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Politisches Feuilleton

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.01.2013

Sahel - die nächste Krisenzone

Militärische Intervention in Mali von zweifelhaftem Erfolg

Von Ramon Schack

Französische Soldaten bei einer Lagebesprechung in Mali (picture alliance / dpa / Arnaud Roine)
Französische Soldaten bei einer Lagebesprechung in Mali (picture alliance / dpa / Arnaud Roine)

Sie wollten Menschen vor ihren eigenen Landleuten schützen. Deshalb ließ Nicolas Sarkozy aus der Luft die Militärmaschine des libyschen Diktators Gaddafi zerstören. Deshalb auch lässt Francois Hollande in Mali militante Islamisten stoppen, die dabei waren aus dem Norden in den Süden dieses afrikanischen Staates vor zu dringen.

So wie Bernard-Henri-Lévy den einen Präsidenten beriet, so feuert er jetzt den anderen an. Dieser Modephilosoph, in der Bussi-Gesellschaft von Paris auch als BHL bekannt, war einst eine Ikone der französischen 68er-Bewegung, nahm später die Pseudo-Fortschrittlichkeit der linken Intelligenz ins Visier und verdammte den marxistischen Totalitarismus.

So weit, so gut.

Doch seine Menschenrechtsdoktrin erinnert in ihrer Rigorosität und Fortschrittsgläubigkeit an seine verblassten marxistischen Dogmen früherer Tage. Die Intervention in Mali bestätige, "die hervorragende Rolle Frankreichs, das in vorderster Reihe für die Demokratie kämpft", schrieb er kürzlich.

Doch er erwähnte nicht, dass das eine mit dem anderen zu tun hat, dass der Sturz Gaddafis den Vormarsch muslimischer Kämpfer begünstigte, dass der "Arabische Frühling" in Nordafrika entlang der Mittelmeerküste weiter südlich die unruhige Sahelzone zu entflammen droht.

Der konservativ gewendete Denker Lévy wiederholt den Fehler von George W. Bush und seiner Berater, Militäraktionen idealistisch zu überhöhen, um sie vor dem eigenen Volk zu rechtfertigen und dabei die Lage in der jeweiligen Krisenregion selbst zu ignorieren.

In Mali nämlich begann der aktuelle Konflikt, als Tuareg-Söldner, die sich zuvor in den Diensten Gaddafis befanden, über die Grenzen zurück in ihre Heimatländer strömten. Sie setzten einen Kampf mit der malischen Zentralregierung um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit fort.

Unterstützt wurden sie von islamistischen Gruppen, die wahlweise auch in Algerien operieren. Aus Libyen brachten die Kämpfer hochwertiges Waffenmaterial mit, welches aus den Rüstungsschmieden des Westens stammt und mit dem sich das Gaddafi-Regime zuvor reichlich versorgen konnte.

Außerdem ist die gesamte Sahelzone, der breite Steppengürtel südlich der Sahara, die sich von Somalia im Osten zum Senegal im Westen erstreckt, von einem islamistischen Aufbegehren erfasst worden. Finanziert und inspiriert von einflussreichen Kreisen in den reaktionären Golf-Monarchien - unter Führung Saudi-Arabiens -überrollen Fanatiker die lokalen Muslime, fegen ihre religiösen Traditionen hinweg, insbesondere die der Mystiker und Sufi-Orden.

Der Westen reagiert darauf mit hektischem Aktionismus, fühlt sich verantwortlich zu handeln - nach dem Konzept "Responsibility to act", welches die Internationale Staatengemeinschaft verpflichten soll, Völkermorde und Genozide zu verhindern.

Militärische Interventionen aus dem Ausland aber sind von zweifelhaftem Erfolg. Sie hebeln das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates aus, verschlimmern nicht selten die Menschenrechtssituation statt sie zu verbessern und vor allem gelingt es ihnen, nicht die Lage in einer Krisenregion dauerhaft zu stabilisieren.

"Menschenrechte sind eine Versicherung gegen das Unmenschliche; sie öffnen nicht die Tore zum Paradies, aber sie verrammeln die Pforten der Hölle", schrieb der französische Philosoph André Glucksmann einst. Und genau darum ist Bernard-Henri-Lévy zu widersprechen. Mit seiner Politik öffnet der Westen weder die Tore zum Paradies, noch verrammelt er die Pforten der Hölle.

Dazu müsste er eine nachhaltige Politik gegenüber den Staaten der Region betreiben. Die Aufrüstung Saudi-Arabiens wäre so gesehen der falsche Weg. Denn die Monarchie in Riad teilt keineswegs westliche Menschenrechtsvorstellungen, ja sie untergräbt diese sogar mit dem Export autoritärer religiöser Ideen.

Ramon Schack (Privat)Ramon Schack (Privat)Ramon Schack, Jahrgang 1971, ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die "Neue Zürcher Zeitung", "Süddeutsche Zeitung", "Die Welt", die "Berliner Zeitung", die "Wiener Zeitung", das "Handelsblatt". Seine Website: www.ramon-schack.de