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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.11.2008

Schauerliche Schweiz

Jacques Chessex: "Der Vampir von Ropraz", Nagel & Kimche, 96 Seiten

"Der Vampir von Ropraz" dreht sich um einen Leichenschänder
"Der Vampir von Ropraz" dreht sich um einen Leichenschänder (Stock.XCHNG / Nate Nolting)

Geschändete Mädchenleichen, klaustrophobische Gesellschaftsstrukturen, wahnwitzige Vampirgerüchte: Jacques Chessex rekonstruiert in seinem Schauerroman, wie ein bestialischer Leichenschänder in einem Schweizer Dorf zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Umwesen trieb.

Ein schmaler Schweizer Schauerroman führt zu einem historischen Verbrechen: 1903 verleibt sich ein nekrophiler Menschenfresser junge Mädchenleichen ein – oder ist es doch ein "Vampir von Ropraz", der da umgeht? Hysterie greift um und bald weiß die ganze Welt, dass sich Schauerliches im Schweizer Hoch-Jura tut. Geschändete Mädchenleichen, klaustrophobische Gesellschaftsstrukturen, wahnwitzige Vampirgerüchte: Jeder andere Schriftsteller hätte aus diesem rasanten plot und seinen Hauptfiguren einen 900-seitigen Bestseller gemacht. Nicht so Jacques Chessex.

1973 hat Jacques Chessex den Prix Goncourt bekommen – die höchste französische Literaturauszeichnung, die damit zum ersten Mal an einen Nicht-Franzosen ging. Sein ausgezeichneter Roman "L’Ogre", zu deutsch "Der Kinderfresser" gilt mittlerweile als Klassiker, Chessex selbst als überragende Gestalt im Literaturbetrieb der Romandie.

Doch von den bisher über 80 Romanen, Essays, Erzählsammlungen des 74-Jährigen haben es wenige in die deutsche Übersetzung geschafft. Die letzte erschien vor 13 Jahren – und der neue Roman vermittelt einmal wieder eine Ahnung davon, welche Entdeckungen in den zerklüfteten Tälern der Romandie noch warten.

Dorthin lockt Jacques Chessex in seinem Roman, und er lockt in seine tatsächliche Heimatgemeinde Ropraz, ins waadtländische Haut-Jorat. In dieser Gemeinde, in der heute wie damals um die 300 Menschen leben, geschieht 1903 ein schauerliches Verbrechen: Die junge Dorfschönheit Rosa Gilliéron stirbt an Hirnhautentzündung, in der Nacht nach ihrem Begräbnis findet man ihre Leiche zerstückelt, geschändet, angefressen im Friedhofschnee.

Ein nekrophiler Menschenfresser geht um in der Hinterwäldlerwelt – zwei Monate später geschehen zwei weitere abscheuliche Grabschändungen. Wieder sind es junge schöne Mädchenleichen. Und wieder braucht man starke Nerven, um die Berichte der Pathologie auszuhalten.

Die grausigen Details und die wechselnden Beschuldigungen befeuern die Fantasie nicht nur der Dorfbewohner, auch die Weltpresse unterrichtet bald vom "Vampir von Ropraz". Eine Welle der Hysterie rollt durch das Land: Der Vampir scheint überall gesehen worden zu sein, jedes nächtliche Geräusch, jede verstellte Leiter, es war der Vampir, der sich aufmacht um die Töchter und Dienstmägde zu holen. Knoblauch und Weihwasser werden aktiviert, "das ganze Dracula-Inventar wird in Umlauf gesetzt."

Nicht den eleganten Vampir der klassischen literarischen Phantastik bemüht Chessex, sondern er begibt sich an den Ursprung des vertierten Blutsaugers, der den Alpträumen der abergläubischen Landbevölkerung entstammt. Die Mechanismen der Massenhysterie – Gerücht, epidemische Verbreitung, mediales Lauffeuer – werden vorgeführt und dabei liefert der Autor ganz nebenbei auch ein Stück Medientheorie mit. Der irrationale Vampir wird durch eine wunderbar rasante Schlussvolte bis nach Paris gelangen, ins Herz der aufgeklärten französischen Republik, um dort auf seine Wiederauferstehung zu warten. Aus einem historischen Kriminalfall wird eine Parabel auf die dunkle Seite der modernen Gesellschaft.

Nur 96 Seiten braucht der Autor, um sein anspielungsreiche Geschehen plastisch zu machen. Jeder andere Schriftsteller hätte diesen ungehörigen Plot und seine Hauptfiguren in einen 900-seitigen Ziegel gepresst. Und der wäre ein Bestseller geworden. Doch wo andere Schriftsteller seitenweise atmosphärische Details brauchen, reicht bei Jacques Chessex meist nur ein Nebensatz, um Welten entstehen zu lassen. Dieser Roman ist ein schmales schlaues Nachtstück – doch es steht zu befürchten, dass da einer der hintergründigsten Literaten der Gegenwart seinen schattigen Platz in der deutschen Literaturszene beibehalten wird.

Rezensiert von Katrin Schumacher

Jacques Chessex: Der Vampir von Ropraz
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl, Nagel & Kimche,
Zürich 2008, 96 Seiten, 12,90 Euro