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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.02.2014

SachbuchBewegtes Dirigentenleben

Hartmut Haenchen: "Werktreue und Interpretation"

Von Dieter David Scholz

Der Dirigent Hartmut Haenchen (picture-alliance / dpa / Ulrich Hässler)
Der Dirigent Hartmut Haenchen (picture-alliance / dpa / Ulrich Hässler)

Das Fazit und die Summe seines bisherigen Schaffens hat einer der weltweit gefragtesten Wagnerinterpreten veröffentlicht. Der Dirigent Hartmut Haenchen legt mit "Werktreue und Interpretation" in zwei Bänden seine gesammelten Aufsätze vor.

Der Dirigent Hartmut Haenchen, ehemaliger Dresdner Kreuzschüler, galt zu DDR Zeiten als politisch missliebiger Dirigent. Er litt zeitweise unter Dirigierverbot und erhielt erst 1986 die Ausreisegenehmigung als "Selbstfreikäufer" in die Niederlande, wo er 20 Jahre lang das Musikleben Amsterdams prägte. Heute ist der vielfach geehrte und ausgezeichnete Dirigent einer der gefragtesten Wagnerinterpreten in aller Welt. Immer wieder hat er sich auch als Autor zu Wort gemeldet. Jetzt legte er in einem zweibändigen Werk mit dem Titel "Werktreue und Interpretation" seine gesammelten Aufsätze vor, Summe und Fazit seines bisherigen Dirigentenlebens.

Er ist Rekordhalter im Dirigieren von Wagners "Ring". 32 Zyklen der Mammuttetralogie hat Hartmut Haenchen bis heute dirigiert. Sein Amsterdamer "Ring" ist nicht nur, was die Inszenierung von Pierre Audi angeht, sondern auch in Bezug auf das Dirigat eine Sensation. Man hört Wagners "Ring" in Amsterdam völlig neu, denn Hartmut Haenchen dirigiert Wagner anders als die meisten seiner Kollegen. Schon, weil er sich mit den überlieferten Aufführungskonventionen und vor allem mit dem Notentext, so wie er vorliegt, nicht zufriedengibt. Deshalb hat er quellenkritische Studien getrieben und vor allem alle Aufzeichnungen sowie Partitur-Änderungen von Wagners Assistenten gewissenhaft beachtet. Die Hälfte seines zweiten Bandes ist denn auch Wagners "Ring" gewidmet, für den er ein komplett neues Orchestermaterial erarbeitete.

Seit 55 Jahren am Dirigentenpult

Richard Strauss habe einmal gesagt, so liest man im Buch, man müsse 70 Jahre alt werden, um die schwierige Aufgabe des Dirigierens zu begreifen. Im März vergangenen Jahres wurde Harmut Haenchen 70 Jahre alt. Seit 55 Jahren steht er am Pult. Er galt mal als Spezialist mal für alte, mal für neuen Musik; sein Repertoire ist enorm breit. In seiner Publikation legt er Zeugnis davon ab, dass der Beruf des Dirigenten vor allem ein Erfahrungsberuf ist – und Haenchen schöpft aus der Fülle langjähriger Erfahrungen. Er ist ein reflektierender, kein intuitiver Dirigent, dem es mehr um die Sache als um seine Person geht; er verkauft sich nicht, wie manch einer seiner Kollegen, als Projektionsfläche unterschiedlichster Bedürfnisse und Sehnsüchte des Publikums oder des Musikbusiness; und er gilt als unbequem, weil er nicht kompromissbereit ist, als Dirigent wie als Staatsbürger.

Über beides, Beruf wie Biografie, erfährt man in den Bänden viel. Er schreibt nicht nur über Wagner, Mahler und Brahms, Beethoven, Bach, Haydn, Gluck, Mozart, Richard Strauss, Bernd Alois Zimmermann und Aribert Reimann. Man liest auch kritische Auslassungen über die sogenannte "historische Aufführungspraxis"; schließlich hat er als Schüler Rudolf Mauersbergers beim Dresdner Kreuzchor jahrelang Alte Musik gesungen.

Fundiert und verständlich

Über was auch immer: Hartmut Haenchen schreibt stets wissenschaftlich fundiert, aber allgemein verständlich. Sein dirigentisches Credo lautet: Zurück zu den Quellen! Der Erfolg auf den Konzertpodien und in den Opernhäusern, ob in Amsterdam oder Paris, in Brüssel, Leipzig und Mailand, Dresden und Madrid, gibt ihm Recht. Die theoretische Rechtfertigung seiner Art des Dirigierens und der Interpretation von Musik hat er jetzt in seinem zweibändigen Werk nachgereicht. Man blickt hinter die Kulissen von Oper und Konzert, erfährt viel aus Partituren und musikhistorischen Quellen und lernt in beigefügten offenen Briefen zu kulturpolitischen Fragen auch den engagierten Zeitgenossen Haenchen kennen.

Eine Diskografie und biografische Stichworte runden die Textsammlung ab. Man muss sie nicht von vorn bis hinten durcharbeiten. Die Aufsätze können - vom Musikliebhaber - einzeln gelesen werden, um sich über ein Stück zu informieren oder - vom Studenten und Musiker - um sich konkrete Interpretations-Anweisungen herauszusuchen. Eine nützliche, hochinformative Publikation, die dem Beruf des gebildeten und verantwortungsvollen Dirigenten alle Ehre macht. Man kann sie nicht nur jedem Hartmut-Haenchen-Fan wärmstens empfehlen.

Hartmut Haenchen: Werktreue und Interpretation. Erfahrungen eines Dirigenten
Pfau Verlag, Saarbrücken 2013
2 Bände im Schuber, zusammen 409 Seiten, 35,00 Euro
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