Seit 11:35 Uhr Klassik ROC
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:35 Uhr Klassik ROC
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.03.2013

Schnitzeljagd in Westafrika

Rainer Merkel: "Bo", S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2013, 687 Seiten

Der Schriftsteller und Psychologe Rainer Merkel (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Der Schriftsteller und Psychologe Rainer Merkel (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Plötzlich allein in Monrovia ist der 13-jährige Benjamin, weil er am Flughafen nicht abgeholt wird. So beginnt seine dreitägige Initiationsreise durch Liberia, die Rainer Merkel im Roman "Bo" erzählt: mit skurrilen und subtilen Momenten - aber leider nicht verdichtet genug.

Zuletzt hat Rainer Merkel mit "Das Unglück der anderen" ein umfangreiches Buch über seine Reisen durch drei Krisengebiete dieser Welt veröffentlicht. Eines davon, Liberia, ist nun der Schauplatz seines neuen Romans. Man beginnt die Lektüre von "Bo" deshalb in Erwartung eines auf Recherche basierenden Realismus. Aber "dokumentarisch" ist hier nichts. Die 13-jährige Hauptfigur Benjamin erscheint wie ein jüngerer Bruder von Kafkas Karl Rossmann, dem "Verschollenen".

Benjamin sitzt allein im Flugzeug nach Liberia, und auch er scheint wie verstoßen von seinen Eltern. Seine Mutter in Berlin-Lichtenberg wird in Zwischenszenen als prekäre Sparerin erkennbar, die den Sohn zwischen den bürgerlichen Gymnasiasten in eine Sonderlingsstellung gedrängt hat. Der Vater ist ein vielbeschäftigter Mann und baut im Auftrag der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit Brücken in Afrika. Hat er vergessen, seinen Sohn vom Flughafen abzuholen?

Nun steht er da, allein in Afrika, ohne Gepäck, ausgestattet bloß mit einigen allgemeinen Ratschlägen hinsichtlich der Hauptgefahren des Lebens in Liberia. Benjamin schließt sich zunächst einer hochnäsigen Exil-Liberianerin namens Brilliant Hope Gwenigale-Johnson an, mit der er schon im Flugzeug aneinandergeraten ist. Sie kommt aus Los Angeles, hat einen steinreichen Onkel und fällt im Folgenden als charmante Sadistin auf, wenn sie ihren Diener Edward mit Hingabe quält. Aber auch unheimliche Gestalten bemühen sich um Benjamin, etwa ein Mann mit Machete: "Ich bin Cleophus Harris, wenn du hier einen Freund brauchst, nimm einfach mich."

Wem ist zu trauen in dieser verwunschenen Anderswelt? Monrovia erscheint in den Augen des 13-Jährigen rätselhaft, unverständlich, lockend, wie eine wunderbare Einladung zu einem Abenteuer. Für Benjamin beginnt eine dreitägige Initiationsreise, bei der er schnell Gefährten findet, allen voran Bo, der ihn zum "Außerirdischen aus Schwedianien" adelt. Der blinde Junge läuft stürmisch durch den Wald, tastet Gesichter mit den Händen ab und verfügt über die Fähigkeit des Seelen-Sehens. Benjamin und sein fremder Freund Bo – man fühlt sich mehr als einmal an Wolfgang Herrndorfs jugendliche Abenteurer Maik und Tschick erinnert.

Kaputte Taxis, zirkusreif überladene Pick-ups, schlammige Straßen in der Regenzeit, ausgebrannte Ruinen, ein Schiffswrack am Strand, der afrikanische Wald, der südliche Sternenhimmel und Legenden über kopfabreißende Riesen – der Roman zeichnet atmosphärische Bilder, verbindet die authentische Exotik mit unverzichtbaren Afrika-Klischees. Wie in den Romanen Georg Kleins besteht die Handlung aus Suchbewegungen: eine literarische Schnitzeljagd auf fast 700 Seiten. Viele Kapitel enden mit ominösen Cliffhangern.

Der Vater wird gesucht. Ein verlorener Mantel, ein Haufen Geld. Dann wird auf der Grundlage halbverstandener Tagebuchnotizen eine neue Fährte gelegt, und die Kinder machen sich auf der Suche nach einer vermissten jungen Frau namens Flower. Sie geraten an Orte, die einerseits die Bürgerkriegsrealität Liberias vermitteln, andererseits ein Geheimnis haben: ein psychiatrisches Krankenhaus ("ein Ort, an dem der Schein doppelt trügt"), ein zerstörtes Luxushotel, ein Wasserfall, ein Dorf in der Nacht, in dem Benjamin plötzlich ein wunderschönes nacktes Mädchen erblickt.

Dieser Roman hat skurrile Szenen und subtile Momente, er hat ebenso merkwürdige wie einprägsame Charaktere wie den alten Beschwerde-Schreiber Okogo. Nur hat er leider ebenso viele Weitschweifigkeiten und öde Strecken. Gekonnt um die Hälfte gekürzt und erzählerisch verdichtet, hätte "Bo" ein außergewöhnliches Buch werden können. So ist die Freude über dieses wunderlich-eigenwillige Erzählwerk doch sehr getrübt.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Rainer Merkel: Bo
Roman
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2013,
687 Seiten, 22,99 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Sich der Wirklichkeit nähern

Buchkritik

Candice Fox: "Hades"Ein Krimi, der süchtig macht
Ein australischer Polizeiwagen parkt an einem Tatort. (picture alliance / dpa)

Der Gangster "Hades" trifft in dem gleichnamigen Krimi auf zwei halbtote, elternlose Kinder. Die Zukunft der traumatisierten Geschwister sieht er im australischen Polizeidienst. Candice Fox macht daraus einen Plot mit Sogeffekt.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur