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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.05.2014

SachbuchHinter den Kulissen des Vatikans

Ein neues Buch bietet Innenansichten aus dem Kirchenstaat

Von Adolf Stock

Petersdom im Rom (dpa / picture alliance / ANSA / Mario_De_Renzis)
Wie geht es hinter den Mauern des Vatikans zu? Crista Kramer von Reisswitz verspricht Antworten (dpa / picture alliance / ANSA / Mario_De_Renzis)

Papst Franziskus tritt als Erneuerer auf. Doch wie lange kann das gut gehen? Diese Frage stellt die Journalistin Crista Kramer von Reisswitz in ihrem Buch "Macht und Ohnmacht im Vatikan", in dem sie die Machtkämpfe und Intrigen im Kirchenstaat schildert.

Eigentlich wollte Crista Kramer von Reisswitz ein ganz anderes Buch schreiben. Ihr ist aber der Rücktritt von Papst Benedikt in die Quere gekommen. Nicht weiter schlimm, der Titel "Macht und Ohnmacht im Vatikan" geht immer, und so musste nur die Unterzeile aktualisiert werden. Sie heißt jetzt "Papst Franziskus und seine Gegner".

Nach der Abdankung Benedikts dachten viele Vatikan-Kenner, Erzbischof Angelo Scola aus Mailand würde der neue Papst. Jorge Mario Bergoglio stand nicht auf ihrer Agenda. Aber es war offenbar auch so, dass die ausländischen Kardinäle diesmal keinen Italiener auf dem Heiligen Stuhl sehen wollten. Schließlich sitzen in der Kurie schon genug Italiener, die für die vielen Missstände im Vatikan Verantwortung tragen. Da ist etwa der Skandal um den päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele, der vertrauliche Dokumente veruntreute und an die Presse weitergab, oder die korrupten Machenschaften der Vatikanbank und nicht zuletzt die nicht enden wollende Pädophilie-Debatte.

Der Vatikan hat viele Baustellen, um die sich Franziskus nun kümmern muss. Schon ist er dabei, die Kurie zu reformieren. Er ernannte acht Kardinäle aus allen Kontinenten zu seinen Beratern.

"Mit der eurozentristischen Regierung in der Kirche ist es damit vorbei. (...) Der langjährige römische Bischofsvikar, Kardinal Camillo Ruini, hatte noch am Abend der Papstwahl erklärt, in der Kurie müssten ‚Understatement' sowie ein nüchterner Stil herrschen. Das Struktur¬problem der Kurienbehörden sei während des Zweiten Vatikanischen Konzils angegangen worden, doch die Konzilväter hätten damals keine angemessene Lösung gefunden."

Hinter den Kulissen brodelt es mächtig

Das soll sich nun ändern. Crista Kramer von Reisswitz beschreibt den neuen Papst als einen beherzten Erneuerer, der auch mal Besucher empfängt, die normalerweise nie an den mächtigen Türstehern der Papstgemächer vorbeigekommen wären. Und sie fragt sich ernsthaft, wie lange das gut gehen kann, wie lange die Entmachteten im Vatikan stillhalten werden, denn hinter den Kulissen brodelt es mächtig.

Papst Franziskus hat zahlreiche Feinde. Für Crista Kramer von Reisswitz gehört eine gut vernetzte "Gay-Connection" zu seinen stärksten Gegnern. Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache. Ihr Kronzeuge Monsignore Battista Ricca, Hausprälat der Vatikanbank, soll sich durch dunkle Machenschaften das Vertrauen des Papstes erschlichen haben. Das wird lang und breit ausgeführt, aber der beschuldigte Monsignore ist bis heute im Amt und genießt das Vertrauen des Papstes.

Wer gegen wen intrigiert, bleibt am Ende völlig unklar, und unklar ist auch, welchen Standpunkt die Autorin vertritt, zumal sie an anderer Stelle den Orden Opus Dei verteidigt und die Kontakte des Vatikans zur italienischen Politik und zur Mafia verharmlost.

Crista Kramer von Reisswitz hat eine Momentaufnahme des Vatikans gezeichnet, eine Momentaufnahme, die sehr weit ausholt, ohne viel Rücksicht auf das selbst annoncierte Thema zu nehmen. Und so beschreibt sie in langen Exkursen, was die Schweizer Garde zu tun hat oder wie die Pressearbeit hinter den Vatikanmauern funktioniert.

Um über den Vatikan berichten zu können, sind gute Beziehungen nötig. Man muss Leute kennen, die etwas wissen und – was noch viel wichtiger ist – Leute, die auch etwas sagen. Die Autorin ist eitel genug, auf solche Kontakte gleich mehrfach hinzuweisen. Sie scheint gut vernetzt zu sein, und so dürfen ihre Leser auch den Voyeur spielen und einen Blick auf den Beziehungsdschungel hinter der Vatikan-Mauer werfen.

Was können wir von Papst Franziskus erwarten?

Da gibt es jede Menge wichtige und nicht ganz so wichtige Fragen. Zum Beispiel: Mag Papst Franziskus den Georg Gänswein? Welche Rolle spielt Benedikts Privatsekretär, der noch Erzbischof wurde, bevor Franziskus kam, und nun einstweilen zwei Herren dient?

Wer das Nähkästchen-Ambiente mag, wird von der Autorin gut bedient, doch manchmal geht es auch um handfeste Dinge. Etwa, wenn Crista Kramer von Reisswitz den Einfluss der verschiedenen Orden und Organisationen auf den Papst beschreibt, die traditionell gut funktionierende Seilschaften bilden: Die Jesuiten, zu denen auch Papst Franziskus zählt, die Prälatur Opus Dei oder die Mitglieder des Salesianer Ordens.

"In seinem Pontifikat geht es nicht mehr um Grabenkämpfe im eigenen ‚Palazzo' und um die Konkurrenz untereinander nach dem Motto: Welcher katholischen Organisation oder charismatischen Bewegung gelingt es, möglichst viele Mitglieder und Anhänger an Machtpositionen in der Nähe des Papstes zu platzieren?"

Zum Schluss bleibt die alles entscheidende Frage: Wohin treibt der Vatikan? Was können wir von Papst Franziskus erwarten? Crista Kramer von Reisswitz glaubt nicht an radikale Reformen. Sie sieht den neuen Papst ganz in der Tradition seiner konservativen Vorgänger. Sexualreform? Fehlanzeige. Ende des Zölibats? Auch das wird es nicht geben.

Also nichts Neues aus Rom? Doch: Ton und Stil haben sich geändert. Dicke Autos und liturgischer Pomp werden nach Kräften reduziert. Der neue Papst richtet den Blick auf alle Bedürftigen. Franziskus ist ein Charismatiker, der mit eindrucksvollen Gesten die Herzen der Gläubigen erobert und auch Anders- oder Nichtgläubige beeindruckt, nicht zuletzt deshalb, weil er sich dem "Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft und den Konsumismus" verschrieben hat.

Und so lässt Crista Kramer von Reisswitz ihre Leser eher ratlos zurück. Das Buch ist eine Mogelpackung. Man erfährt viel und allerlei, aber die vermeintlichen Gegner von Papst Franziskus zeigen am Ende dann doch nicht ihr wahres Gesicht.

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