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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 03.11.2012

"Sandy" kam für Obama zur rechten Zeit

Wie ein Wirbelsturm die US-Wahl beeinflussen könnte

Von Michael Groth

US-Präsident Obama tröstet Sturmopfer in New Jersey (picture alliance / dpa / Pete Souza)
US-Präsident Obama tröstet Sturmopfer in New Jersey (picture alliance / dpa / Pete Souza)

Wenn die Natur das Tagesgeschäft übernimmt, wenn Flüsse und Meere über ihre Ufer treten, dann folgt in der Politik die Stunde der Führungskräfte. Mitten im Wahlkampfendspurt kann Obama sich als Krisenmanager präsentieren. Dennoch bleibt die Wahl auch nach "Sandy" spannend, meint Michael Groth.

Es gilt für demokratisch gewählte Regierungschefs - Kanzler wie US-Präsidenten -, es gilt für Diktatoren: Wenn die Natur das Tagesgeschäft übernimmt, wenn Flüsse und Meere über ihre Ufer treten, dann folgt die Stunde der Führungskräfte.

Hilflose Menschen auf Hausdächern, weggeschwemmte Autos, zerstörte Wohnviertel: Nicht nur die unmittelbar vom Sturm Betroffenen wollen beruhigt werden, wollen Sicherheit und Hilfe.

Barack Obama erfüllt diesen Wunsch. In Gummistiefeln und Windjacke appelliert er einerseits an bekannte amerikanische Werte. Die Solidarität, den Willen zum Aufbau, ganz gleich wie stark das Schicksal zuschlägt. So weit nichts Neues.

Während sein Gegner Romney fernab des Sturms den Wahlkampf fortsetzt, als sei nichts geschehen, gibt "Sandy" dem Amtsinhaber die Gelegenheit, eine seiner zentralen politischen Aussagen gleichsam im Auge des Hurricanes zu platzieren.

Nur ein starker Staat, so die Botschaft, kann für seine Bürger sorgen. Das gilt nicht nur, aber vor allem in Krisenzeiten. Wenn die Vereinigten Staaten sich nicht bald um ihre Infrastruktur kümmern, könnten die Folgen von Naturkatastrophen unbeherrschbar werden. Wer elektrische Leitungen oberirdisch auf Holzpfählen verlegt, wer kein Geld ausgibt, um Brücken und Straßen zu reparieren, der kann irgendwann nicht mehr reagieren, wenn "Sandys" Nachfolger kommen.

Obama warb in seiner ersten Amtszeit für ein Infrastrukturprogramm. Erfolg hatte er wenig – für das seit 2010 von den Republikanern beherrschte Abgeordnetenhaus rückt sogar der Straßenbau in die Nähe des Sozialismus.

Zwischen der Obstruktion der Republikaner und den überzogenen Erwartungen seiner eigenen demokratischen Partei wurde Obama zum Gefangenen im Weißen Haus. Kampf war – und ist – seine Sache nicht. Obama analysiert, versucht zu überzeugen, und zieht sich zurück, wenn die Dinge nicht laufen. Ein Intellektueller im Oval Office. Politisch nicht gerade ein Erfolgsmodell. Entsprechend enttäuscht sind seine Anhänger.

Nun also kann Obama buchstäblich zeigen, dass er nicht nur gute Ideen hat. Er tröstet weinende Frauen, er bringt Babynahrung und Trinkwasser. Endlich ein Präsident zum Anfassen.

Dennoch: Die Wahl wird spannend. Vor vier Jahren wollten die Amerikaner die Bush-Ära beenden. Sie hatten genug von Politikern, die ihnen Kriege und eine nachhaltige Wirtschaftskrise bescherten. Obama kam da gerade recht. Heute wissen alle, dass auch Obama ein Mensch ist, mit Stärken und Schwächen.

Aber diesmal geht es nicht vor allem um Personen. Es geht um die grundsätzliche Richtung, in die sich das Land bewegt. Mehr Steuern für die Reichen, ausreichende Kranken- und Sozialversicherung, Subventionen für die notleidende Industrie sowie die Suche nach alternativer Energie: das ist – verkürzt – das Programm des Präsidenten.

Steuererleichterungen für die Reichen, eine Reduzierung von Sozial- und Gesundheitsleistungen, Abschaffung vieler Subventionen sowie die unveränderte Ausbeutung der herkömmlichen Energiequellen – dies ist – ebenfalls verkürzt – das Programm des Republikaners Rommney.

Und es ist – so seltsam dies in deutschen Ohren klingen mag – ein in den USA durchaus attraktives Programm. Die Angst vor dem Staat, der sich einmischt, ist dort genauso verbreitet wie der Glaube, mit eigener Leistung und ohne die Hilfe Anderer sein Leben meistern zu können.

Angesichts von "Sandy" applaudieren unterdessen auch einflussreiche Republikaner dem Krisenmanagement des Präsidenten. Wie anders sollten der Gouverneur von New Jersey und der Bürgermeister von New York – den am Stärksten betroffenen Regionen – den Menschen gegenübertreten, die in dieser Woche alles verloren haben?

Wie es nicht geht, hat Obamas Vorgänger Bush 2005 demonstriert. Der Hurrikan "Katrina" wurde unterschätzt. Dann standen weite Teile von New Orleans unter Wasser. Es dauerte Tage, bis die Regierung reagierte. Für viele Opfer viel zu spät.

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