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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.01.2008

Schlimme Gefühle

Aurel Kolnai: "Ekel. Hochmut. Haß - Zur Phänomenologie feindlicher Gefühle", Suhrkamp 2007, 176 S.

Ungeliebte und gefährliche Gefühle
Ungeliebte und gefährliche Gefühle (dradio.de/Andreas Lemke)

Obwohl die Texte dieses Buches mehr als 70 Jahre alt sind, sind sie keineswegs veraltet. Sie stammen von Aurel Kolnai, einem ungarischen Philosophen jüdischer Herkunft. Er betrachtet den Menschen als ein Naturwesen, das sich durch Triebverzicht zivilisiert hat. Ekel, Hass und Hochmut entspringen seiner Meinung nach dem Selbsterhaltungstrieb.

Ekel, Hass und Hochmut. Aurel Kolnais Texte zu diesen Themen gelten in England und den USA als Klassiker der Philosophie des 20. Jahrhunderts, bei uns dagegen ist der Name Kolnai kaum bekannt. Warum, ist leicht zu erklären. Aurel Kolnai ist ein ungarischer Philosoph jüdischer Herkunft.

1918, nach dem Ende der Räterepublik in seiner Heimat, ist Kolnai zunächst nach Wien umgesiedelt. Später hat er in Deutschland gelebt, ist vor den Nazis in die USA geflüchtet und hat bis zum Ende seines Lebens an Universitäten in England und Amerika gelehrt. Darum kennt man ihn in diesen Ländern, während er in Deutschland beinah vergessen wurde.

Kolnais Texte über den Ekel, den Hass und den Hochmut sind mehr als 70 Jahre alt, veraltet aber sind sie keineswegs. Im Gegenteil, wer sich für die Geschichte der Psychologie interessiert, dem geht ein Licht auf, wenn er diese Texte liest.

Was Aurel Kolnai in diesem Buch versucht, ist eine detaillierte und objektive Beschreibung dreier Gefühle, die jedermann kennt: den Ekel, den Hass, den Hochmut. Gefühle sind grundsätzlich subjektiver Natur, zum Beispiel ekeln sich Menschen vor höchst unterschiedlichen Sachen.

Aber der Phänomenologe Kolnai geht davon aus, dass es so etwas wie eine "Essenz" des Ekels gibt, etwas, das allen Ekelgefühlen gemeinsam zukommt, und darum geht es in seinem Aufsatz. Das Gefühl des Ekels, schreibt er, bezieht sich in jedem Fall auf eine organische Substanz. Die kann lebendig sein (Maden im Käse zum Beispiel) oder auch tot: Ein stinkender Fisch, ein Stück verwesendes Fleisch. Vor Anorganischem, einer Sturmflut zum Beispiel oder einer Schneelawine, ekelt man sich nicht, man hat höchstens Angst davor. Angst und Ekel, stellt der Autor fest, sind sehr verschiedene Gefühle, denn auch das ist die Aufgabe des Phänomenologen: Dinge klar auseinanderzuhalten, die ein verwirrtes Denken gern vermischt.

Ekel und Angst sind auch mit unterschiedlichen Körperreaktionen verbunden: Ekel löst Brechreiz aus, die Angst dagegen den berühmten Kloß im Bauch. Und doch, meint Kolnai, haben Angst und Ekel viel miteinander zutun. Der Ekel wird seiner Auffassung nach durch eine grundsätzliche Aversion, sprich: Angst verursacht, der Angst des Menschen vor dem Sterben, vor Fäulnis- und Verwesungsprozessen, im Grunde vor dem zukünftigen Verwesen des eigenen Körpers.

Wie der Ekel so ist auch der Hass ein menschliches Grundgefühl, das ist Kolnais feste Überzeugung. In dieser Sache ist er klar an Sigmund Freud geschult. Der meinte, der Hass sei ein archaisches Gefühl, das gegen "Revierverletzer" in Anschlag gebracht wird, ein Teil unseres biologischen Erbes aus dem Tierreich.

Auch Kolnai betrachtet den Menschen als ein Naturwesen, das sich selbst durch Triebverzicht zivilisiert hat. Es muss aber immer damit rechnen, dass sich die tierischen Triebe melden und drohen, uns zu beherrschen. Wenn jemand unsere Existenz bedroht oder auch nur grundlegende Interessen (egal ob real oder nur vermeintlich), und wenn wir dann noch der Auffassung sind, dass dieser jemand mit unlauteren Mitteln gegen uns vorgeht, sind wir geneigt, ihn zu hassen. Der Hass ist laut Kolnai eine anthropologische Tatsache, die unserem Selbsterhaltungstrieb entspringt. Die Frage ist nur, wie ein Mensch dieses Gefühl wahrnimmt und vor allem, wie er es ausagiert.

Aurel Kolnai will seine Auffassung in Sachen Hass ausdrücklich als eine christliche verstanden wissen. Denn Kolnai war Christ, genauer gesagt: ein Jude, der später zum Katholizismus konvertierte. Er hält es für ein falsch verstandenes Christentum, wenn man davon ausgeht, der Mensch sei wesentlich nur voller Liebe. Kolnai vermutet z.B., dass Christus, als er die Geldwechsler aus dem Tempel geworfen hat, wohl ziemliche Wut gehabt haben muss.

Das menschliche Gefühlsleben ist und bleibt ambivalent. Die Frage kann nur lauten, wie eine Gesellschaft mit dieser Ambivalenz zurechtkommen kann, so dass ein weitgehend friedliches Zusammenleben möglich ist. In dieser Sache, so der Autor, sind die christlich-humanistischen Ideale natürlich von großer Bedeutung. Aber eben als Ideale, und die haben immer einen utopischen, also immer auch unwirklichen Zug.

Der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth hat ein lesenswertes Nachwort zu Kolnais Texten verfasst. Er findet diesen Autor gerade wegen seiner sozialphilosophischen Überlegungen wichtig. Kolnai vermag uns tatsächlich zu überzeugen, dass moderne Ethik und Sozialphilosophie sich nicht nur mit Themen wie Gerechtigkeit, Solidarität und Völkerfreundschaft beschäftigen darf, sondern eben auch unsere ungeliebten und gefährlichen Gefühlen wie Ekel, Hass und Hochmut zu berücksichtigen hat. - Honneth hat unbedingt recht, wenn er schreibt, man müsse Kolnai "auch hierzulande zu der Aufmerksamkeit zu verhelfen, die er als eine der großen intellektuellen Figuren des 20. Jahrhunderts zweifellos verdient". – Ein restlos gelungenes Buch.

Rezensiert von Susanne Mack

Aurel Kolnai
Ekel. Hochmut. Haß. Zur Phänomenologie feindlicher Gefühle

Suhrkamp 2007, 176 Seiten, 9 €