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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.04.2015

Scheitern in der WissenschaftAus Fehlern anderer lernen

Von Pia Rauschenberger

Die Studenten Leonie Mück und Thomas Jagau, aufgenommen am Donnerstag (07.07.2011) auf dem Gelände der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz mit einer Ausgabe ihrer Zeitschrift "JUnQ".  (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)
Beim Forschen gehen viele Experimente schief, die dann nicht mehr erwähnt werden. Deshalb haben die beiden Studenten eine Zeitschrift für gescheiterte Forschung gegründet. "JUnQ" (Journal of Unsolved Questions. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)

Die Wissenschaft ist das letzte gallische Dorf, wenn es um die Bewertung des Scheiterns geht. Was in anderen Bereichen längst zum guten Ton gehört, ist hier noch immer verpönt. Dabei könnte man davon profitieren, Fehlschläge zu analysieren.

Scheitern, wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern. Samuel Becketts Lob des Scheiterns hat dieser Tage quasi Hochkonjunktur. Wir alle müssten besser scheitern lernen, heißt es. Im Silicon Valley gehört das Scheitern quasi schon zum guten Ton. Dort werden Unternehmensgründer nur ernst genommen, die schon mal eine richtige Pleite hinter sich hatten - und daraus gelernt haben.

Nur ein gallisches Dorf wehrt sich beharrlich gegen die schöne Erzählung vom Scheitern: die Wissenschaft. Denn da ist Scheitern immer noch nicht en vogue. Rene John ist Sozialwissenschaftler und hat ein Buch über das Scheitern geschrieben:

"Wenn der Wissenschaftler sagt, er sei jetzt gescheitert, dann ist das von keinem Interesse. Also niemanden interessiert das. Also brauch er es auch nicht sagen. Und wenn er es nicht sagt,  ist er quasi nicht da. Also publish or perish. (…) Zwar sagt Popper, dass nur die Falsifikation ein richtiges Ergebnis ist und dass das eigentlich das beste Ergebnis ist, weil es einem ermöglicht Optionen auszuschließen. (…) Aber in der Praxis hilft das niemandem. "

Marc Sagnier hat rund 50.000 wirtschaftswissenschaftlichen Publikationen in teils hochrangigen Journals untersucht. 10 bis 20 Prozent der Studien würden da als signifikant – also wissenschaftlich relevant – eingestuft und publiziert, die eigentlich unter der künstlichen Schwelle für Signifikanz liegen müssten. Wenn die Forscher nicht mit allen möglichen Methoden versuchten, ihre Ergebnisse aufzupolieren. Vor allem junge und befristet angestellte Forscher neigen laut Sagnier dazu, nach signifikanten Ergebnissen zu fischen. Koste es was es wolle:

"Das ganze Belohnungssystem in der Wissenschaft, also Beförderung oder Gehaltserhöhung, ist von Publikationen abhängig. Also gibt es einen sehr starken Anreiz zu publizieren. Also wirst du alles nutzen, was dir hilft, zu publizieren, besonders wenn du prekär beschäftigt bist. "

Gescheiterte Resultate beiseite legen? Wird nicht gemacht

"Es ist nicht explizit so, dass nur signifikante Forschung publiziert wird. Tatsächlich ist es natürlich so, weil wenn jemand ne Untersuchung durchführt und nichts findet, dann ist das natürlich ambivalent, dann weiß man nicht, woran liegt das. Das könnte daran liegen, dass die zugrundeliegende Hypothese falsch war. Das könnte aber auch daran liegen, dass jemand einfach schlampig geforscht hat."

Nicht-Ergebnisse seien ambivalenter als klare Ergebnisse, sagt der Sozialpsychologe Klaus Fiedler. Ein guter Grund, die gescheiterten Resultate beiseite zu legen. Schließlich interessieren wir uns auch nicht für Medikamente, die nicht wirken. Andererseits scheint die Qualität der Forschung darunter zu leiden, wenn nur signifikante Ergebnissen beachtet werden. Andreas Neidlinger ist Chemiker und Mitherausgeber des Journal of Unsolved Questions, kurz JunQ. Eine Plattform für gescheiterte Forschung:

"Es geht uns darum, dafür zu sorgen, dass die Negativresultate generell nicht mehr als schlecht sondern schlicht und ergreifend als Teil des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns angesehen werden. Jeder Forscher, der wissenschaftlich tätig ist, wird feststellen, dass er zweifelsohne. Ich möchte jetzt nicht übertreiben, aber ich glaube einen Großteil der Zeit ist man tatsächlich damit beschäftigt zu scheitern- bevor man zum Erkenntnisgewinn oder zum positiven Ergebnis kommt." 

Mainstream ist das noch nicht

Im JunQ werden nur solche Studien publiziert, die trotz der richtigen Methode und korrekter Versuchsanordnung zu keinem Ergebnis kommen. Mainstream ist das JunQ allerdings noch nicht. Die fehlende Zeit und die Scham davor seine gescheiterte Forschung zu präsentieren, kann Andreas Neidlinger nachvollziehen. Der Dienst, den man damit der Wissenschaft erweisen könne, sei aber kaum zu unterschätzen:

"Wir lernen aus den Fehlern unserer Vorgänger. Wenn unsere Vorgänger ihre Ergebnisse nicht veröffentlicht hätten, könnten wir darauf heute nicht aufbauen. Natürlich ist es dann für den Forscher, der nur das gescheiterte Ergebnis publiziert hat nur mäßig schön, weil seine Arbeit zwar zum positiven Ergebnis beigetragen hat, aber er letztlich nur die Vorarbeit geleistet hat." 

"Das interessante ist ja die Perspektive, die man hat. Also ist man auf dem Schiff, oder ist man der Zuschauer. Also es gibt immer Zuschauer. Also scheitern findet  ja nicht statt, wenn es niemand gibt, der zuschaut. Dann kann man sagen, das Schiff zerschellt und dann kommt Strandgut an den Strand und das ist doch ein Gewinn für die Zuschauer. (…) Man hat da Treibgut ja, man hat da Planken. Man kann sich daraus vielleicht ein Floß bauen, oder ein neues Schiff. Also man kann weitermachen, also eben die Zuschauer, vielleicht nicht unbedingt die, die auf dem Schiff waren." 

Dass Scheitern und Erfolg oft eine Sache der Perspektive sind, zeigt Flemings Entdeckung des Penicillin: Aus Schlampigkeit bildet sich Schimmelpilz auf seinem Labortisch. Er wirft den Versuch nicht weg, sondern bleibt dran und kommt zu seiner bahnbrechenden Entdeckung. Negativresultaten die nötige Zeit einzuräumen, vielleicht ein Ideal in Zeiten von Drittmittel-Förderung und prekärer Beschäftigung. Sollte es Wissenschaftlern trotzdem möglich gemacht werden, könnten davon nicht nur sie profitieren.

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