Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 14.06.2009

Schlank durch Pillen?

Gefahr durch Appetitzügler

Von Udo Pollmer

Pillen (Stock.XCHNG / Davor Fanton)
Pillen (Stock.XCHNG / Davor Fanton)

Abnehmen ohne Anstrengung und Risiko. Dieses Versprechen weckt Hoffnung bei vielen Übergewichtigen. Doch teilweise verbergen sich hinter den als Naturprodukten angebotenen Präparaten Appetitzügler mit massiven Nebenwirkungen.

Gerade kam wieder eine Meldung zu einem Schlankheitsmittel, das per Internet vertrieben wird. Natürlich nicht als verschreibungspflichtige Arznei sondern als natürliche "Apfeltabletten". Der darin enthaltene Appetitzügler Sibutramin kann, so die Mitteilung einer Krankenkasse, akute Herzschäden verursachen. Schwangere und Stillende bringen sogar das Leben ihres Kindes in Gefahr. Warum darf dieses Schlankheitsmittel dann noch verschrieben werden?

Das frag ich mich auch. Bei Appetitzüglern war es bisher immer nur eine Frage der Zeit, bis sie aufgrund von Nebenwirkungen verboten werden mussten. Die sind unvermeidlich, weil Appetitzügler aufs Belohnungszentrum wirken, sie manipulieren das Opiatsystem. Da das ein uraltes System ist, bleiben Eingriffe immer riskant. Tatsache ist auch, dass der Effekt aufs Gewicht gering ist und nach dem Absetzen wieder schwindet.

Also versuchen wir es wie die Models mit eiserner Disziplin, mit Fitnesstraining und bewusster Kost? Die Gesetze der Biologie gelten auch für Models. Da sie wenig Unterhautfettgewebe haben, brauchen sie besonders viel Energie. Mit Salat geht da gar nichts. Auch Models werden älter und damit fetter. Dagegen nehmen bekanntlich viele Kokain. Inzwischen hat die Modeldroge offenbar weit mehr Anhängerinnen gefunden, die damit schlank und attraktiv bleiben wollen. Der Chemiker sieht das an dem Abbaustoff des Kokains, am Ecgonin. Über den Urin gelangt das Ecgonin in die Kläranlage und von dort ins Gewässer. Im Flusswasser kann man es dann messen.

Es muss doch auch andere Ansätze geben. Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung in Potsdam hat grade mitgeteilt, dass das Hungerhormon Ghrelin schlank macht. Ja, da gibt‘s Versuche mit Mäuslein, bei denen man ein Gen abgeschaltet hat. Und siehe da, die Tiere blieben schlank. Aber es gab schon viele Hormone und schlanke Labormäuse – aber beim Menschen sind die Forscher ausnahmslos gescheitert. Das hat einen einfachen Grund: Der Körper reguliert seinen Energiehaushalt ja in erster Linie über die Wärmeabgabe – über die Durchblutung von Armen und Beinen. Ob Sie immer warme Hände haben oder einen Pulli brauchen, das entscheidet Ihre Energiebilanz und nicht der Fettgehalt der Magermilch. Ob Sie aber bei einer bestimmten Temperatur frieren oder schwitzen, das regelt der Körper.

Also sind die Gene schuld! Unsere Gene halten unseren Körper am Leben, sie erneuern ihn, sie heilen ihn. Und gelegentlich muss er auch mal als Sündenbock herhalten. Immer wieder gibt es Meldungen, man habe soeben ein Gen entdeckt, das dick mache. Eine Analyse in der Labormaus-Datenbank ergab kürzlich, dass bei Mäusen etwa 6000 Gene am Gewicht beteiligt sind. Das macht rund 25 Prozent des gesamten Erbguts aus. In zehn Jahren sind wir dann bei 50 Prozent. Das erlaubt zumindest eine Aussage: Wenn uns wieder einmal eine Gentherapie oder ein Wunderhormon in Aussicht gestellt wird, dann ist das in Sachen "Abnehmen" ohne tiefere Bedeutung.

Sie nehmen uns die Hoffnung auf eine Therapie gegen Übergewicht? Die Gene geben den Rahmen vor – je nachdem ob man eher hager oder korpulent ist. Das Älterwerden und die Lebensereignisse hinterlassen ihre Spuren. Pubertät oder Geburten ändern das Hormonsystem ebenso wie Ärger oder Verzweiflung. Daneben gibt es zahlreiche weitere Gründe für Gewichtsveränderungen. Wenn bei Kindern die Mandeln rausgenommen werden oder bei Erwachsenen der Magenkeim Helicobacter pylorii abgetötet wird, dann nehmen viele Patienten anschließend zu. Dass Mikroorganismen einen starken Einfluss auf das Gewicht haben können, ist ja schon lange bekannt – denken Sie nur an die Tuberkulose, die "Schwindsucht". Warum sollte es nicht auch das umgekehrte Phänomen geben?

Können sich jetzt die Couch-Potatoes mit einem Schnupfen herausreden? Ganz ohne Ironie: Diese Menschen haben tatsächlich häufig Antikörper gegen ein Virus um Blut, gegen das Adenovirus 36. Das macht nicht nur Ratten, sondern auch Affen fett. Je fetter Menschen sind, desto mehr Antikörper haben sie. Im Fettgewebe von Patienten, die sich Fett hatten absaugen ließen, waren die Stammzellen bei jedem Zweiten damit infiziert. Würde hier ein Antibiotikum helfen, müssten viele Diätgurus wieder arbeiten gehen. Übrigens: Die Ad 36-Infektion verläuft zunächst wie ein Schnupfen.

Also nehmen wir jetzt Antibiotika statt Appetitzügler? Ein so komplex geregeltes System wie das Körpergewicht lässt sich ja nicht pauschal mit einer Wunderpille steuern. Deshalb brauchen Übergewichtige nicht den autistischen Ratschlag "Sie müssen abnehmen" sondern eine Diagnose. Einen Menschen mit "Übertempertur", einen Fiebernden, schickt man ja auch nicht in den Kühlraum, damit er endlich die gewünschte Normaltemperatur erreicht. Erst die richtige Diagnose bringt die Heilung und nicht der Hinweis auf "Überhitzung" durch "zu viele Kalorien".

Literatur:
Anon: Rimonabant (Acomplia) vom Markt. arznei-telegramm 2008; 39: 116
Kirchner H et al: GOAT links dietary lipids with the endocrine control of energy balance. Nature Medicine 2009; doi:10.1038/nm.1997
Reed DR et al: Reduced body weight is a common effect of gene knockout in mice. BMC Genetics 2008; 9: e4
Zuccato E et al: Cocaine in surface waters: a new evidence-based tool to monitor community drug abuse. Environmental Health: 2005; 4: e14
Becker M: Deutsche koksen ungeahnte Mengen, Spiegel-online vom 9.11.2005
Rathoud MA et al: Adipogenic cascade can be induced without adipogenic media by a human adenovirus. Obesity 2009; 17: 657-664
Atkinson RL et al: Human adenovirus-36 is associated with increased bodyweight and paradoxical reduction of serum lipids. International Journal of Obesity and Related Metabolic Disorders 2005; 29: 281-286
Dhurandhar NV: Infectobesity: obesity of infectious origin. Journal of Nutrition 2001; 131: 2794S-2797S
Pasarica M et al: Acute effects of infection by adipogenic human adenovirus Ad36. Archives of Virology 2008; 153: 2097-2102

Mahlzeit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur