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Länderreport | Beitrag vom 25.10.2016

Schleswig-Holsteins LandwirtschaftWenn der Bauer in Rente geht

Von Johannes Kulms

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Sven und Cathrin Rosenau-Gewe auf ihrem Hof in Trittau. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Sven und Cathrin Rosenau-Gewe auf ihrem Hof in Trittau. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Ein Drittel der Bauern ist über 55 Jahre alt. Viele finden keine Nachfolger in ihren Familien, die ihre Höfe übernehmen wollen. In Schleswig-Holstein, einem Land mit vielen kleinen Gehöften, geht der Trend zu größeren Betrieben.

Der Tag will nicht so richtig erwachen. Draußen vor der Stalltür herrscht dicke kühle Nebelluft, das norddeutsche Grau hat sich an diesem Vormittag wie eine Glocke über die Landschaft gelegt. Auch im alten Kuhstall ist es eher dämmrig. Und doch gibt es hier einen kleinen Lichtblick: Eine riesige Milchkuh beugt sich über ein Kalb und lässt die Zunge immer wieder über das Fell des Jungtiers gleiten.

Cathrin Rosenau-Gewe: "Ja, hier haben wir ein Kälbchen, was heute Morgen geboren ist. Ganz frisch heute Morgen, es ist zwei Stunden alt.…"

Cathrin Rosenau-Gewe freut sich jedes Mal aufs neue, wenn auf dem Hof ein Kalb zur Welt kommt.

Cathrin Rosenau-Gewe: "Also, wir haben so 100 Milchkühe und da kommen ja im Jahr viele Kälber. Aber es ist trotzdem jedes Jahr etwas Besonderes. Und Kuh und Kalb werden auch immer besonders behandelt."

Cathrin Rosenau-Gewe ist 25 Jahre alt. Die kleine Frau mit der dunklen Fleece-Jacke und der Wollmütze ist hier auf dem Hof in Trittau großgeworden – rund 10 Kilometer östlich der Hamburger Stadtgrenze.Inzwischen hat sie zusammen mit ihrem Ehemann Sven den Milchviehbetrieb von ihren Eltern übernommen. Ein Paar in der Landwirtschaft, das sich gleichberechtigt um den Hof kümmert – das sei schon eher selten, meint der 28-Jährige.

Sven Rosenau-Gewe: "Nee, anvisiert haben wir das nicht, das war eigentlich Zufall."

Cathrin Rosenau-Gewe: "Wir sind jetzt seit über sieben Jahren zusammen, sind schon seit 1,5 Jahren verheiratet."

Hier haben sich zwei gefunden

Im Gespräch bekommt man schnell den Eindruck: Hier haben sich zwei gefunden. Und sie ziehen gemeinsam an einem Strang. Wobei das auch bitter nötig ist: Befinden sich die Rosenau-Gewes doch zusammen mit vielen weiteren Milchviehhaltern bundesweit in einer ziemlich düsteren Lage.Diese Situation spitzte sich so richtig zu vor anderthalb Jahren – also fast zeitgleich mit der Hochzeit der beiden – und ist bis heute angespannt.

In Schleswig-Holstein sind rund 60 Prozent der Landwirte in der Milchviehhaltung aktiv. Jeden Tag kämpfen sie ums neue – oder haben den Kampf schon aufgegeben…

Sven Rosenau-Gewe: "Also, da kann man hier reihum gehen, einer nach dem anderen und auch viele Betriebe, wo man gar nicht gedacht hätte, dass das da vorbei geht. Auch jüngere Landwirte, die gesagt haben, du, dafür mach‘ ich’s nicht, warum soll ich mir das noch antun, man geht jeden Morgen um viertel nach fünf raus und kann eigentlich gleich 500 Euro mitnehmen und verbrennen, das macht bei denen nicht viel Sinn."

500 Euro – so hoch ist in etwa auch der Verlust, den Sven und Cathrin Rosenau-Gewe machen. Jeden Tag. Und das schon seit 1,5 Jahren. Denn die Milchpreise sind im Keller. Derzeit bekämen sie 25 Cent je Liter. Mindestens nötig seien aber 36 Cent, sagt Sven. Noch besser wären 40 bis 43 Cent je Liter. Wie sonst soll man Maschinen finanzieren oder Umbauten am Hof? Hier, im Kuhstall von Trittau, lassen sich die Auswirkungen der Weltlage besichtigen! Sanktionen gegen Russland, Nachfragerückgang in China und den arabischen Ländern. 80-90 Stunden – von Montag bis Sonntag – arbeiten die beiden. Zwei, drei Tage Urlaub gönnen sich die beiden im Jahr.

Zuversichtlich trotz aller Probleme

Sven Rosenau-Gewe: "Wir stehen morgens um viertel nach fünf auf und sind abends um halb Acht drin. So, `ne halbe Stunde Frühstück kannst du abziehen und noch mal `ne halbe Stunde Mittag. Und mehr ist da nicht."

