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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.09.2011

Scharfer Blick auf Tugenden und Fehler

Elizabeth Taylor: "Blick auf den Hafen", Dörlemann Verlag, Zürich 2011, 384 Seiten

"Blick auf den Hafen" ist ein Roman über eine  kleine Stadt am Meer. (dradio.de)
"Blick auf den Hafen" ist ein Roman über eine kleine Stadt am Meer. (dradio.de)

Mit dem Namen Elizabeth Taylor hatte sie es sicher nicht leicht, obwohl diese Liz Taylor schon zwanzig Jahre vor der großen Schauspielerin auf die Welt kam. Der Zürcher Dörlemann Verlag hat nun ihren 1947 erschienen Roman "Blick auf den Hafen" erstmals auf Deutsch publiziert.

Die britische Autorin Elizabeth Taylor (1912-1975) ist wieder zu entdecken. Die frühere Hauslehrerin und Bibliothekarin schrieb seit 1945 insgesamt zwölf Romane, ferner Kurzgeschichten und ein Kinderbuch.

Der Schauplatz des Romans "Blick auf den Hafen": eine heruntergekommene kleine Stadt am Meer unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Hafen, Wirtshaus, Wachsfigurenkabinett, Altkleiderladen, einige Wohnhäuser. Erzählt werden die Geschichten einiger Menschen, die hier leben und deren Wege sich kreuzen. Erzählt wird von sozialem Miteinander und Nebeneinander, von Freundschaft, Liebe und Einsamkeit, von Betrug und Gleichgültigkeit, von - oft genug zähneknirschender – Loyalität, von großen Hoffnungen und tiefer Resignation.

Der Arzt Dr. Cazabon hat ein Verhältnis mit seiner verwitweten schönen Nachbarin Tory, die wiederum die beste Freundin von Cazabons nichts ahnender Frau Beth ist. Die Schriftstellerin Beth lebt versunken in ihre Romanwelt und taucht nur widerwillig daraus auf, um ihre Töchter zu versorgen und den Haushalt halbwegs in Ordnung zu halten.

Über dem Wachsfigurenkabinett, das nie jemand besucht, lebt Lily Wilson, die im Krieg ihren Mann verloren hat, mit dem Alleinsein überhaupt nicht zurechtkommt und vergeblich auf ein erlösendes Wunder hofft. Der Altkleiderladen gehört der halb gelähmten, an ihren Stuhl gefesselten Mrs. Bracey, die ihre erwachsenen Töchter Maisy und Iris tyrannisiert und ihren Lebensinhalt verloren hat: zu beobachten, was im Ort geschieht, mit allen zu schwatzen, sich einzumischen, zu klatschen.

Der nur vorübergehend im Ort lebende Möchtegern-Maler Bertram, Seemann im Ruhestand, übernimmt ihre Rolle: Er beobachtet alles, was geschieht, nimmt am Leben aller teil und löst auch in einigen Hoffnung aus. Er wird - ein raffinierter Kunstgriff - zum Auge des Romans, das alle Schicksale und Handlungsstränge aneinander bindet und die erzählerische Einheit gewährleistet.

"Blick auf den Hafen" setzt die Tradition des britischen Gesellschaftsromans fort, zu dessen Meisterinnen Jane Austen und George Eliot zählen. Die Psychologie wird von außen, stets gebunden an die sozialen Beziehungen, entwickelt. Der scharfe Blick auf menschliche Tugenden, Fehler und Lächerlichkeiten ist nicht unbarmherzig, sondern durch leichte Ironie abgemildert. Entsprechend verhalten ist der Stil, der im Fall Taylors zunächst holzschnittartig und gleichförmig scheint, sich dann aber immer überzeugender ausdifferenziert und mit seinen treffenden Beschreibungen in Bann schlägt.

Anders als bei Jane Austen und George Eliot spielt bei Taylor auch das Kleinbürgertum eine Rolle, und die Sprache der Menschen ist zuweilen direkter und derber. Schließlich sind wir im 20. Jahrhundert. Der Roman überzeugt durch die ungemein treffenden Personenschilderungen und die Beschreibungen der Stadt und des Meeres. Denn das Visuelle – das Sehen - spielt eine zentrale Rolle im Roman und erinnert an die Malerei des Impressionismus und an den Film.

Eine echte Entdeckung!

Besprochen von Gertrud Lehnert

Elizabeth Taylor: "Blick auf den Hafen"
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Dörlemann Verlag, Zürich 2011
384 Seiten, 23,90 Euro

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