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Buchkritik | Beitrag vom 04.01.2016

Saskia Sassen: "Ausgrenzungen"Misslungene Globalisierungskritik

Von Philipp Schnee

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Eine Frau und ein Kind sitzen auf einem Berliner Bürgersteig und betteln (Foto: Paul Zinken / dpa )
Weltweit wachsen die Wirtschaft und auch die Gewinne der Unternehmen, aber immer mehr Menschen gehören zu den Abgehängten. (Foto: Paul Zinken / dpa )

In "Ausgrenzungen - Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft" verspricht Saskia Sassen, den Gründen für die wachsende Zahl der wirtschaftlich Abgehängten auf den Grund zu gehen. Doch die renommierte Globalisierungstheoretikerin bildet nur die Oberfläche ab und verweigert die Analyse.

Es ist nicht wenig, was Saskia Sassen, renommierte Globalisierungstheoretikerin, Stadtsoziologin und Mitglied im "Club of Rome", in ihrem neuen Buch "Ausgrenzungen" verspricht: Die Suche nach einer "tieferen Dynamik des Systems", nach der "zeitgenössischen Logik, die als Organisationsprinzip hinter der Wirtschaft" steht, nach der "DNA unserer Epoche".

Sassens Befund ist eindeutig: Weltweit wachsen die Wirtschaft und auch die Gewinne der Unternehmen, aber immer mehr Menschen gehören zu den Abgehängten, in manchen Fällen sind es gar ganze Orte, Gruppen und Regionen. Diese scheinbar paradoxe Ausgangslage erklärt Sassen mit dem Begriff "Ausgrenzung". Mit ihm möchte sie die "unterirdischen" und "unsichtbaren" Gemeinsamkeiten von so unterschiedlichen Phänomenen wie Schuldenkrise, Billiglohn-Arbeitsverhältnisse, Verfall der Sozialstaaten, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Land Grabbing (der Pacht oder dem Kauf von großen Ländereien im Ausland) und einigem mehr herausarbeiten.

"In den letzten Jahrzehnten haben wir miterlebt, wie eine stark wachsende Zahl von Menschen, Unternehmen und Orten aus dem inneren Kern der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung unserer Zeit ausgegrenzt wurde."

Ausgrenzen würde auch die Komplexität der Finanzwirtschaft mit ihren Derivaten oder Swaps. Sassen stellt sogar die These auf, dass viele Menschen, Arme und Arbeitslose aus "der Wirtschaft" hinausdefiniert wurden. Die Statistiker könnten neues Wachstum und eine erfolgreiche ökonomische Entwicklung vermelden, weil ein Großteil der Menschheit von den Indikatoren und Messinstrumenten nicht mehr erfasst würden. Belegt werden solche Thesen bei Sassen leider nie. Vielmehr folgen Beschreibungen der weltweiten Fehlentwicklungen, in zahllosen, bereits häufig gesehenen Statistiken und Grafiken und in einer Reihung von Einzelbeispielen.

Idealisierung der westlichen Nachkriegszeit

Der Neuartigkeit von "komplexen" und "tiefgründigen" Zusammenhängen des Wirtschaften im 21. Jahrhundert geht sie nie auf den Grund, es fehlt jegliche begriffliche und analytische Schärfe. Stattdessen idealisiert Sassen die goldenen Jahre der westlichen Nachkriegszeit, die keynesianistische Konsumgesellschaft: Wohlstand für alle. Doch trotz aller Anti-Globalisierungs-Rhetorik scheint ihre größte Sorge nicht den "Verdammten dieser Erde" zu gehören, sondern, das schält sich nach und nach immer stärker heraus, der Mittelschicht. Als Massenproduktion noch für Massenwohlstand sorgte, war vieles "mehr" in Ordnung als heute – so etwa bringt man in Sassens einfacher Sprache ihre Kernaussage auf den Punkt.

Am ärgerlichsten aber ist, dass vieles, was sie in "Ausgrenzungen" darzulegen verspricht, Behauptung bleibt: Sassen unternimmt nicht einmal den leisesten Versuch, diese "schwer fassbaren, komplexen Dynamiken – jene begrifflich unsichtbaren, unterirdischen Trends, die über die vertraute Bedeutungen und Konzepte, mit denen wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft erklären", zu fassen, sich ihnen begrifflich zu nähern. Das grenzt an Arbeitsverweigerung gegenüber dem Leser. Das Buch wirkt, als sei es nie durchdacht worden. Die anfängliche Idee war gut. Doch am Ende ist man keinen Schritt weiter, weil Sassen nur die Oberfläche abmalt und nicht analysiert.

Die von ihr zu Beginn des Buches angekündigte "Ent-Theroretisierung" gelingt ihr gründlich. Es ist wenig erfolgversprechend, komplexen Phänomenen mit unterkomplexen Beschreibungen zu begegnen. "Begrifflich unterirdisch", schwer zu fassen, nennt Sassen mehrmals die großen Trends und Dynamiken der Wirtschaft – und liefert zugleich den Titel für die Rezension ihres Buches.

Saskia Sassen: Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
S. Fischer, Frankfurt am Main 2015
320 Seiten, 24,99 Euro

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