Umso überraschender ist die Zuversicht, mit der die zwei trotz aller Probleme auf ihre Lage schauen. Schon auf der Meisterschule haben wir gewusst, worauf wir uns einlassen, wenn wir den Hof übernehmen, erzählt Cathrin Rosenau-Gewe. Nur dass die Milchpreise so stark und so dauerhaft sinken würden, damit haben sie nicht gerechnet.Doch aufgeben – so wie es viele andere Hofbesitzer tun - stand trotzdem nie zur Debatte, meint Cathrin Rosenau-Gewe, die im fünften Monat schwanger ist:

Cathrin Rosenau-Gewe: "Ja, weil, das bringt ja nichts zu sagen, ‚Alles scheiße, weil der Milchpreis ist so schlecht und wir stecken jetzt den Kopf hier irgendwie in die Erde‘. Sondern der Betrieb geht ja weiter, die Tiere wollen weiter gemolken werden und versorgt werden und gefüttert werden. Wir reden zwar darüber und haben klar die Ängste wie es weitergeht. Aber trotzdem planen wir auch weiter unsere Ziele. Weil wir wollen das zusammen hier machen. Und dann sind wir eigentlich immer noch so geradeaus denkend."

"Geradeaus denken" – das heißt aber auch, vor allem in eine Richtung denken: Wachstum! Schon seit Jahren ist in Schleswig-Holstein ein Prozess zu beobachten: Die Zahl der Höfe sinkt. Und die Fläche der verbliebenen Betriebe steigt. Die Preise für Landflächen haben sich in den vergangenen Jahren beinahe verdoppelt, so das Statistische Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein. 2008 kostete ein Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche noch 13.700 Euro. 2015 ist der Verkaufspreis auf 26.494 gestiegen, wobei es starke regionale Unterschiede gibt.

Mit "Wachsen oder weichen" wird dieser Prozess oft beschrieben. Und er lässt sich auch hier in Trittau nachvollziehen, meint Sven Rosenau-Gewe. Bis vor kurzem habe es auf dem Hof noch 60 Milchkühe gegeben. Inzwischen nähert sich der Bestand der Zahl von 120 Tieren – und damit der Grenze, die sich die beiden gesteckt haben, um selber der ganzen Arbeit noch hinterherzukommen. Doch der wirtschaftliche und politische Druck lasse eben keine andere Wahl – als sich als Betrieb zu vergrößern. Oder zu verschwinden:

Sven Rosenau-Gewe: "Mal als Beispiel: In den nächsten Jahren dürfen wir unsere Gülle nicht mehr mit dem Güllewagen ausbringen, sondern müssen die Gülle bodennah ausbringen. Und dafür müsste ein neuer Güllewagen her. Investitionskosten für diesen neuen Güllewagen, sagen wir jetzt mal 60.000, 70.000 Euro. Und wenn wir jetzt nur 60 Kühe hätten, müssten wir genau den gleichen Güllewagen kaufen als wenn wir jetzt 120 Kühe hätten. Sprich, wir verteilen diese Kosten jetzt auf 120 Kühe."

Aufhören, aussteigen, alles hinschmeißen – das sei eigentlich undenkbar, denn dafür haben wir schlichtweg zu viele Investitionen gemacht und geplant, erzählt er. Es geht um rund eine halbe Millionen Euro. Und so hofft das Landwirtspaar darauf, dass die zumindest zaghafte Erholung der Milchpreise weitergeht und sie damit ihre Schulden abbezahlen können.Der Hof ist weiterhin ein Familienbetrieb: Cathrin Rosenau-Gewes Vater ist zurzeit noch Mit-Gesellschafter, auch die Mutter arbeitet mit, kümmert sich um den Papierkram. Und immer wieder helfen auch die Geschwister aus.

Sven Rosenau-Gewe: "Ja, wir sind halt in der Familie und können hier bei uns selber einsparen. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass das auf anderen Betrieben natürlich nicht so ist, da ist dann meistens nur ein Betriebsleiter, die Frau arbeitet woanders und die Eltern können auch nicht mehr so und der muss alles mit Arbeitskräften auffangen, was an Arbeit anfällt – der hat natürlich sehr hohe Kosten für Arbeitskräfte."

Der Familienbetrieb sei typisch für Schleswig-Holstein und die westlichen Bundesländer sagt Falk Missfeldt, Professor für landwirtschaftliche Betriebslehre an der Fachhochschule Kiel. Auch er glaubt, dass diese Unternehmensform gerade in Krisenzeiten besser dastehe – und die Zeit der Familienbetriebe keineswegs vorbei sei.

Missfeldt: "Sie haben ihre Stärken in der Entscheidungsfindung, in der Schnelligkeit wie sie reagieren können. Sie haben ihre Stärken dann, wenn es um die Bewältigung von Krisen geht. Alles das sind natürlich Stärken, die Sie in einem Unternehmen nicht haben, wo Sie nur mit Angestellten zu tun haben. Aber es wird sich verändern zu Familienbetrieben mit angestellten Mitarbeitern. Und natürlich müssen die auch gut geführt werden."

Nur aus Tradition einen Hof zu übernehmen sei gefährlich, warnt Missfeldt. Angesichts der hohen wirtschaftlichen Risiken und der großen Arbeitsbelastung würden sich immer häufiger junge Menschen dagegen entscheiden, den Hof der Eltern zu übernehmen, so Missfeldt. In den letzten Jahrzehnten betrug der jährliche Strukturwandel aller landwirtschaftlichen Betriebe in Schleswig-Holstein zwischen 1,5 und 2 Prozent. Der Bauernverband Schleswig-Holstein befürchtet, dass der Strukturwandel im Bereich der Milchviehhaltet in diesem Jahr zwischen 5 und zehn Prozent liegen könnte wobei hierunter sowohl die Aufgabe der Milchviehhaltung wie auch die Schließung ganzer Betriebe fallen könnte. Landwirte müssten heute über dasselbe Know-How verfügen wie das, um einen mittelständischen Betrieb zu führen, sagt Agrarexperte Missfeldt: Kenntnisse in der Produktionstechnik ebenso wie in der Betriebswirtschaft. Auch die kommunikativen Fähigkeiten im Umgang mit Vertragspartnern würden immer wichtiger.

Der Bauer muss ein Manager sein

Missfeldt: "Ich überspitz das immer ein bisschen und sage, ein mittelständisches Unternehmen hat möglicherweise vier Geschäftsführer mit Spezialisierungen und Zuständigkeitsbereichen. Und ein landwirtschaftlicher Betriebsleiter muss eigentlich alles vereinen – er muss eigentlich alle diese Positionen ausfüllen können. Sicherlich nicht auf dem Niveau – aber er muss sie ausfüllen können."

Der Landwirt als Manager? Für Jan-Henning Wülfken ist das schon länger Realität. Auch er arbeitet zwischen 80 und 100 Stunden die Woche – kaum jedoch noch auf dem Feld. Stattdessen zieht er als Betriebsleiter des Liensfelder Landhofs die Fäden. Für das des Plöner Sees gelegene Unternehmen ist die Direktvermarktung inzwischen eine wichtige Stütze. Das bedeutet: Die Produkte gehen direkt an die Kunden ohne Zwischenhändler.

Wülfken: "Also, letztes Jahr Anfang Mai haben wir diesen Hofladen eröffnet. Vorher hatten wir auch so einen kleinen Verkaufsstand sonst über’s Jahr auf dem Hof stehen und im Winter ist es für uns immer schwierig gewesen, die Produkte zu präsentieren. Und dann haben wir uns vor 1,5 Jahren dazu entschlossen, diesen Hofladen mit 150 Quadratmeter herzurichten und hier können die Waren das ganze Jahr über erworben werden."

70 Prozent seines Gesamtumsatzes macht der 36-Jährige Vater von drei Kindern mit dem Anbau von Getreide und Raps. Die anderen 30 Prozent werden direkt vermarktet – das sind vor allem Kartoffeln, Spargel und Kürbis. Das ganze Jahr über beschäftigt Wülfken im Schnitt drei bis vier Arbeitskräfte. Die helfen bei der Ernte – aber auch beim Verkauf der Waren. Wülfken schätzt, dass seine Waren rund 30 Prozent teurer seien als im Supermarkt.

Wülfken: "Weil wir einfach garantieren können, dass das frische Produkte sind, dass Sie die Beratung haben, dass dort jemand ist, der direkt angesprochen werden kann: Wo kommt das Produkt her, wie ist es hergestellt worden. Also, das ist schon der Service, der mitbezahlt wird aber auch die Nähe: Es ist ein regionales Produkt, es wird täglich frisch geliefert."

"Think big" hat sich durchgesetzt

Und das Geschäftsmodell funktioniert! Trotz der Ernteausfälle, die wegen des schlechten Wetters in diesem Jahr zwischen 20 und 30 Prozent betragen, ist Wülfken zufrieden. Hat sich am Ende also "think big" durchgesetzt – und damit auch die Logik Wachsen oder Weichen?

Wülfken: "Man könnte sagen ja. Diversifizieren ist vielleicht besser ausgedrückt. Also, wir haben gar nicht die Möglichkeit zu wachsen über die Fläche. Also, es ist schwer, Land zu kaufen oder zu pachten, der Markt ist stark umworben. Ich würde eher sagen, wachsen in der Hinsicht, dass man sich in gewisser Weise spezialisiert oder sich andere Arbeitsfelder sucht."

Manchen Schleswig-Holsteinischen Landwirten gelingt es, ihre Nischen zu finden, sich solide aufzustellen, so Wülfkens Liensfelder Landhof. Doch viele dürften einfach nur froh sein, wenn dieses Jahr vorüber ist. Und darauf hoffen, dass es im nächsten Jahr besser wird.

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