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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.11.2010

Schockierend und verdienstvoll

Eckart Conze/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann: "Das Amt und die Vergangenheit"

Rezensiert von Ernst Piper

Oktober 1933: Joseph Goebbels und der damalige Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath bei einer Sitzung des Völkerbundes in Genf. (AP)
Oktober 1933: Joseph Goebbels und der damalige Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath bei einer Sitzung des Völkerbundes in Genf. (AP)

Diese Studie über die Rolle des Auswärtigen Amtes unter den Nazis und in der Nachkriegszeit ist eine bedrückende Lektüre: Die Geschichte einer elitären Beamtenschaft, die jahrelang einer ungeheuerlichen Mord- und Vernichtungsmaschinerie zugearbeitet hat - und sich anschließend unbeschadet in der Bundesrepublik einrichten konnte.

1987 erschien Hans-Jürgen Döschers Studie "Das Auswärtige Amt im Dritten Reich" über die deutsche Diplomatie im Schatten der Endlösung. Und schon 1978 kam Christopher Brownings grundlegende Arbeit über das sogenannte Judenreferat im Auswärtigen Amt heraus. Das alles ist lange her und hatte damals wenig Wirkung. Das traditionsgestählte Korps der nicht selten adeligen Beamten im höheren Dienst vermochte es, die alten Mythen vom Auswärtigen Amt, das in den Jahren der nationalsozialistischen Barbarei ein Refugium der Resistenz gewesen sei, all die Jahre aufrecht zu erhalten.

Doch seit kurzem ist alles anders. Ende Oktober ist ein Buch herausgekommen, das schon vor seinem Erscheinen ein gewaltiges Medienecho ausgelöst hat. Der Sturm im Blätterwald gleicht geradezu einem Orkan und mit der Ruhe im Auswärtigen Amt ist es erst einmal vorbei. Die Verunsicherung geht so weit, dass sogar über die alte Forderung, das Archiv des Amtes ins Bundesarchiv zu integrieren, jetzt plötzlich eine ernsthafte Diskussion möglich ist.

Angefangen hatte alles mit einer Kontroverse um die Nachrufpraxis des Auswärtigen Amtes. 2003 war Franz Nüßlein verstorben, der im sogenannten Reichsprotektorat Böhmen und Mähren an zahlreichen Todesurteilen mitgewirkt hatte. Nach Kriegsende floh er nach Süddeutschland, wurde von den Amerikanern verhaftet und an die Tschechoslowakei ausgeliefert, wo er zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. 1955 wurde er im Zuge der Entlassung von Kriegsgefangenen in die Bundesrepublik abgeschoben, wo er seinen Lebenslauf sehr geschickt frisierte:

"Auf der Grundlage der Gesetzesregelungen für Spätheimkehrer gelangten jetzt selbst Schwerbelastete wie der frühere NS-Staatsanwalt Franz Nüßlein problemlos auf höchste Posten: Nüßlein ... deutete seine Verurteilung zu zwanzigjähriger Haft durch ein tschechoslowakisches Volksgericht, von der er immerhin knapp acht Jahre abgesessen hatte, zu einer 'Internierung' um und stellte nach seiner Abschiebung in die Bundesrepublik umgehend einen Antrag auf Haftentschädigung."

Noch im selben Jahr wurde er in den Auswärtigen Dienst übernommen. Seine einzige Auslandsverwendung führte ihn in das faschistische Spanien. Als Nüßlein starb, erhielt er den üblichen Nachruf in der Hauszeitschrift InternAA. Das "ehrende Andenken", das das Amt ihm bewahren wollte, empörte eine frühere Mitarbeiterin. Sie gab den Anstoß dafür, dass Außenminister Fischer im September 2003 verfügte, ehemalige Mitglieder der NSDAP sollten künftig keinen Nachruf mehr erhalten.

Der erste, den das betraf, war im Jahr darauf Franz Krapf. Er war nicht nur Parteimitglied gewesen, sondern 1933 auch der SS beigetreten. Krapf war außerdem einer der fünf "ehrenamtlichen Mitarbeiter" des Reichssicherheitshauptamtes im Auswärtigen Amt, d.h. er versorgte die Mörderzentrale in der Prinz-Albrecht-Straße laufend mit Informationen aus dem Amt. Diesem Mann wurde das "ehrende Andenken" verweigert, was zu einer nie dagewesenen Revolte unter deutschen Spitzendiplomaten führte. Ein Botschafter, vormals Büroleiter von Hans-Dietrich Genscher, der den Minister in einem offenen Brief scharf angriff, musste zwangspensioniert werden. 76 Mitarbeiter des AA warfen Fischer in einem offenen Brief "anmaßende Selbstüberschätzung" vor.

Buchcover: Das Amt und die Vergangenheit (Karl Blessing Verlag)Buchcover: "Das Amt und die Vergangenheit" (Karl Blessing Verlag)Am Ende berief der Außenminister zur Klärung der Sachlage eine Historikerkommission, die nach vierjähriger Arbeit jetzt ihren Bericht vorgelegt hat. Die vier international angesehenen Experten haben, unterstützt von einem Dutzend hochqualifizierter Mitarbeiter, ein epochales Werk vorgelegt. Es ist eine bedrückende Lektüre, die Geschichte von Korpsgeist und Kumpanei, Naivität und Ignoranz, Lüge und Vertuschung, die Geschichte einer elitären Beamtenschaft, die jahrelang einer ungeheuerlichen Mord- und Vernichtungsmaschinerie zugearbeitet hat und dabei nicht selten sogar die Initiative ergriff. Deutsche Diplomaten organisierten und koordinierten z.B. in Bulgarien, Griechenland oder der Slowakei die Deportationen in die Vernichtungslager.

