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Profil / Archiv | Beitrag vom 18.03.2008

Schönheit mit Hang zu Killerspielen

Porträt der Computer-Produzentin Jade Raymond

Von Vanja Budde

Eine Szene aus Jade Raymonds Computerspiel "Assasin's Creed". (AP Archiv)
Eine Szene aus Jade Raymonds Computerspiel "Assasin's Creed". (AP Archiv)

Sie gilt als Star ihrer Branche und scheut entgegen den Gewohnheiten ihrer Kollegen auch die Öffentlichkeit nicht: die kanadische Computerspiele-Produzentin Jade Raymond. In ihrem Werk "Assassin's Creed" schlüpft der Spieler in die Rolle eines Killers, der allerdings nur Übeltäter und Finsterlinge meuchelt.

Jade Raymond: "Hi. That’s me."

Jade Raymond ist kein pickliger Computerwurm mit Hornbrille, der nächtens inmitten leerer Pizzaschachteln und Kabelknäuel einsam das neueste Spiel programmiert: Die Kanadierin eurasischer Abstammung ist Anfang 30. Ihr dunkles, schulterlanges Haar glänzt im Scheinwerferlicht, ihre großen, grün-braunen Augen leuchten und die Männer im Publikum liegen ihr zu Füßen und wispern: "Süß!", wenn die Schöne wie jüngst in Berlin einen Vortrag über die Zukunft der Games-Industrie hält.

"Damit Videospiele ihr wirkliches Potenzial entfalten können, müssen wir damit beginnen, echte Geschichten zu erzählen. Wir brauchen Videospiele mit einer Botschaft. Und nicht einen Haufen herumspringender Typen oder Action, die von der Story los gelöst ist."

Eine echte Geschichte wollte Raymond auch mit "Assassin's Creed" erzählen: Die bislang aufwendigste Produktion von Ubisoft führt den Spieler auf eine Zeitreise ins Mittelalter. Zusammen mit Designern, Drehbuchschreibern und Grafikern hat Raymond Bücher über die Kreuzzüge gewälzt, Filme geguckt und Ideen gesammelt. Das ist für sie die schönste und kreativste Zeit, wenn ein neues Spiel entsteht. Auch die Bücher ihres Lieblingsautors Thomas Pynchon seien in "Assassin's Creed" mit eingeflossen.

300 Leute haben dann vier Jahre an der Entwicklung des Blockbusters gearbeitet, in dem der Player in die Rolle eines Auftragskillers schlüpft. Der meuchelt allerdings in einer Frieden stiftenden Mission des historischen "Assassinen"-Ordens nur Übeltäter und Finsterlinge.

Ubisoft vermarktet "Assassins Creed" als Computerspiel der "neuen Generation". Tatsächlich innovativ und reichlich komplex ist die Steuerung. Neu war auch, Drehbuchschreiber zu beschäftigen und für die Darstellung interaktiver Menschenmengen 150 real existierende Personen zu casten. Nach deren Vorbildern wurden dann die Bürger von Damaskus und Jerusalem des 12. Jahrhunderts gestaltet.

Auch die Persönlichkeit der Hauptfigur, in dessen Rolle der Spieler schlüpft, sei differenzierter als bislang üblich, sagt Jade Raymond. Und schwärmt im Interview begeistert von all den verschiedenen Waffen, die dieser "Altair" nutzen kann, um seine Opfer aus dem Weg zu räumen. Auf die Frage, ob Gewalt nötig sei, um auf dem heiß umkämpften Spiele-Markt erfolgreich zu sein, antwortet Jade Raymond ausweichend:

"Gewalt in Computerspielen ist derzeit ein großes Thema in den Medien. Früher war es die Heavy-Metal-Musik, die angeblich gewalttätig machte und des Teufels war. Heute sind es Computerspiele. Aber verglichen zum Beispiel mit Actionfilmen sind sie weniger Gewalt verherrlichend. Und sie werden von den Indizierungsstellen stärker kontrolliert. Wenn ein Spiel erst ab 18 frei gegeben ist, dann ist es eben nichts für Kinder."

Jade Raymond selbst spielte als Kind "Pong" auf dem Computer ihres Cousins. Sie war 14, als sie das erste Videospiel sah, und schon damals stand für sie fest, dass sie so etwas selber entwickeln will. Also meldete sich als einziges Mädchen in einem Computerkurs an. Ganze Sommerferien in ihrer Heimatstadt Montreal verbrachte sie am Bildschirm. Bis heute spielt sie auch in ihrer Freizeit so oft wie möglich.

"Spielen ist eine menschliche Eigenschaft. Spiele stellen die Regeln des Lebens als Puzzle dar. Und da Computerspiele interaktiv sind, kann man sich darin kreativ einbringen. sich klug fühlen und Erfolgserlebnisse haben."

Jade Raymond studierte Computerwissenschaften und begann für Sony Videospiele zu schreiben. Sie begeistert sich für die Schönheit des Programmierens, wenn aus Zahlen Bilder werden und aus Tastenbefehlen Bewegungen. Ihr Lieblingsspiel ist "Resident Evil 4", in dem sie blutige Jagd auf Zombies macht.

Solche Ego-Shooter soll Robert Steinhäuser intensiv gespielt haben, bevor er 2002 in einem Erfurter Gymnasium elf Menschen tötete. Glaubt sie, dass solche Spiele Amokläufer zu ihren Taten mit anstiften können?

"Ähhhmmm, ich weiß nicht."

Jade Raymond ist smart, hat sich aber offensichtlich mit solchen Fragen nicht viel beschäftigt. Dabei ist sie Mitglied in einer Organisation namens "LOVE", die Gewalt aus dem Leben von Kindern fern halten will. Computerspiele werden in Zukunft eine immer größere Rolle spielen, sagt Raymond.

Auch in Deutschland wächst die Spieler-Gemeinde. Schon jetzt wird mit den Games eine Milliarde Euro jährlich umgesetzt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann will Computerspiele nun in den Rang eines Kulturgutes erheben und Preise in Höhe von mehreren hunderttausend Euro ausloben für Videogames, die "qualitativ hochwertig" sind und "gesellschaftlich erwünscht".

Ob blutrünstiger Ego-Shooter oder "pädagogisch wertvoll": Für Jade Raymond haben alle Videospiele etwas gemeinsam. Etwas, das ihrem Siegeszug rund um den Globus zugrunde liegt:

"Es hat auch diese Seite: Wie beim Lesen eines großartigen Romans. Wenn Du total einbezogen wirst in dieses andere Universum. Wenn man nur noch an diese Geschichte denkt und an die Charaktere. All das kann man mit einem Videospiel auch haben. Nur, dass man daran Teil nimmt. Du fühlst Dich wirklich wie in einer anderen Welt. Und nimmst eine Auszeit vom wirklichen Leben."

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