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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2012

Schlingensiefs Vermächtnis

Christoph Schlingensief: "Ich weiß, ich war's". Kiepenheuer und Witsch, Köln 2012. 304 Seiten

Der Künstler Christoph Schlingensief bei der Berlinale 2010 in Berlin. (AP)
Der Künstler Christoph Schlingensief bei der Berlinale 2010 in Berlin. (AP)

Das letzte Projekt des 2010 verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief liegt nun vor: "Ich weiß, ich war's" sammelt Geschichten und Eindrücke aus Schlingensiefs Leben, von ihm selbst während der Lesereise zu seinem Krebstagebuch erzählt und transkribiert.

"Ich habe mein Leben lang das Gleiche gemacht, ich habe mich noch nie verändert in meinem Leben", stellt Christoph Schlingensief gegen Ende seines Buches "Ich weiß, ich war's" trocken fest. Tatsächlich belegt die Text- und Bildsammlung, die seine Frau Aino Laberenz jetzt postum herausgibt, diesen erstaunlichen Satz - und zeigt zugleich, was für ein abenteuerliches und wildes Werk auf dieser Basis entstehen konnte.

"Ich weiß, ich war's" gehört zu den letzten Projekten des im August 2010 gestorbenen Regisseurs, geschmiedet im Wissen um seine unheilbare Krebserkrankung. Das Material dazu entstammt seiner Meisterdisziplin, der freien Rede. Auf jeder Station der Lesereise zu seinem Krebstagebuch "So schön wie hier kann´s im Himmel gar nicht sein", erklärt Aino Laberenz im Vorwort, habe Schlingensief seinem Publikum aus seinem Leben erzählt. Diese Berichte wurden transkribiert und mit weiteren Aufzeichnungen sowie Fotomaterial ergänzt.

Entstanden ist dabei ein letzter großer und sehr Schlingensief-typischer Künstlermonolog: sprunghaft und fragmentarisch, ausufernd und mäandernd, sich selbst bezweifelnd und befragend, bissig und komisch und immer wieder auch voll Pathos predigend. Man merkt, dass es um ein Vermächtnis geht, dass Schlingensief hier noch einmal die Kontrolle über sich selbst, seine Kunst und ihre Deutung beansprucht.

Ungeachtet der verschieden Genres, Institutionen und Medien, durch die Schlingensief sich ausdrückte, vermittelt "Ich weiß, ich war's" den Eindruck eines geschlossenen Werks. Die Urszene dafür ist ein Super-8-Filmabend 1968 im Oberhausener Wohnzimmer der Apothekerfamilie Schlingensief, bei dem seiner am Strand von Norderney liegenden Mutter Leute über den Bauch laufen. Ein klassischer Fall von Doppelbelichtung - für die einen ein Missgeschick, für den achtjährigen Christoph aber ein faszinierender Widerspruch: Bauch und Menschen waren real, aber trotzdem sind die Leute nie über den Bauch gelaufen.

Überblendungen, Fehler, Irritationen, Transformationen: Für Schlingensiefs von einer konkreten Filmpraxis abgeleitete Ästhetik sind das wichtige Schlüsselbegriffe, egal ob im trashig-anarchischen Filmwerk, in den Theaterhappenings und Drehbühnen-Installationen oder in der Wagneroper "Parsifal", deren Überblendung mit dem Schlingensief-Kosmos aus toten Hasen, behinderten Freunden und afrikanischen Motiven der Künstler mühsam gegen den Wagnerclan durchkämpfen musste. Selbst im Operndorf in Burkina Faso, über das Schlingensief hier selbstkritisch nachdenkt, spielen sie eine Rolle.

Auch Schlingensiefs Gabe, stets als Mittelpunkt eines Teams zu agieren, wird bereits in der "Amateur Film Company" offensichtlich. Der filmvernarrte Teenager durfte Fluchtszenen auf Waggondächern drehen, sogar ein Hubschrauber wurde dem noch nicht Volljährigen zur Verfügung gestellt. Teuer waren nur die Telefonrechnungen im Elternhaus, denn schon damals war Schlingensiefs wichtigstes Mobilisierungswerkzeug die Rede.
Deren Überzeugungskraft entsprang Schlingensiefs radikaler Offenheit, die natürlich jede Menge Widersprüche erzeugte. Wie mitreißend und anregend das bis zum Schluss und darüber hinaus ist, davon erzählt "Ich weiß, ich war's".

Besprochen von Eva Behrendt

Christoph Schlingensief: Ich weiß, ich war's
Hg. von Aino Laberenz
Kiepenheuer und Witsch, Köln 2012
304 Seiten, 19,99 Euro