Herkunft.

"Die Welt wird niemals enden" ist ein Buch voller märchenhafter Geschichten, oft komisch aber auch oft ernst und traurig - ein Buch mit einem hohen Unterhaltungswert. Fesselnd und faszinierend sind seine Botschaften: der Mensch ist gut, aber fast nichts geht ohne Solidarität; der Starke, der Bär, ist nichts ohne die Tricks des Schwachen, des Kaninchens. Dieses Buch ist eine schillernde Perle der Weltliteratur.


Mary Louise Defender Wilson:
Die Welt wird niemals enden,

übersetzt von Michael Schlottner.
Insel Verlag 2006,
207 Seiten, 17,80 Euro.