Seit 18:05 Uhr Feature
 
Samstag, 28. Mai 2016MESZ18:06 Uhr

Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.01.2014

Schauspielhaus HamburgIm perversen Reich des Insel-Patriarchen

Maja Kleczewskas Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm"

Von Alexander Kohlmann

Das Hamburger Schauspielhaus (A.T. Schaefer)
Das Stück ist am Hamburger Schauspielhaus zu sehen. (A.T. Schaefer)

Der polnischen Regisseurin Maja Kleczewska ist eine faszinierend abgründige Interpretation von Shakespeares "Sturm" gelungen. Die Zuschauer erhalten einen gespenstischen Einblick in eine perverse, rechtlose Welt.

Die einsame Insel als Daseinsmetapher, das ist bei Shakespeare, nicht nur in "Der Sturm" ein Ort, an dem Menschen landen, die noch etwas miteinander zu klären haben. Und so passt es gut, dass aus der Insel in der "Sturm"-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus eine heruntergekommene Motel-Anlage im Nirgendwo geworden ist.

Dunkle, versiffte Flure, ein hell erleuchtetes Zimmer in Container-Bauweise und eine schützende Mauer nach Außen mit hässlichen Grenzscheinwerfern - das Hauptquartier des Insel-Diktators Prospero (Josef Ostendorf) lädt nicht zum Verweilen ein. Überhaupt ist Prospero in Maja Kleczewskas Inszenierung nicht der weise Zauberer und belesene Insel-Emerit, gar Shakespeare selber, als der er immer wieder dargestellt wird. Im Gegenteil: Prospero, das ist ein fetter, alter, ungepflegter Sack mit wirren Haaren, der mit seiner Flucht aus Neapel auch die Zivilisation hinter sich gelassen hat.

Ein videoüberwachtes Inselreich

Jetzt fährt er mit dem Rollstuhl durch sein videoüberwachtes Inselreich: Fast alles, was wir sehen, wird auf eine Leinwand über der Bühne übertragen. Eine Reihe von abhängigen Einheimischen hat der Diktator um sich gescharrt, die er nach besten Kräften quält. Da wäre zum einen der Luftgeist Ariel, der hier eine kleine Asiatin (Sachiko Hara) im Jogging-Kostüm ist. Auf dem Sofa im Container wird Ariel von Prospero immer wieder ermahnt, wie viel Dank sie ihm für ihre Rettung schuldet. Im Original befreite der Insel-Hauptmann den Geist aus einem gespaltenen Baum, hier denkt man eher an ein Bordell oder schlimmeres.

Dafür schuldet Ariel bedingungslosen Gehorsam, muss mit dem dicken Hausherrn kuscheln oder assistieren, wenn der den splitternackten Caliban (Michal Czachor) mit einem Hochdruckreiniger abspritzt. Es ist eine perverse, rechtlose Welt, über die der ehemalige Zivilisationsmensch herrscht - und gleichzeitig seine blonde Teenager-Tochter Miranda (Lisa Bitter) vor eben dieser Welt beschützen will. Damit sie nicht mit dem nackten Caliban anbändelt, soll sie Ariel mit Ferdinand (Pablo Konrad y Ruopp) verkuppeln, dem Sohn eines alten Feindes, den Prospero ins Hotel gelockt hat. 

Und wie die beiden sich ansehen und die Liebe, hier eher die Lust, an der Wand eines Hotelflurs entdecken, ist rührend menschlich in diesem Albtraum - bis Prospero dazwischen geht: Zusehen, wie der splitternackte Ferdinand seine Tochter knallt, will er dann doch nicht.

Kleczewska wurde mit ihren Aufführungen in Polen zum Star

Maja Kleczewska ist in Hamburg eine faszinierend abgründige Interpretation des Prospero-Inselreichs gelungen. In Polen ist die ehemalige Psychologie-Studentin mit anderen Shakespeare-Interpretationen bereits zum Star geworden. Und auch das Hamburger Debüt macht große Lust auf mehr. Auch wenn Kleczewska die Feinde des Insel-Patriarchen sträflich vernachlässigt: Eigentlich zwei hinterliste Brüder, taucht bei ihr nur ein textarmer Alonso (Michael Weber) als Mafiosi im weißen Anzug und schwarzer Sonnenbrille auf.

Wie sich die beiden typischen Shakespeare-Clowns Trinculo und Stephano und (Kathrin Wehlisch und Anja Lais) stundenlang an dem nackten Caliban vergehen, nimmt mehr Raum ein als die Mordpläne der Prospero-Feinde. Dem Diktatoren fehlt der Gegenpart. Der Abend kommt über eine sehr schlüssige Beschreibung seines Inselreichs nicht hinaus. Hier wären weniger Kürzungen mehr gewesen, denn das Setting stimmt: Wenn Prospero, zum Schluss des Wahnsinns in seinem Insel-Bunker überdrüssig, sich zum Gehen entschließt, verlischt das Licht. Bis auf die Leuchtschrift am Ende des Flurs: Exit.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsArchitektur als sozialer Kitt
Blick in den Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale Venedig 2006 (picture-alliance/ dpa / epa Keystone Kefalas)

Eine soziale Biennale, die der Architektur ihre Menschlichkeit zurückgibt - so schätzen "FAZ" und "Welt" die diesjährige Architekturbiennale ein: Neue Wohnformen sollen Flüchtlinge und Migranten nicht nur beherbergen, sondern auch integrieren. Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj