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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.01.2009

Schick dein Kind auf bessere Altenpflegeschulen!

Von Konrad Franke

Der Beruf des Altenpflegers ist nicht sehr begehrt. (AP)
Der Beruf des Altenpflegers ist nicht sehr begehrt. (AP)

In unsicheren Zeiten hilft es, sich des Sicheren zu vergewissern. Dass meint nicht nur, sich daran zu erinnern, dass ein Kilo gutes Rindfleisch eine gute Suppe ergibt. Sicher ist auch, dass es auf die Frage, was man beruflich tun könnte, verlässliche Antworten gibt. Wer gern mit Menschen umgeht, wer gern zu festen Arbeitszeiten in einem Team arbeitet, wer gern Verantwortung übernimmt – für den gibt es einen Beruf.

Der Beruf gehört zu den wenigen, von denen man sagen kann, dass es sie bestimmt auch noch in zehn oder zwanzig Jahren geben wird. Aufstieg, Karriere? Schon jetzt sind qualifizierte Kräfte überaus begehrt und gesucht. Der berufliche Aufstieg ist kein Problem, wenn man lernwillig ist. Und man kann die Berufsausübung jederzeit unterbrechen – um zum Beispiel Kinder großzuziehen. Der Wiedereinstieg in den Beruf ist jederzeit möglich.

Kann man in diesem Beruf Geld verdienen, kann man reich werden bei dieser Tätigkeit? Antwort: sind ungefähr 1800 Euro brutto für einen ungelernten Berufsanfänger wenig? Das wird mehr, wenn man eine einjährige oder besser eine dreijährige Ausbildung abschließt, wenn man sich im Beruf fort- und weiterbildet. Richtig reich wird man allerdings kaum.

Von welchem Beruf ist hier die Rede? Ich spreche vom Beruf der Altenpflegerin, des Altenpflegers. Der Name des Berufs ist wenig anziehend, zugegeben. Wie wäre es, wir fänden einen neuen Namen für die Menschen, die ältere Menschen betreuen und pflegen?

Aber jenseits des Namens: wie kommt es nur, dass es in diesem sicheren Beruf so wenig Nachfrage gibt, wie kommt es, dass zu viele von den zu wenigen Altenpflegerinnen und Altenpflegern auch noch ungenügend ausgebildet sind, wie kommt es, dass der Beruf der Altenpflegerin, des Altenpflegers in der Öffentlichkeit so wenig Ansehen genießt? Wird sich irgendetwas an ihrem Selbstverständnis ändern, wenn Altenpfleger zuvor gemeinsam mit Krankenpflegeschülern ausgebildet wurden? 15 ausgewählte deutsche Schulen bilden Kranken- und Altenpfleger gemeinsam aus und versprechen sich davon mehr Zuspruch für den Beruf der Altenpflegekraft.

Altenpflege ist nur in Deutschland ein eigenständiger Beruf. Aus gutem Grund: Krankenpflege soll Kranke heilen helfen. Das Älterwerden ist keine Krankheit.

Es ist wahr: etwa 60 Prozent der jetzt in Deutschland arbeitenden Altenpflegerinnen und Altenpfleger gehen nach spätestens sechs Jahren aus dem Beruf. Warum? Sie kommen mit den Anforderungen des Pflege-Alltags nicht zurecht, sie fühlen sich überfordert, sie können, sagen sie, das an der Schule Gelernte nicht in ihrer Praxis anwenden.

Viele Altenpflegeschüler starten erst gar nicht in ihrem Beruf. Die, die starten, erleben nicht selten im Alltag der Senioreneinrichtungen einen Schock: da wird ja richtig gearbeitet, da ist man ja auf einmal ganz allein mit der pflegebedürftigen Frau Müller oder Frau Mayer. Nein, leicht ist dieser Beruf nicht, auch nicht einfach. Aber man wird belohnt. Ein dankbares Lächeln, Vertrauen, das man sich durch gute Pflege und Betreuung erwirbt – ist das nichts?

Zurück zum Grundsätzlichen: Unsere Altenpflegeschulen müssen in die Lage versetzt werden, qualitativ besser auszubilden. Schlechte Schülerinnen und Schüler sollten durchfallen können. Jetzt erleben sie das "Durchfallen" in der Praxis. Und das führt nicht selten zu den Pflegeskandalen, auf die sich die Medien nur allzu gern stürzen.

Lasst unsere Altenpflegeschulen ihre Schüler praxisnäher ausbilden und lasst sie dabei strenger sein! Hört auf, den Beruf der Altenpflegekraft als "Restberuf" anzusehen! Gebt diesem Zukunftsberuf Zukunft! Dann werden sich auch verbessern: die Bezahlung und das Ansehen.

Es bleibt uns ja auch eigentlich gar nichts anders übrig, als hier schnell zu handeln: wer soll die ständig wachsende Zahl pflegebedürftig werdender Menschen denn pflegen? So viele Töchter und Söhne, die Zeit haben und am Ort leben, gibt es gar nicht und es wird sie in Zukunft noch viel weniger geben.

Wir brauchen schnell: motivierte Pflegefachkräfte, ausgebildet an guten Schulen. Unsere älteren Menschen haben sorgfältige, professionelle Pflege und Betreuung verdient. Geben wir sie ihnen jetzt – auf dass sie einst auch uns gegeben werden.


Konrad Franke studierte in Göttingen und Würzburg mittlere und neuere Geschichte, neuere deutsche Literaturgeschichte und Volkskunde, Promotion zum Dr. phil. Danach Kulturredakteur beim HR und beim "Spiegel", 1967-1983 BR, dann Radio Bremen und SWF. Bertelsmann-Pressechef von 1991-1994. Von 1995 bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 2002 Kulturchef beim DeutschlandRadio Berlin. Zu den Themen, mit denen sich Franke seitdem befasst, gehören besonders das Altern der Gesellschaft und der Umgang mit dem Älterwerden. Dazu hat Franke mehrere Bücher verfasst.

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