Donnerstag, 23. Oktober 2014MESZ10:40 Uhr

Lesart

HörbuchKriegsbegeisterung und dunkle Vorahnungen
Nachdem am 1. August 1914 durch Kaiser Wilhelm II. die allgemeine Mobilmachung verkündet worden ist, ziehen deutsche Soldaten in den Krieg (Aufnahme vom August 1914). Am 28. Juni 1914 war in Sarajevo der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten ermordet worden. In der Folge erklärte Wien am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg. Der Konflikt entwickelte aufgrund der europäischen Bündnisverpflichtungen und Generalstabsabmachungen in kurzer Zeit zu einem Weltkrieg. Am 1. August 1914 erfolgte die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland, zwei Tage später an Frankreich.

So individuell wie authentisch sind die Tagebuchberichte von jungen und alten Männern und Frauen aus dem Ersten Weltkrieg. In ihrer kommentarlosen Aneinanderreihung vermitteln sie einen erschütternden, umfassenden Blick auf den Krieg. Mehr

ErzählbandWie böse und verloren der Mensch ist
Ein junges Mädchen steht am Ende eines dunklen Flures.

Dem chilenischen Autoren Roberto Bolaño war keine Kloake zu dreckig: In seinem Buch "Mörderische Huren" taucht er in die Abgründe verlotterter Milieus weltweit und setzt dem Leser eine fundamentale Zivilisationskritik vor. Mehr

OriginaltonVom Vorsatz zur Tat
Eine gedeckte Tafel auf einem Demeter-Bauernhof in Hirschfelde (Brandenburg), 2012

Zig ungelesene Bücher warten im Regal der Schriftstellerin Peggy Mädler. Immer wieder nimmt sie sich vor, die alten Schinken zu lesen. Sie würde auch gerne regelmäßiger die Wohnung aufzuräumen - aber es ist nicht so einfach mit den Vorsätzen. Mehr

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Buchkritik

Emigranten-RomanEinsamkeit, Hoffnung, Neuanfang
Der 1952 nach Kanada ausgewanderte deutsche Schriftsteller Walter Bauer

Eine Wiederentdeckung: Walter Bauer galt Anfang der 30er-Jahre als literarischer Newcomer. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er nach Kanada. Sein Roman "Die Stimme. Geschichte einer Liebe" erzählt, was es bedeutet, in der Fremde neu beginnen zu müssen.Mehr

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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.03.2008

Sarkos geheime Gelüste

Yasmina Reza: "Frühmorgens, abends oder nachts"

Rezensiert von Brigitte Neumann

Liebt Frauen und Schokolade: der französische Präsident Nicolas Sarkozy mit seiner Freundin Carla Bruni.
Liebt Frauen und Schokolade: der französische Präsident Nicolas Sarkozy mit seiner Freundin Carla Bruni. (AP)

Er liebt teure Zigarren, schöne Frauen, Schokolade und benimmt sich bisweilen wie ein kleiner Junge: So beschreibt die Dramatikerin Yasmina Reza in "Frühmorgens, abends oder nachts" den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, den sie ein Jahr lang während des Wahlkampfs um das Präsidentenamt begleitet hat.

Er hinkt leicht. Wenn er sitzt, scharrt er mit den Beinen. Ständig knabbert er irgendetwas. Und wenn er isst, dann so schnell es nur geht. Er ist nervös, intelligent, immer in Aktion. Auf vielen Fotos wirkt er einsam; wenn man ihn verblüfft, sieht er rührend aus, wie ein kleiner Junge. Eine kleine Zusammenfassung erster Beobachtungen, die Yasmina Reza, weltweit meistgespielte Theaterautorin aus Paris, ihrem Porträt des Kandidaten für das Amt des französischen Staatspräsidenten, Nicolas Sarkozy, zugrunde legen wird. Gleich eingangs zitiert sie einen Freund, der sie daran erinnert:

"Das haben Schriftsteller mit Tyrannen gemeinsam, sie biegen sich die Welt nach ihrem Willen zurecht."

Yasmina Reza wird Nicolas Sarkozy also erfinden, so wie sie ihn sieht.

"Dichter haben das Privileg, ungezügelten Gesetzen zu gehorchen, die weder nach Logik noch nach erkennbarer Kontinuität verlangen. Diese Gesetze dienen einer Wahrheit, die von jeder Erklärung verraten würde. Von dieser Freiheit mache ich hier Gebrauch."

Die Fragen, die Yasmina Reza in ihren Stücken aufwirft, zum Beispiel in ihrem neuesten "Der Gott des Gemetzels": Wie kann ein Mensch die Tatsache seiner Sterblichkeit ertragen - die hat sie insgeheim auch dem Kandidaten Sarkozy gestellt und ermittelt, welche Antwort er darauf hat.

"Ich versuche weder über die Macht zu schreiben noch über die Politik als Existenzform. Es interessiert mich, einen Mann zu betrachten, der gegen die Vergänglichkeit antreten will."

