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Buchkritik | Beitrag vom 18.01.2016

SachbuchEinführung ins Rittertum

Von Wolfgang Schneider

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Wie waren die Ritter wirklich? (dpa / picture alliance / Vladimir Astapkovich)
Ein Ritter wie aus den alten Geschichten von Hartmann von der Aue. (dpa / picture alliance / Vladimir Astapkovich)

Der Londoner Historiker Thomas Asbridge legt ein neues Buch vor, in dem er anhand des legendären Ritters Guillaume le Maréchal in die Geschichte des Mittelalters einführt. Ein Sachbuch, das sich streckenweise wie ein Roman liest - voller Intrigen und starker Szenen.

Dynastische Machtkämpfe, ständige Bürgerkriege, rücksichtslose Eroberungen, Aufstände des Adels, Belagerungen trutziger Burgen und dazwischen zur Abwechslung die kriegerisch-fromme Romantik der Kreuzzüge, von denen man unter Umständen (wie Richard Löwenherz) halb verrichteter Dinge wieder heimeilen musste, weil dort schon wieder Brände zu löschen und Rivalen in Schach zu halten waren – das 12. Jahrhundert hat viel zu bieten für saftige historische Darstellungen.

Nach seinem vielgelobten Werk über die Kreuzzüge legt der Londoner Historiker Thomas Asbridge nun ein Buch vor, das sich auf die Gestalt des legendären Ritters Guillaume le Maréchal (1147-1219) konzentriert, sich dabei aber immer wieder zum Panorama des anglo-normannischen Königreichs im 12. Jahrhundert ausweitet – ein Ritterfest zum Lesen, Game of Thrones und Clash of Kings satt.

Aber warum gerade dieser Ritter? Der beste Turnierkämpfer seiner Zeit machte nicht nur eine atemberaubende Karriere und war vier Plantagenet-Königen zu Diensten (was neben Klugheit, Machtinstinkt und höchster diplomatischer Geschmeidigkeit auch eine rechte Portion Opportunismus erforderte), sondern zuallererst an der vorzüglichen Quellenlage. Die Familie von William Marshal (so sein geläufiger englischer Name) gab einige Jahre nach seinem Tod eine Biografie in Auftrag, die zu einem veritablen Versepos geriet. Diese jahrhundertelang verschollene Handschrift der "Histoire de Guillaume le Maréchal" wurde 1861 zufällig von einem Philologiestudenten bei einer Versteigerung wiederentdeckt – eine abenteuerliche Geschichte, die Asbridge an den Beginn des Buches stellt.

Anschauliche Darstellung der Historie

Dank dieses Dokuments weiß man über keinen mittelalterlichen Adligen mehr als über William Marshal. Entlang dieser Hauptquelle hat Asbride seine Biografie verfasst, flankiert von ausgiebigen Forschungen über die historischen Kontexte, die ihn öfter veranlassen, den stark lobpreisenden Tönen des Heldengesangs abwägendere oder kritische Urteile gegenüberzustellen (von der Magna Charta, an deren Ausarbeitung der Ritter mitarbeitete, hält er beispielsweise erstaunlich wenig). Aber auch für Asbridge ist Marshal die symbolische Figur des Zeitalters und der Inbegriff des Rittertums. Vor allem das erste Drittel des Buches bietet eine Kultur- und Sozialgeschichte der Männer im Kettenhemd, ihres Selbstverständnisses sowie ihrer Rituale und Turniere, die sich oft anders ausnahmen als in den späteren klischeehaften Ritterdarstellungen. Ziemlich wohlhabend musste man sein, um dieser edlen Elite anzugehören. Allein ein gutes Kampfpferd kostete so viel wie 4500 Schafe.

Asbridges Darstellung ist anschaulich und gut nachvollziehbar (manche komplexen Zusammenhänge werden dabei ein wenig vereinfacht); streckenweise liest sich das Buch wie ein Roman, voller Intrigen und starker Szenen. Am Ende seines Lebens wurde Guillaume le Maréchal in Vertretung des noch unmündigen Heinrich III. als "Hüter des Königreichs" zum faktischen Herrscher Englands, das er – nach dem Verlust aller französischen Gebiete – entscheidend stabilisieren half. Dieses spannende Buch hilft seinen Lesern, ihr Wissen vom Mittelalter zu stabilisieren.

Thomas Asbridge: Der größte aller Ritter und die Welt des Mittelalters
Aus dem Englischen von Susanne Held
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015
487 Seiten, 29,95 Euro

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