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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.06.2015

SachbuchNur nicht aus der Unruhe bringen lassen!

Von Thorsten Jantschek

Eine Person tippt auf der Tastatur eines Laptop Computers. (imago / Jochen Tack)
Unruhe im digitalen Zeitalter: Person tippt auf Tastatur (imago / Jochen Tack)

Ralf Konersmann schreibt in "Die Unruhe der Welt" eine faszinierende Geschichte unserer umtriebigen Lebensform. Er zeigt, wie der moderne Mensch die Unruhe lieben gelernt hat - und lässt erahnen, wie wir vernünftig damit umgehen können.

Ist es nicht merkwürdig, dass wir mit dem, was wir erreicht haben, kaum jemals zufrieden sind, dass eine Reform schon die nächste gebiert? Dass jedes Ziel doch nur ein Durchgangsstadium ist auf dem Weg in eine offene Zukunft und dass wir uns vom Fortschritt berauschen lassen? Und ist es nicht noch merkwürdiger, dass wir uns zugleich angesichts der Beschleunigung des alltäglichen Lebens, der Verdichtung des Arbeitsalltags nach Entschleunigung, Slow-Food oder Gelassenheit sehnen?

Der Kieler Kulturphilosoph Ralf Konersmann ergründet in seiner Geschichte der Unruhe diesen Widerspruch. In staunenswerter Weise kann er nicht nur zeigen, wie die Unruhe überhaupt als Lebensform des modernen Menschen in die Welt, und das heißt hier, in die Mythenerzählungen gelangt ist. Sondern er zeigt auch, wie wir die Unruhe lieben gelernt haben und er lässt die Leser ahnen, wie wir einen vernünftigen Umgang mit ihr pflegen können, jenseits der Rezepte der Ratgeberliteratur.

Welt nicht interpretieren, sondern ändern

"Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein." - So lautet Gottes Urteil über Kain, der seinen Bruder erschlagen hat, aus der Wut des arbeitenden Bauern heraus, der den Hirten noch im Zustand einer postparadiesischen Kontemplation leben sah. In dieser Mythenerzählung sieht Konersmann den Beginn der Unruhe als kulturprägender Kraft, die ein Daseinsverständnis erzeugt hat. Dies ist heute so allgegenwärtig wie selbstverständlich.

Im Lauf der Geschichte hat es sich allerdings radikal verändert, vom Schreckbild des Gottesurteils aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, über der Entfaltung der Wissenschaften in der frühen Neuzeit und ihrer Vorstellung man könne am Ende – wenn alles vorwärts drängende Wissen entfaltet ist – zu einer paradiesischen Erkenntnisruhe zurückkehren. Bis hin zu Karl Marx und seiner berühmten These, es gelte nicht, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Damit wurde – so Konernsmann - die Unruhe zum Wasserzeichen der Moderne.

Tief im mentalen Gerüst eingelassen

Ungemein kenntnisreich bewegt sich Konersmann kreuz und quer durch die Jahrhunderte, verfolgt Motive und Splitter mythischer Erzählungen. Der Mythos, so erfahren wir, ist nicht von der Aufklärung überwunden, sondern führt ein Eigenleben: "Kleinformatig und ungemein beweglich, vagabundieren die freien Erzählbruchstücke durch die Öffentlichkeit, weitergetragen und globalisiert durch die Traumfabriken, durch die Medien, die Werbung, die Programme der Parteien und, selbstverständlich, die Verlautbarungen der Wissenschaft." Dadurch schafft die Unruhe es, zur Lebensform des modernen Menschen zu werden.

Und dieses tief im mentalen Gerüst des modernen Menschen eingelassene Daseinsgefühl lässt sich nicht durch Gelassenheitsratgeber oder Simplify your life Breviere "wegtherapieren", die das Phänomen der Unruhe in ein zunehmend erschöpftes Subjekt verlegen wollen. Statt dessen gilt es, mit Ralf Konersmann die Unruhe als "hoffnungsfrohes Taumeln", als "massenhaftes Sehnen und Drängen" zu entdecken, "das die Unterscheidung von Treiben und Getriebensein nicht kennt." Mit den antiken Stoikern, mit deren pragmatischen Verständnis von Seelenruhe, können wir dagegen lernen, das unruhige Leben zu meistern, ohne sich aus der Unruhe bringen zu lassen. 

Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt
S. Fischer, Frankfurt/Main 2015
464 Seiten, 24,99 Euro

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