Ein Jahr hat sie ihn überall hin begleitet, wo immer sein Wahlkampf ihn hinführte. Am Schluss hat er triumphiert und ist in den Elysée-Palast eingezogen. Zwischendrin ist Reza Sarkozy ab und zu sehr nahe gekommen, hat sich aber mit tätiger Unterstützung von Sarkozys damaliger Ehefrau Cecilia auch wieder von ihm gelöst. Cecilia habe Yasmina Reza beim Abendessen nach dem Wahlsieg nicht dabei haben wollen, heißt es. Aber das ist ohnehin alles schon Geschichte. Nach nicht einmal einem Jahr an der Spitze Frankreichs hat Sarkozy eine neue Ehefrau: das Ex-Model, die Chansonette, den weiblichen Don Juan Carla Bruni.

Die neue Première Dame ermöglicht Sarkozy pausenlose Medienpräsenz, denn alle Welt will wissen, wie viele Monate die sich öffentlich zu Polygamie bekennende Gattin aushält. Und noch glaubt Speedy Sarko, wie sie ihn nennen, pausenlose Medienpräsenz sei fraglos eine gute Sache. Mit diesem Rezept hat er schließlich auch schon die Wahl gewonnen. Yasmina Reza zitiert Wahlkampfmanager Laurant Solly:

"Die Wirklichkeit ist ohne jede Relevanz. Das einzige, was zählt, ist die Wahrnehmung."

"Téléprésident" heißt ein kürzlich in Frankreich erschienenes Buch, das am Beispiel Sarkozys eine neue Art der Vermarktung von Politik analysiert. Carla Bruni bringt dem Staatsoberhaupt öffentliche Aufmerksamkeit und den Medien Quote. Sie gehört in die Riege der sagenhaften Maitressen. Zur langen Liste ihrer illustren Liebhaber zählen Minister der Linken wie der Rechten, Showstars und Starletts, Millionäre und Philosophen. In der Frauenzeitschrift "Elle" wird sie mit den Worten zitiert: "Ich brauche es so sehr, dass man mich sieht, dass mir alles andere egal ist."

Yasmina Reza: Frühmorgens, abends oder nachtsYasmina Reza: Frühmorgens, abends oder nachts. (Hanser Verlag)Carla Bruni und Nicolas Sarkozy sind, wenn man Yasmina Rezas Beschreibung des Kandidaten glauben darf, verwandte Seelen. Er will nicht nur gesehen, sondern geliebt werden. Und er will Macht, also Kontrolle über das was dann noch von der Liebe übrig bleibt. Stillstand ist der Tod, hört sie ihn einmal sagen, oder dass er eine Unruhe spüre, aber nicht wisse, woher sie komme. Sarkozys Gegenmittel gegen diese Unruhe, die ihn besetzt hält, ist Tatendrang. Aber der ist weder inhaltlich ausgefüllt noch hat er ein Ziel. Es ist, als ob Reza einen Mann beschreiben würde, bei dem Teile seiner Persönlichkeit abgestorben sind, andere Teile deshalb umso aktiver werden

"Es ist seltsam, um jeden Preis, um den Preis der größten Entbehrungen, etwas zu wollen, das einen gar nicht mehr erregt, das man nicht mehr liebt. Wenn diese vitalen Zustände fehlen, bleibt nur das Wollen. Das Wollen als Restantrieb. Und zwar, dann doch, ein äußerst machtvoller."

In Yasmina Rezas Aufzeichnungen finden sich nur selten Werturteile und Kritik. Sie bestehen aus spitz und knapp formulierten Beobachtungen, aus kleinen Szenen, die nie lange genug sind, um mehr als einen hastigen Eindruck eines hastigen Mannes zu gewähren. Nie gehen die Gespräche in die Tiefe. Dazu fehlt Sarkozy vermutlich die Geduld.

Die 48-Jährige begibt sich auf den schmalen Grat, das Vertrauen der Leser zu gewinnen ohne das Objekt ihrer Studien, Sarkozy, vorzuführen. Manchmal allerdings scheint sie die Distanz verloren zu haben und schreibt:

"Am Nachmittag, in Rouen, sage ich zu ihm, dass mich beeindruckt, wie er mit den Parlamentariern gesprochen hat. Er wirkt erstaunt. Er spürt nicht einmal, dass es einen Anlass geben könnte, ihn zu dieser Art von Leistung zu beglückwünschen. Aber wenn er, gerade abseits der Mikros und Kameras, ohne darüber nachzudenken das ganze Maß seiner Freiheit ausschöpft, bewundere ich ihn ohne Einschränkung."

Anderntags tadelt sie ihn mütterlich wegen seiner Schweißflecke auf dem rosa Oberhemd oder, als er sich wieder mal hastig mit Essen vollstopft - Reza listet genau auf womit: Trüffelsandwiches, Jacobsmuscheln und Mousse au Chocolat -, um dann auch noch eine Blondine zu begrapschen, schreitet Yasmina Reza ein:

"Ich sage, nimm dich mal ein bisschen zusammen, Nicolas, vergiss nicht, du willst Präsident von Frankreich werden."

Yasmina Rezas Wahlkampftagebuch "Frühmorgens, abends oder nachts" ist Pflichtlektüre für die Gilde der Politikberater und ihre Klienten - wenn man es ihnen als Sachbuch empfiehlt, fassen sie es vielleicht sogar an. Es dokumentiert sehr glaubhaft und poetisch, dass der Hunger nach Macht der Verzweiflung am Leben ziemlich ähnlich sieht.

Yasmina Reza: Frühmorgens, abends oder nachts
Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Hanser Verlag, München 2008