"Das Amt und die Vergangenheit" entlarvt lange gehegte Legenden. Das Auswärtige Amt war nicht nur kein Hort des Widerstands. Es war auch nicht ein Refugium altgedienter Ministerialbürokraten, die auch unter einer schlechten Regierung ihr Land nicht im Stich lassen wollten und einfach weiter ihren Dienst verrichteten. Es gab auch keine gezielte Infiltration durch Nationalsozialisten, die war gar nicht notwendig. Kennzeichnend für das Auswärtige Amt war vielmehr die "Selbstgleichschaltung". Zwischen den Beamten in der Wilhelmstraße und der Regierung Hitler herrschte ein antidemokratischer und auch ein antisemitischer Konsens, wobei die meist adeligen Diplomaten den traditionellen Oberschichtantisemitismus vertraten, der weit weniger radikal war als der genozidale Erlösungsantisemitismus der Nationalsozialisten. Aber beide wollten den "Schandfrieden" von Versailles überwinden und Deutschland wieder zur Großmacht machen:

"Es gab eine weitreichende Teilidentität der Ziele. Deswegen schirmten deutsche Diplomaten die systematische und gewaltsame Entrechtungs- und Diskriminierungspolitik des Dritten Reiches
gegenüber den Juden nicht nur nach außen ab, sondern waren von 1933 an aktiv an ihr beteiligt."

Den zweiten und größeren Teil ihrer Darstellung haben die Autoren der Nachkriegszeit gewidmet. Dabei offenbart sich ein erschreckendes Maß an Kontinuität. Im März 1952 sind 49 von 75 Ministerialdirektoren, -dirigenten und Referatsleitern ehemalige Mitglieder der NSDAP. Männer wie Fritz Kolbe, die im Widerstand gewesen waren, wurden dagegen als Verräter stigmatisiert und ihre Wiederverwendung im Auswärtigen Dienst von den alten Wilhelmstraßen-Seilschaften erfolgreich hintertrieben.

Es ist dieser zweite Teil des Buches, der ebenso schockierend wie verdienstvoll ist. Die Schrecken des Holocaust sind auch in ihren gewaltigen Dimensionen inzwischen im Wesentlichen bekannt. Auch die tiefe Verstrickung der Ministerialbürokratie und der diplomatischen Vertretungen war für Fachleute kein Geheimnis. Aber das Ausmaß der personellen Kontinuität nach 1945 und die Skrupellosigkeit, mit der sie durchgesetzt wurde, werden hier erstmals systematisch beschrieben.

Paradigmatisch ist der Fall Werner von Bargen. Der hatte unter anderem Judendeportationen in Belgien organisiert. Ein Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages kam 1952 zu dem einstimmigen Ergebnis, dass Bargen für eine weitere Verwendung im Auswärtigen Dienst nicht geeignet sei. Daraufhin wurde er eine Zeit lang offiziell beurlaubt und arbeitete als Dozent in der Attachéausbildung. Bereits 1954 wurde er reaktiviert und rückte zum stellvertretenden Leiter der handelspolitischen Abteilung auf. Bargen gehörte zu den schwer Belasteten, die im Ausland nur in arabischen Ländern eingesetzt wurden. So wurde er Botschafter in Bagdad. Anlässlich seiner Pensionierung erhielt der Mann, der einst das "Abschlachten" von Juden begrüßt hatte, das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.

Die personelle und strukturelle Kontinuität hat zugleich die Aufklärung der Vergangenheit behindert. Sie war für die Erforschung der Geschichte des Auswärtigen Amtes lange Zeit ein veritables Forschungshindernis. Auch die Historikerkommission hatte mit der Verweigerungshaltung der Leitung des Archivs im Amt zu kämpfen. Dieses Archiv ist aus dem 1920 begründeten "Schuldreferat" hervorgegangen, das einst die Aufgabe hatte, gegen die sogenannte "Kriegsschuldlüge" zu kämpfen. Diese Sondertradition ist singulär. Das Auswärtige Amt ist das einzige Bundesministerium, das seine Akten bis heute nicht an das Bundesarchiv abgibt.

Im Bericht der Historikerkommission erfahren wir, dass zur Diplomatenausbildung ein Besuch bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg und eine Besichtigung des Konzentrationslagers Dachau gehörte, außerdem körperliche Ertüchtigung durch Reiten, Fechten, Schwimmen und Schießen. Heute soll, so hat Außenminister Westerwelle es bei seiner Entgegennahme erklärt, der Bericht selbst ein "fester Bestandteil der Ausbildung deutscher Diplomaten" sein. So ändern sich die Zeiten und irgendwann kommt der Fortschritt auch im Auswärtige Amt an.

Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik
Karl Blessing Verlag, München 2010
879 Seiten, 34,95 Euro

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