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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.05.2012

Schavan: "Mit anonymen Vorwürfen kann man schwerlich umgehen"

Blog versucht, Plagiate auf 50 Seiten der Dissertation der Ministerin nachzuweisen

Von Jürgen König, Hauptstadtstudio

Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (CDU) (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (CDU) (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Bundesbildungsministerin Annette Schavan will "gerne" Rechenschaft über ihre Dissertation ablegen, sofern der Urheber des Blogs "schavanplag" sich outet. Auch die Universität Düsseldorf wird die 1980 geschriebene Doktorarbeit überprüfen.

Der zentrale Vorwurf des oder der anonymen Autoren des Blogs
schavanplag lautet, Annette Schavan habe in ihrer Dissertation Quellen nicht vollständig genannt oder auch "verschleiert": Auf rund 50 der insgesamt 351 Seiten gäbe es Stellen, bei denen man von Plagiaten sprechen müsse. Akribisch werden im Blog einzelnen Passagen der Dissertation entsprechende Stellen aus anderen Büchern gegenübergestellt. Über den amerikanischen Philosophen und Psychologen George Herbert Mead etwa heißt es bei Annette Schavan:

"George Herbert Mead hat in seiner kognitiven Theorie im Zusammenhang mit dem Werden des Menschen im sozialen Kontext die Frage nach der Entstehung von Selbstbewusstsein gestellt."

In seinem Buch "Sozialisierung und Erziehung" hatte der österreichische Erziehungswissenschaftlers Helmut Fend indes geschrieben:

"George Herbert Mead [...] hat eine kognitive Theorie über das Werden des Menschen im sozialen Kontext aufgestellt. Er will die Frage beantworten, wie Selbstbewusstsein [...] entsteht."

In der Dissertation geht es so weiter:

"Wesentliches Element menschlicher Sozialwerdung ist für ihn das Erlernen der Sprache, durch die Menschen in Interaktion treten können."

Bei Helmut Fend so:

"Der Mensch wird zum sozialen Wesen durch das Lernen einer Sprache und eine Sprache lernt der Mensch in Interaktion mit anderen Menschen."

Seitenweise werden im Blogs "schavanplag" solche inhaltlichen Entsprechungen zwischen Annette Schavans Promotion und Werken der Sekundärliteratur aufgelistet. Sollten die Belegstellen stimmen, so zitiert die Süddeutsche Zeitung heute den Münchener Rechtswissenschaftler Volker Rieble, dann "würde ich dies als Plagiat ansehen". Als "Graubereich" des gerade noch erlaubten Zitierens ließen sich die Stellen nicht einordnen, dafür gäbe es, so Rieble, zu viele "Wortidentitäten", zusammen mit anderen Textstellen werde "eine Arbeitsweise deutlich".

Annette Schavan hatte gestern erklärt, bei der Aufklärung des Falles mithelfen zu wollen und hatte "den oder die Autoren des Blogs" aufgefordert, sich zu erkennen zu geben:

"Die Dissertation ist vor 32 Jahren geschrieben worden, und ich werde jederzeit gerne Rechenschaft denen geben, die mit dieser Arbeit sich beschäftigen. Mit anonymen Vorwürfen kann man schwerlich umgehen."

Der Gründer der Plattform VroniPlag, Martin Heidingsfelder (picture alliance / dpa)Martin Heidingsfelder (picture alliance / dpa)Martin Heidingsfelder, Gründer der Internetplattform VroniPlag, durch deren Plagiatsrecherchen unter anderem die FDP-Europapolitiker Silvana Koch-Mehrin und Georgios Chatzimarkakis ihre Doktortitel verloren – er verteidigte das anonyme Vorgehen des oder der Blogger. Nicht empfehlenswert sei es, in einem solchen Fall seine Identität zu erkennen zu geben:

"Also ich kann es deswegen niemandem empfehlen, weil die physische und psychische Belastung, in den Medien zu stehen, doch eine enorme ist, gerade wenn Fälle so prominent sind wie der von Frau Schavan. Und es ist sehr schwierig, als einzelner so was anzukreiden – normalerweise macht das ja bei VroniPlag eine Gruppe von mehreren und die machen das anonym. Sollte der sich aus der Deckung wagen, würden alle auf ihn einschlagen, würde ich mal sagen."

Auch VroniPlag hatte sich selber schon seit einiger Zeit mit der Dissertation Annette Schavans beschäftigt, dann aber von einer Veröffentlichung der Ergebnisse abgesehen.

Martin Heidingsfelder: "Die genauen Hintergründe diesbezüglich kenne ich nicht, allerdings gibt es Diskussionen via Twitter und in Wiki, die ich so mitbekomme, und ich unterhalte mich auch mit Leuten aus dem Wiki, und es scheint so, als hätte es eine Mehrheitsentscheidung gegeben, diesen Fall nicht zu publizieren, und jemand hat dann den Fall genommen und gesagt, der muss publiziert werden, und das ist prinzipiell auch richtig. Der Fall hat eine Dimension, wo es diskussionswürdig ist: Was ist da passiert? Wie ist der Umfang? Kann man weiter recherchieren et cetera – ja oder nein?"

Die Promotionskommission der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf wird sich nun mit den Vorwürfen beschäftigen.

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