Seit 11:35 Uhr Weltmusik
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 11:35 Uhr Weltmusik
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 22.01.2016

Schnelldampfer Augusta VictoriaDie erste Luxus-Kreuzfahrt der Welt

Von Mathias Schulenburg

HAPAG, Schnelldampfer Augusta Viktoria (imago / Arkivi)
Ein Doppelschraubenantrieb war ein besonderes technisches Merkmal des HAPAG-Schnelldampfers Augusta Victoria. (imago / Arkivi)

Prächtige Salons, Rauchzimmer, kunstvolle Dekorationen: Der Prospekt der HAPAG schwärmte von "Comfort und Eleganz" an Bord der Augusta Victoria. Prompt wurde die vor 125 Jahren gestartete weltweit erste Luxus-Kreuzfahrt in den Orient ein voller Erfolg.

Das war in den Wintermonaten vor 1890 das übliche Schicksal eines vornehmlich für Passagiere eingerichteten deutschen Dampfers einer Amerikalinie: Er fuhr nur zur Hälfte ausgelastet durch den kalten Atlantik und zehrte am Kapital des Reeders. Denn wesentliche Erträge wurden damals mit dem Transport von Auswanderern erzielt; die aber bevorzugten für ihre schwere Reise die Sommermonate, damit zur Ungewissheit nicht noch die Kälte kam.

Das erste Luxus-Kreuzfahrtschiff der Welt

Als die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actiengesellschaft HAPAG 1889 hochmoderne Schiffe bekam – das erste wurde nach der deutschen Kaiserin Augusta Victoria genannt, die eigentlich Auguste hieß – hatte der unternehmungslustige Generaldirektor Albert Ballin die Idee, die Wintermonate mit einer Schiffskreuzfahrt in den Orient profitabel zu überbrücken. So wurde die Augusta Victoria zum ersten Luxus-Kreuzfahrtschiff der Welt. Die Betonung liegt auf Luxus – bescheidenere Unternehmen dieser Art hatte es schon vorher gegeben. Ein HAPAG-Prospekt beschwärmte die Spitzenschiffe:

"Der Comfort und die Eleganz, die auf den Schiffen zur Geltung gebracht sind, stellen Alles in den Schatten, was bisher auf Oceanschiffen geleistet wurde. Die großen und prächtigen Salons, die Damen-, Musik- und Rauchzimmer u. s. w. sind im reichsten Style ausgestattet worden; die besten Künstler wurden herangezogen, sie durch Gemälde, Schnitzereien und Dekorationen zu schmücken."

Ein Teil des Lobes war sicher branchenüblich übertrieben; eine Kabine für zwei Personen in der ersten Klasse etwa maß gerade mal sechs Quadratmeter. Dafür gab es Waschbecken mit fließend kaltem und warmem Wasser. Bäder und WC waren Gemeinschaftseinrichtungen auf dem Flur. Die Aufteilung der Badezeiten übernahm ein Badesteward.

Aber dann gab es noch ein wirklich überzeugendes Argument für HAPAGs neue Schiffe: Sie hatten einen Doppelschraubenantrieb. Schiffsschrauben können beschädigt werden oder gar verloren gehen. Dann dümpelte das betroffene Schiff, wenn es (wie damals lange üblich) nur eine Schraube hatte, hilflos auf See und war auf fremde Hilfe angewiesen – nicht leicht zu finden in einer Welt ohne Funkverbindungen.

In kurzer Zeit ausgebucht

HAPAGs Orient-Kreuzfahrt war in kurzer Zeit ausgebucht. Am 22. Januar 1891 stach die Augusta Victoria mit 227 Passagieren an Bord von Cuxhaven aus in See, auch Albert Ballin und Frau. Das "Hamburger Abendblatt" schrieb:

"Auf ihrer ersten Orientfahrt lief die Augusta Victoria 14-mal Häfen an und wurde überall überschwänglich empfangen. In Piräus ordnete der König 15 Salutschüsse an, in Istanbul, das seinerzeit noch Konstantinopel hieß, machte der Sultan der Türkei seine Aufwartung, von Alexandria aus besuchten die Passagiere Kairo  und die Pyramiden."

