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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.03.2010

Schavan mahnt Verbesserung bei Umsetzung der Bologna-Reform an

Bundesbildungsministerin: Zwei Milliarden zusätzlich für Lehre an den Hochschulen

Annette Schavan im Gespräch mit Nana Brink

Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (CDU) (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (CDU) (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) räumt Defizite bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulsystems ein. Es gebe einen zu hohen Umfang an Inhalten und es herrsche die Vorstellung, alles müsse geprüft werden.

Nana Brink: Zehn Jahre ist das Kind alt und man kann nicht sagen, dass es sich immer zur Freude seiner Eltern entwickelt hätte. Vor zehn Jahren wurde von den europäischen Wissenschaftsministern der sogenannte Bologna-Prozess angeschoben, die größte Hochschulreform seit 200 Jahren, und die große Idee, eine einheitliche Studienstruktur in Europa mit Bachelor, Master und Promotion. Zeit also nach zehn Jahren, um Bilanz zu ziehen. Das machen die Bildungsminister von 46 europäischen Ländern derzeit in Budapest und Wien. Und wir sprechen gleich mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan.

Einsicht, die haben auch die Studenten in Deutschland gefordert, als sie – wir erinnern uns – massenhaft gegen schlechte Studienbedingungen und mangelnde Mitbestimmung protestiert haben. Sie forderten ein Mitspracherecht unter anderem, wenn es um neue Richtlinien für den Bachelor-Studiengang geht. – Und wir sprechen jetzt mit Annette Schavan (CDU), Bundesbildungsministerin. Einen schönen guten Morgen, Frau Schavan.

Annette Schavan: Schönen guten Morgen nach Köln.

Brink: Werden die Studenten mehr beteiligt werden in Zukunft?

Schavan: Ja. Sie sind von Beginn an in den Kommissionen ja beteiligt gewesen, aber das soll jetzt noch einmal deutlicher werden, etwa an den Runden Tischen in den Hochschulen selbst. Der erste Ort für Verbesserung der konkreten Umsetzung ist die Universität. Und mein Eindruck ist, Studierende sind jetzt doch sehr viel stärker beteiligt, nicht nur an den Debatten, sondern auch an den Korrekturen.

Brink: Aber der Alltag eines Bachelor-Studenten sieht nach zehn Jahren Bologna-Reform eher nach Kontrastprogramm zu den schönen Ideen eines gemeinsamen Hochschulraums und praxisorientierten Studiums aus: Sechs Semester volle Stundenpläne, keine Plätze, mangelndes Personal. Wo bleibt da die einstige Idee?

Schavan: Das ist überspitzt und geeignet als Debattenbeitrag. Ich verstehe das, aber Sie werden viele Studierende treffen, die erstens in interessanten Bachelor-Studiengängen sind, deren zeitliche Belastung überhaupt nicht überhöht ist. Wir haben Studien mit den durchschnittlichen zeitlichen Belastungen, wo die Betreuungsverhältnisse stimmen, die uns sagen, das was wir hier als Angebot haben, einschließlich Mentoren und Tutoren, ist besser als alles, wovon wir früher gehört haben. Und da, wo es anders ist, wo nicht wirklich Umstellung stattgefunden hat, wo zwar ein neues Etikett draufgesetzt worden ist, aber eigentlich so weitergemacht worden ist wie vorher, muss nun korrigiert werden.

Brink: Aber das ist doch in der Mehrzahl der Fall gewesen. Sonst wären die Studenten doch nicht so massenhaft auf die Straßen gegangen.

Schavan: 75 Prozent der Studierenden sagen, diese neue Studienstruktur ist gut, wir begrüßen sie, wir finden sie richtig, und die Masse hat studiert, während die Proteste stattgefunden haben.

Brink: Wo sehen Sie denn die Defizite nach zehn Jahren Bologna-Reform?

Schavan: Die Defizite beziehen sich auf einen zu hohen Umfang an Inhalten und der Vorstellung, alles muss geprüft werden, auf zu viel Spezialisierung. Das ist auch der Grund dafür, warum Mobilität innerhalb eines Landes dann doch erschwert worden ist, denn wir wissen auch, dass die Mobilität von außerhalb Europas nach Europa deutlich höher jetzt ist als vor einigen Jahren. Und ich glaube, das was jetzt unbedingt angegangen werden muss und auch das ganze Konzept der neuen Studienreform verbessert, ist: 15 Prozent Inhalte sollen Studium generale sein, also nicht Spezialisierung, nicht Fachwissen, sondern eine wirkliche Grundlage, die in vielen Hochschulen noch nicht verwirklicht ist.

Brink: Eines der Probleme ist ja auch die Anerkennung der Abschlüsse, zum Beispiel des Bachelor-Abschlusses. Wie kann man denn dieses Problem lösen, wie kann man diesem Problem begegnen?

Schavan: Nun da muss ganz schnell klar werden, dass das zu den ersten Zielen des Bologna-Prozesses gehört. Also wo Studiengänge entstanden sind, deren Abschlüsse dann woanders nicht anerkannt werden, wird Bologna konterkariert. Deshalb: das ist für mich einer der wichtigsten Punkte jetzt in den nächsten beiden Tagen. Die Minister haben zugesagt, Mobilität wird besser. Also muss jetzt auch klar sein, dass da, wo Hindernisse sind – und sie sind in der Regel entstanden, wo zu viel Spezialisierung ist und wo verwechselt wird, dass zwar nicht Gleiches studiert werden muss, um mobil sein zu können, um Anerkennung des Abschlusses zu finden, aber dass das, was studiert wird, kompatibel ist, und das setzt voraus, dass Hochschullehrer auch bereit sind, das anzuerkennen.

Brink: Können Sie das präzisieren, in welchen Bereichen das der Fall ist?

Schavan: Das ist nicht in einem speziellen Fach. Wir haben ja in Deutschland eine Reihe von Fachbereichen, die sind nicht umgestellt. Das bezieht sich auf Geisteswissenschaften, auf Kulturwissenschaften. Da, wo vor Bologna-Reform man gewöhnt war, dass es sehr unterschiedliche Studienanlagen gibt, das ist in Ordnung, aber dann muss die Bereitschaft da sein, das als vergleichbar an einer anderen Universität anzuerkennen.

Brink: Ein großer Kritikpunkt – Sie haben es selber schon angesprochen – ist die Mobilität innerhalb der Unis in Deutschland, auch in Europa. Wir haben es am Beispiel Bulgariens gesehen, dass die Bulgaren gern nach Deutschland gehen, aber nicht die Deutschen sozusagen nach Bulgarien. Aber auch innerhalb Deutschlands ist es sehr schwierig, die Universität zu wechseln. Bleibt auch da der Bologna-Prozess eine Illusion?

Schavan: Nein, aber er bleibt noch hinter dem Ziel zurück, das er gesetzt hat. Die Bologna-Reform ist die Antwort auf eine globale Welt. Europa im Verhältnis zu anderen Kontinenten hat das jetzt geschafft. Es kommen mehr von außerhalb Europas nach Europa. Und der zweite Schritt muss auch geschafft werden. Das ist kein unüberwindbares Schicksal oder kein unüberwindbares Problem, sondern das setzt voraus, dass Bereitschaft da ist, das was an einer Universität studiert wird, auch wenn es ein bisschen anders klingt als das, was an der eigenen Universität geschieht, ...

Brink: Also Sie appellieren an die Bereitschaft der Universitäten?

Schavan: Nichts anderes ist möglich, denn nicht der Staat gibt Studieninhalte und Studiengänge vor, sondern die Hochschulen haben Wert darauf gelegt, dass sie umsetzen und das, was sie umsetzen, von der Akkreditierungsagentur überprüft wird.

Brink: Es ist klar, dass der Erfolg der Bologna-Reform Geld kosten wird, mehr Geld, vor allem für die Hochschullehre. Wie verhält sich die Bundesregierung dazu?

Schavan: Ich habe die dritte Säule des Hochschulpaktes jetzt angeboten, sie wird gerade konzipiert. Der Bund wird zwei Milliarden zusätzlich ausschließlich für Lehre investieren. Das ist die größte Investition in die Lehre überhaupt und damit soll erreicht werden: erstens eine höhere Wertschätzung von Lehre, die gehört zur Studienreform, zweitens die Förderung von besonders guten Konzepten der Lehre. Davon verspreche ich mir auch noch einmal eine Unterstützung, was die Umsetzung dieser neuen Studienstruktur angeht.

Brink: Annette Schavan (CDU), Bundesbildungsministerin, und wir sprachen über zehn Jahre Bologna-Hochschulreform. Vielen Dank für das Gespräch.

Schavan: Bitte schön!

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