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Tonart | Beitrag vom 20.01.2016

Schlagzeuger Matthias EnglerWenn Multitasking zum Alltag gehört

Von Leonie Reineke

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Das Brandt Brauer Frick Ensemble bei einem Auftritt im Sommer 2015 in Duisburg. (imago/Reichwein)
Das Brandt Brauer Frick Ensemble bei einem Auftritt im Sommer 2015 in Duisburg. (imago/Reichwein)

In der zeitgenössischen Musik schöpfen Schlagzeuger mithilfe eines gigantischen Fundus an Instrumenten ihr Klangspektrum aus. Matthias Engler, der als Popmusiker auch für das Brandt Brauer Frick Ensemble auftritt, kennt das gut. Oft bedient er zugleich die Elektronik.

Matthias Engler probt sein Soloprogramm. Um ihn herum stapeln sich Instrumente, elektronische Geräte und andere Objekte bis zur Decke. Für einen Schlagzeuger ist das nichts Ungewöhnliches – vor allem nicht im Bereich der zeitgenössischen Musik:

"Oft ist es so, dass, wenn Komponisten irgendwelche Spezialwünsche haben, jetzt im Kammermusikumfeld zum Beispiel, dann wird das oft natürlich an den Schlagzeuger gegeben, weil der Schlagzeuger tendenziell sowieso schon irgendwie alles mögliche macht. Ich habe jetzt gerade Konzerte gemacht, da musste ich neben Schlagzeug auch noch irgendwelche Lichtschalter bedienen oder halt irgendwelche Elektronik sowieso oft auch."

Multitasking gehört für Matthias Engler zum Alltag. Auch beim Festival "Ultraschall Berlin" muss er in zwei zeitgenössischen Kompositionen – von David Brynjar Franzson und von Hannes Seidl – neben dem Schlagwerk zusätzlich Elektronik bedienen.

"Es ist in beiden Fällen so, dass die Elektronik aktiv ist. Also sie wird ausgelöst innerhalb der Partitur, also es läuft nicht einfach nur ein Tonband, sondern es ist wirklich so, dass die Elektronik halt genau so wie die Instrumente halt aktiv gestartet und gestoppt werden und so weiter, von mir auch."

"Bei Hannes' Stück ist das so, dass es vielleicht eher so eine Art Dialog ergibt von elektronischen Klängen mit echten Klängen, die sich dann teilweise vermischen, teilweise auch gegeneinander, aber wirklich so eine Art Duo vielleicht bilden."

"Man kann quasi in den Klang hineinsteigen"

In Hannes Seidls 2006 entstandener Komposition "Die Illusion zu erzeugen, dass die Zeit dynamisch und bedeutsam vergeht" werden Alltagsgeräusche aus dem öffentlichen Raum zugespielt. Explizit nicht-musikalisches akustisches Material wird also gewissermaßen "musikalisiert".

Hannes Seidl: "Die Illusion zu erzeugen, dass die Zeit dynamisch und bedeutsam vergeht."

Einen anderen Ansatz als Hannes Seidl verfolgt der isländische Komponist David Brynjar Franzson in seinem Stück "The Cartography of Time". Hier streicht der Instrumentalist mit einem Bogen über ein Becken. Die entstehenden Klänge werden in Echtzeit elektronisch verändert, wodurch eine Art "erweitertes" Instrument entsteht.

"Die echten Klänge leben in den Lautsprechern weiter - und bekommen in den Lautsprechern ein Eigenleben und eine Räumlichkeit. Durch die Positionierung im Raum der Lautsprecher. Und so gesehen wird es dem Publikum also möglich, wie mit einer Lupe eigentlich in diese Klänge einzutauchen, also man kann quasi in den Klang hineinsteigen."

"Das ist als Interpret oft eher frustrierend"

Was die instrumentalen Möglichkeiten betrifft, lädt gerade das Schlagzeug dazu ein, kreativ zu werden: Alltagsgegenstände zu verwenden und neue Geräusche zu erforschen, verlockt viele junge Komponisten. Matthias Engler sieht darin aber auch eine Gefahr:

"Was jetzt das Instrumentarium angeht, ist es natürlich so: Bei Schlagzeug ist das ja irgendwie unendlich, und das ist ja was, wofür ich nicht nur als Solist, sondern auch im Ensemble immer mich einsetze, ist auch Reduktion einfach – gegenüber Komponisten auch – weil natürlich Schlagzeug sehr leicht dazu verleitet, möglichst viel zu benutzen. Und das ist als Interpret oft doch echt eher frustrierend, wenn man irgendwie einen riesigen Aufbau hat und man darf überall einmal drauf hauen."

Genau wie ein Bläser oder ein Streicher möchte auch Matthias Engler das Gefühl haben, ein Instrument zu spielen. Das ist nicht immer einfach, denn das Schlagwerk ist in den meisten Fällen eine Zusammenstellung unterschiedlicher Klangerzeuger. Entscheidend ist dabei die Anordnung der Instrumente. Denn wenn Matthias Engler einen sinnvollen Aufbau gefunden hat, dann genießt er die Vielseitigkeit des Schlagzeugs:

"Als Kind habe ich auch so Drumset gespielt, so ganz normal, wie man so anfängt. Und dann als ich dann irgendwann angefangen habe mit dem sogenannten klassischen Schlagzeug, dann sind auf einmal die Füße irrelevant geworden, weil: Du stehst ja eigentlich normalerweise dann und spielst mit den Händen alles mögliche, mit vier Schlägeln und so, aber die Füße werden eigentlich dann nicht mehr so benutzt wie jetzt ein Drummer die benutzen kann, in der Unabhängigkeit und so weiter. Und das habe ich über die Jahre dann immer auch so scherzhaft festgestellt, dass meine Füße im Vergleich zu dem Rest meines Körpers irgendwie so ein bisschen verwahrlost sind und das wird jetzt wieder besser, weil ich jetzt einfach in letzter Zeit unheimlich viel meine Füße wieder gebraucht habe für alles mögliche, also neben irgendwelchen Lichtschaltern oder Loopstations oder einfach Bassdrums, Hi-Hats und alle möglichen anderen Instrumente, die ich mit einem Fußpedal bedient habe."

"Wow, das sind Noten!"

Bassdrums und Hi-Hats spielt Matthias Engler vor allem dann, wenn er mit dem Brandt Brauer Frick Ensemble auftritt – einer zehnköpfigen Band, die keine Neue Musik, sondern Techno spielt. Alles mit traditionellen akustischen Instrumenten:

"Bei so einem Klassikfestival sind die Leute eher so: 'Oh, das ist ja erfrischend!' oder sowas. Und auf so einem Technofestival ist es eher so, da kommen die Leute an: 'Wow, das sind Noten! Wahnsinn, was ist das denn? Und was ist das für ein Instrument?' und sowas. Also das sind ganz unterschiedliche Perspektiven auf dasselbe, aber das ist auch schön, dass es trotzdem aus beiden Richtungen irgendwie funktioniert. Das ist auch das besondere an diesem Projekt."

Am 23. Januar 2016 ist der Schlagzeuger Matthias Engler mit einem Solo-Recital beim Festival "Ultraschall Berlin" im Radialsystem V zu erleben. Ab morgen wird "Ultraschall Berlin" jeden Abend (Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag) ab 20.03 Uhr und am Samstag ab 19.00 Uhr live übertragen. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Festivals.

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(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 04.09.2015)

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