Die Unterhaltungsmöglichkeiten auf dem Schiff waren eher bescheiden; ein Prospekt empfahl dem "unbedarften Passagier", er könne Karten spielen, Wetten auf die Geschwindigkeit des Schiffes abschließen oder die Damen an Bord necken, was selbst eingeschworene Feinde zu Komplizen machen könne. Damen waren aber nur 67 an Bord, überwiegend englische. Deutschen Frauen wurden derartige Touren damals noch nicht zugetraut. Manchen Engländerinnen sagte die Reise ausweislich eines Tagebuches sehr zu:

"Der Mond schien und der majestätische Felsen von Gibraltar erglänzte in seinen Strahlen. Ich war plötzlich traurig und es ärgerte mich, dass Florence Smith ihre Haare hinter mir kämmte und sagte: 'Oh dear, how nicely German men kiss.' Wir sind auf Eseln zu den Pyramiden geritten. Es ist hier so warm, dass ich meinen zweiten Anstandsunterrock ausgelassen habe, obgleich ich schon die dünnere Pikeesorte trug."

Eine logistische Meisterleistung

Der Ritt auf Eseln war nicht allein romantischen Neigungen geschuldet. Die Transportmöglichkeiten an den Reisezielen waren einfach sehr beschränkt, sodass die Unternehmungen zu Lande viel Zeit in Anspruch nahmen. Das ganze Unternehmen war denn auch eine logistische Meisterleistung.

Die Reise wurde ein voller Erfolg und setzte Maßstäbe für die vielen Kreuzfahrten, die noch kommen sollten – als erst der Krieg vorüber war. Albert Ballin, der die Sache in Gang gesetzt hatte, starb am Ende des auch für sein Schiffsimperium verheerenden Ersten Weltkrieges an einer Überdosis Schlaftabletten.

Mehr zum Thema

Die Entführung der "Achille Lauro" - Geiseldrama auf dem Luxusdampfer
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 07.10.2015)

Der Schicksalsdampfer
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 08.01.2010)

Seelsorge auf dem Traumschiff
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 11.06.2011)

Traumschiff als Trash-Variante
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 10.04.2008)

Kalenderblatt

75. Todestag von Walter SpiesKünstler im Paradies
Kecak (Monkey Dance), created by German artist and choreographer Walter Spies in the 1930s drawing on elements of the Hindu epic the Ramayana, Bali, Indonesia, Southeast Asia, Asia  (imago stock&people / Luca Tettoni)

Der Maler und Komponist Walter Spies lebte und arbeitete 16 Jahre auf der indonesischen Insel Bali. Mit seinen Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen revolutionierte er die balinesische Malerei und machte das Eiland in Europa und Amerika bekannt.Mehr

125. Geburtstag Oliver HardyEin Schwergewicht der Komik
18. Januar 1951: Die legendären Komiker Stan Laurel (l) und Oliver Hardy (r) mit einer Geburtstagstorte im Billancourt Studio in Paris. (picture alliance / dpa / keystone)

Oliver Hardy, das war der Dick im legendären Duo "Stan und Ollie", in Deutschland vor allem bekannt als "Dick und Doof". Seine Lebensrolle als großspuriger Möchtegern-Mann-von-Welt, dem bei besten Absichten immer alles misslingt, spielt er fast 30 Jahre. Mehr

Carl LaemmleDer Mann, der Hollywood erfand
(picture alliance / dpa / Stefan Puchner)

Vom Tellerwäscher zum Millionär - die Lebensgeschichte von Carl Laemmle klingt wie das perfekte Amerika-Klischee. Ein deutscher Einwanderer arbeitet sich hoch und wird in Los Angeles zum ersten Filmmogul der Kino-Geschichte. Vor 150 Jahren wurde er geboren.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur