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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.09.2014

Sängerensemle abgeschafftSpardruck zwingt Wuppertal zur Leih-Diva

"Tosca"-Premiere war der Startschuss für neues Modell

Von Ulrike Gondorf

(picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Der Wuppertaler Opernintendant Toshiyuki Kamioka vor dem Opernhaus in Wuppertal. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Weil der Etat gekürzt wurde, kann sich das Opernhaus Wuppertal kein festes Sängerensemble mehr leisten - ein bundesweit bislang einmaliger Vorgang. Die Folgen einer solchen Sparpolitik ließen sich nun bei der Premiere der Puccini-Oper "Tosca" besichtigen.

Die Diva ist nur noch geliehen. In großer Robe steht Mirjam Tola als Tosca ganz hinten auf der Bühne, und mit großem Effekt stürzt im Schlussbild der Puccini-Oper eine ganze Dekorationswand ein. Man könnte es als Sinnbild der Erschütterungen sehen, die gerade die Theaterszene in Wuppertal verändern und deren Ausläufer vielleicht bald schon in den kulturpolitischen Diskussionen anderer klammer Kommunen zu spüren sein werden. Als bislang bundesweit einziges Opernhaus hat Wuppertal kein festes Sängerensemble mehr. Der neue Intendant (und alte Chefdirigent) Toshiyuki Kamioka hat alle Solistenverträge gekündigt und wird im Stagionebetrieb nur noch mit Gästen arbeiten. Die Premiere der "Tosca" zur Saisoneröffnung war der Startschuss für dieses Modell.

Der Abend legte auf Anhieb ein paar Licht- und viele Schattenseiten offen. Unbestreitbar hat die Vorstellung ein sängerisches Niveau, das ein mittelgroßes Stadttheater nicht stemmen kann. Mikhail Agafonov ist ein bemerkenswerter Cavaradossi, auch Mirjam Tola in der Titelrolle ist gut. Und das Orchester spielt unter Kamiokas Leitung das schwere Stück mit einem ausgefeilten Luxusklang - und wird das wohl auch die zwei Wochen lang tun, in denen es jetzt ohne Unterbrechung durch andere Dienste in Wuppertal auf dem Spielplan steht.

Die Isnzenierung ist langweilig, kalt, monumental

Aber damit ist die positive Seite der Bilanz erschöpft. Die Inszenierung von Stefano Poda – wenn der Vergleich mit Berichten und Bildern im Internet nicht trügt, die Reprise einer Klagenfurter Produktion von 2012 - ist langweilig, kalt, monumental, voller Effekthascherei. Den rasanten Psycho- und Politkrimi bedient Poda schlecht, ohne eine andere Deutung des Stücks erkennbar werden zu lassen. Die Figuren bleiben profil- und beziehungslos. Das Interesse des Regisseurs (der auch für Bühne und Kostüme verantwortlich war) scheint vor allem dem Lichtdesign gegolten zu haben, das sich in exzessiven Stimmungswechseln ergeht.

Nun kann eine verfehlte Inszenierung nicht gegen das Stagione-Prinzip sprechen, die Stadttheater sind ja keineswegs gefeit gegen Regie-Missgriffe. Trotzdem könnten einige Probleme symptomatisch sein für schnell implantierte Konfektion: das Nebeneinander-Agieren der Sänger, der Chor, den Poda weiß geschminkt, aber uninszeniert aus den Proszeniumslogen singen lässt – das spart gewiss Probenzeit. Nicht zuletzt ein bei aller instrumentalen Raffinesse merkwürdig undramatisches Musizieren im Orchester. Wie genial diese Musik situativ, räumlich gedacht ist, das scheint Kamioka gar nicht aufzugreifen; Bühne und Graben sind zu wenig verzahnt und das lässt die Spannung des Abends abfallen.

Der Verlust des Ensembles hat einen hohen Preis

Aber auch wenn überzeugendere Aufführungen kommen - der Verlust des Ensembles hat natürlich einen hohen Preis. Er beeinträchtigt die Bindung des Publikums an sein Theater, er bedeutet den Wegfall aller Extras, aller musiktheatralischen Experimente in kleiner Besetzung, aller Aktivitäten, die bislang auch in Wuppertal neben dem Hauptspielplan in Kirchen, Kinos, in den Stadtteilen, für Kinder und Jugendliche stattgefunden haben. Kamiokas Spielplan reduziert sich auf Publikumsrenner, neue Stücke und Raritäten wird es nicht geben. Denn dafür kann man ja keine fertig einstudierten Sänger engagieren. Schade, denn gerade mit ausgefallenen Programmpunkten konnte die Wuppertaler Oper immer Aufmerksamkeit wecken. Und sollte das Beispiel Schule machen: Wo finden junge Sänger Gelegenheit, Partien zu lernen und sich sängerisch und darstellerisch zu entwickeln, wenn es keine Ensembles mehr gibt?

Wer das bedauert, sollte sich trotzdem hüten vor kurzschlüssigen Schuldzuschreibungen. Der neue Intendant Toshiyuki Kamioka hatte bei einer ihm auferlegten Kürzung des Theateretats um etwa 20 Prozent gar nicht die Wahl, weiterzumachen ohne einschneidende Veränderungen. Und die Stadt Wuppertal, verzweifelt verschuldet, hatte in ihrem Nothaushalt auch nicht die Wahl, das Theater vor Einschnitten zu verschonen.

Lösungen für dieses Problem müssen auf einer anderen Ebene gesucht werden: in der Umverteilung der Finanzmittel zwischen Bund, Ländern und Kommunen; in der Definition der Kultur, die nicht mehr als "freiwillige" und also nicht notwendige Aufgabe, sondern als zentrales Element der Lebensqualität in einer Stadt angesetzt werden muss. Schwer vorstellbar, dass das Wuppertaler Modell auf die Dauer das Überleben der Oper sichert. Es könnte aber ein Moratorium sein, das Zeit verschafft, um über alle diese Fragen nochmals gründlich nachzudenken.

Mehr zum Thema:

Wuppertal - Tod des Ensembles (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 14.03.2014)

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