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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.05.2013

Säufergeschichten aus dem Kongo

Alain Mabanckou: "Zerbrochenes Glas", Liebeskind, München 2013, 222 Seiten

Whiskyflasche (Stock.XCHNG / Dan Mulligan)
Whiskyflasche (Stock.XCHNG / Dan Mulligan)

Ein gefeuerter Lehrer, der seit Jahren trinkt, findet in der Stammkneipe eine neue Aufgabe: Er sammelt die Leidensgeschichten seiner Saufkumpanen, die alle auf die eine oder andere Art im Leben abgestürzt sind.

Zerbrochenes Glas ist nicht nur der Titel des neuen auf Deutsch erschienen Romans von Alain Mabanckou, sondern auch der Name des Erzählers. Er führt uns in eine Kneipe nach Brazzaville also in die Republik Kongo, auch wenn der Ort nie explizit benannt wird. Die Kneipe hat den wunderbaren Namen "Angeschrieben wird nicht" und der Besitzer heißt "sture Schnecke". Dieser gibt "zerbrochenes Glas" ein Heft, damit er die spannenden Lebensgeschichten der Kneipenbesucher aufschreibt, weil er glaubt, dass der versoffene, aus dem Schuldienst geworfene Lehrer, Ähnlichkeit mit einem berühmten Schriftsteller hat.

Zerbrochenes Glas sammelt Geschichten, etwa von dem "Pamperstyp", dessen Frau ihn beschuldigt hat, sich an der eigenen Tochter vergangen zu haben. Dieser Vorwurf, den er vehement bestreitet, bringt ihn ins Gefängnis, wo er so misshandelt wird, dass er nur als Pampers tragender Invalide überlebt. Der "Drucker" hat es immerhin bis nach Frankreich geschafft und dort sogar eine weiße Französin geheiratet. Doch auch ihm hat seine Ehefrau übel mitgespielt. Sie hat ihn mit ihrem Stiefsohn betrogen, in die Psychiatrie geschickt und schließlich des Landes verweisen lassen.

Politisch und auch sonst völlig unkorrekt, sexistisch und wirr erzählt "Zerbrochenes Glas" über "Neger", gemeingefährliche Frauen und unverstandene Männer, bis er schließlich bei seiner eigenen Geschichte ankommt und Auskunft gibt, wie seine Frau seinen Alkoholismus, seine daraus folgende Verwahrlosung und seinen beruflichen Absturz 15 Jahre lang ertragen hat und immer versuchte ihn zu unterstützen, bis sie sich schließlich von ihm trennte. Das versteht er bis heute nicht, denn schließlich ist es doch seine eigene Freiheit, so viel zu trinken wie er will, solange er seine Frau nicht schlägt…

Zerbrochenes Glas oder Alain Mabanckou erzählt diese Geschichten atemlos, ohne Punkt, mit nur minimalen Absätzen. So nimmt der Autor seine Leser mit auf eine rastlose Reise, schreibt offen und frisch, wie wohl nur das Französisch, das aus Afrika rübergeschwappt ist, sein kann –damit ein großes Lob auf die Übersetzer – und begibt sich auf einen nicht enden wollende Parforceritt durch die Kunst, Kultur und Politik der Welt. Alain Mabanckou zitiert permanent Literatur, Filme, Chansons und Politiker von de Gaulle über Gandhi bis zu Churchill. Eine Übersetzung ins Hebräische hat versucht alle Zitate aufzulisten und es zu einem Anhang von ca. 70 Seiten geschafft. Das bleibt dem deutschen Leser erspart, die vier Seiten Anmerkungen sind erhellend und erheben keine Anspruch auf Vollständigkeit. So bleibt es jedem selber überlassen die vielen Zitate zu finden oder als Spielerei zu übergehen.

Alain Mabanckou hat als Student mit 22 Jahren den Kongo verlassen und lebt seither in Paris und Los Angeles, wo er französische Literaturwissenschaft lehrt. Aber seine Aufmerksamkeit gilt weiterhin dem Kongo. Dieser Roman ist bereits 2005 in Frankreich erschienen, doch schien er seinem deutschen Verleger zu gewagt, so dass der später geschriebene Roman "Black Bazar", der sich mit der schwarzen Szene in Paris beschäftigt, zuerst auf Deutsch übersetzt wurde und "Zerbrochenes Glas" erst jetzt als dritter Roman Mabanckous auf den deutschen Markt kommt.

Besprochen von Birgit Koß

Alain Mabanckou: Zerbrochenes Glas
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2013
222 Seiten, 18,90 Euro


Mehr Infos zu Belletristik aus Afrika, Asien und Lateinamerika im Web:

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