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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 15.01.2016

Russlanddeutsche in Nürnberg Zwei Heimaten und ein Zuhause?

Von Eleonore Birkenstock

Russlanddeutsche in einem Beratungszentrum für Aussiedler (picture alliance / dpa / Jochen Eckel)
Russlanddeutsche in einem Beratungszentrum für Aussiedler (picture alliance / dpa / Jochen Eckel)

Zwischen zwei Stühlen. Wurzeln in Russland haben, zu Hause in Deutschland sein. Etwa 39.000 Deutsche aus Russland leben heute in Nürnberg. Das macht einen Bevölkerungsanteil von etwa acht Prozent aus. Ihre Herkunft prägt sie bis heute.

"Ich bin Oleg wohne seit 2000 in Deutschland. Waren in Sibirien und sind fast alle ausgereist."

"Und jetzt in Deutschland zu Hause?"

"Zum größeren Teil natürlich, hab da meine Wurzeln und hab noch genug davon in meinem Herz."

"Wenn ich jetzt an meine russische Vergangenheit denke, dann kann ich mit jetziger Zeit nicht vergleichen, ich komme mir wie ein Außerirdischer vor."

"Manchmal haben bei uns in Kasachstan aus Spaß gesagt: ihr Deutschen, ihr Faschisten. Hier ist es wiederum Russen, ich finde es nicht ok. Nicht normal…"

"Ich bin mit 26 nach Deutschland gekommen, ich war russisch geprägt. Alles alte musste in mir kaputt gemacht werden, das Neue werden kann, das Deutsche werden kann – so auf zwei Stühlen zu sitzen das ist schon schwierig ‚ne."

Zwischen zwei Stühlen. Wurzeln in Russland haben, zuhause in Deutschland sein. Etwa 39.000 Deutsche aus Russland leben heute in Nürnberg. Das macht einen Bevölkerungsanteil von etwa acht Prozent aus. Vorneweg: Ich spreche hier von Russlanddeutschen – der Einfachheit halber. Damit meine ich Deutsche, die in Ländern der ehemaligen Sowjetunion gelebt haben, also auch in der Ukraine oder Kasachstan, jetzt unabhängige Staaten sind.

Nürnberg – das Landeskirchliche Archiv der evangelisch lutherischen Kirche in Bayern. Mit weißen Baumwollhandschuhen blättert Leiterin Andrea Schwarz in einem dicken, Buck mit vergilbten Seiten.

"Das hier ist ein Trauungsbuch der St. Bartholomäus-Kirche in Nürnberg Wöhrd, muss ganz schön blättern. Wenn ich bis zur Mitte des Buches blättere, dann kommen wir in das Jahr 1766 – und da finden sich am Rand Bemerkungen zu den Leuten, die geheiratet haben. Sie heißen russische Kolonisten. Das sind Leute, die nach Russland auswandern wollten, weil 1763 Zarin Katharina geworben hat um Zuwanderer aus Deutschland, weil sie wenig oder gar nicht besiedeltes Land von fleißigen und tüchtigen Leuten besiedeln lassen wollte."

Die Deutsche auf dem russischen Thron lockte ihre Landsleute mit geschenktem Land, Steuer- und Religionsfreiheit, der Befreiung vom Wehrdienst und der Zusage zur regionalen Selbstverwaltung. Im Nürnberger Stadtteil Wöhrd trafen sich vor gut 250 Jahre Auswanderer, die gen Osten ziehen wollten.

"Agenten haben die Leute gesammelt, in Trecks. Katharina wollte verheiratete Paare. Deswegen haben Paare bevor sie los sind noch schnell geheiratet."

Das von Michael Wladimirowitsch Perejaclawez geschaffene Denkmal "Katharina die Große" in Zerbst (Sachsen-Anhalt), aufgenommen 2014, vor blauem Himmel mit weißen Wolken. (picture alliance / ZB / Jens Wolf)Katharina die Große, die Deutsche auf dem russischen Thron, lockte ihre Landsleute mit geschenktem Land ins ferne Russland. (picture alliance / ZB / Jens Wolf)

Den Altbayern verbietet ihr Fürst die Ausreise. Aus Franken wagen im 18. Jahrhundert fast 1000 Menschen den Neuanfang im fernen Russland. Weitere Ausreisewellen vor allem aus Süddeutschland folgen Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Anfang in den weiten Steppen ist hart, viele sterben. Aus dem Nichts heraus bauen die Auswanderer Dörfer, mit Schulen und Kirchen. Erst Generationen später bringen sie es zu einem gewissen Wohlstand. In ihren Kolonien an der Wolga oder im Schwarzmeergebiet um Odessa herum konservieren sie ihre Traditionen, die sie aus Deutschland kannten: die Sprache samt Dialekt, Lieder und religiöse Rituale.

"Die Deutschen, die ausgewandert sind, haben ihre eigene Welt dort aufgebaut. Sie kamen dorthin mit ihrer eigenen Kultur. Diese Kultur war konkurrenzlos, weil sonst niemand da war."

Sabine Arnold ist Historikerin und kennt die Geschichte der Deutschen in Russland sehr gut. Sie hat in Russland für ihre Promotion geforscht, dort gelebt und gearbeitet und sie spricht Russisch. Inzwischen arbeitet sie für die SinN-Stiftung der evangelischen Kirche in Nürnberg bei der Aussiedlerseelsorge.

"Die evangelische Kirche engagiert sich in der Aussiedlerseelsorge seit 25 Jahren, weil viele aus der ehemaligen Sowjetunion evangelischen Glaubens sind. Und wir uns zuständig fühlen für deren psychisches und seelisches Heil."

Dabei gilt die Zuwanderung der Russlanddeutschen inzwischen als Erfolgsgeschichte. Viele arbeiten, anfängliche Probleme mit Jugendkriminalität scheinen kein Thema mehr zu sein. Und es gibt sogar Helene Fischer, eine in Sibirien geborene Russlanddeutsche. Trotzdem: Für Sabine Arnold gibt es in der Aussiedlerseelsorge noch genug zu tun. Brücken schlagen, nennt sie das.

"Wir haben es in unserer Gesellschaft immer noch mit der Erfahrung von Kriegen und Terror zu tun, die uns im 20. Jahrhundert geprägt haben und die bei uns genauso wie bei unseren ehemaligen Feinden immer noch tiefe Narben hinterlassen haben."

Den historischen Blick zurück bietet die Aussiedlerseelsorge der evangelischen Kirche auf dem Kirchentag in Stuttgart.

"Hallo, schön dass sie da sind…"

Zusammen mit anderen Aussiedlerseelsorgestellen beteiligt sich die Nürnberger Sinn-Stiftung an einer besonderen Ausstellung.

"Der Stand der Aussiedlerseelsorge ist ein nachempfundenes Haus von Deutschen, die in Sibirien gelebt haben. Vor dem Haus haben wir ein paar Karten bereitgestellt zur Auswanderung der Deutschen zur Zeit Katharinas der Großen und danach."

Im Russlanddeutschen-Haus gibt es mehrere Räume, unter anderem ein Wohnzimmer mit einem alten Herd. Fenster und Bett sind mit Spitzendeckchen verziert. Ein Samowar und eine alte Nähmaschine stehen hier. Frauen, deren Familien einst im Wolgagebiet oder am Schwarzmeer gewohnt haben, erklären die Ausstellungsstücke.

"Das ist ein Rukamolnik zum Händewaschen."

"Das ist ein Eimer mit einem Deckel und Röhrchen unten dran, wenn man draufdrückt kommt Wasser raus."

"Ja, da haben wir Gesicht gewaschen, Hände gewaschen…Viele fragen, sind offen. Ich freu mich, dass die Leute Interesse an dem haben, es tut schön und gut."

Viele Russlanddeutsche, vor allem Ältere, freuen sich, wenn man sie nach ihrer Herkunft, ihren Traditionen fragt. Unsere Geschichte kennt ja keiner, ist ein Satz, den ich manchmal gehört habe. Und offenbar kennen viele, vor allem junge Russlanddeutsche die Geschichte ihrer Herkunft nicht, wie ein Besucher des Hauses erzählt.

"In den 90ern, das hat mich tief berührt, wie mir Menschen aus der Gemeinde erzählt haben: In Russland waren wir die Nemetzkis, die Nazis. Jetzt kommen wir nach Deutschland. Jetzt sind wir die Russen. Das war dann für mich in der Gemeinde wichtig, Veranstaltungen zu machen, weil wir hier im Westen, wir konnten mit der Geschichte nix anfangen. Wir wussten was von Wolga-Deutschen, was die Zusammenhänge waren, wussten wir nicht, gell. Auch jetzt noch: Ich bin an 'ner Berufsschule, die jungen Menschen wissen nichts von der Geschichte, sind dann stolz, welche lange, auch tragische Geschichte sie haben."

Opfer von Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg

Zu der Geschichte der Deutschen in Russland gehören die Enteignungen während des Kommunismus, die Kollektivierung, Hungersnöte und der stalinistische Terror. In den 30er-Jahren, vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und währenddessen. Im Russlanddeutschen Haus führt mich Sabine Arnold in einen Raum: An der Wand hängen Namenslisten und ein gezeichnetes Bild von ausgemergelten Männern in einem Raum mit Stockbetten, in einem Gefangenenlager.

"In dem Raum geht es um die Deportationen, Repressionen und Ermordungen. Die Deutschen waren nicht die einzigen, aber sie sind eine Gruppe, die vor allem nach Beginn des Zweiten Weltkrieges ganz ungeliebt waren und vernichtet werden sollten."

"Könnte man das in Russland in Archiven herausfinden?"

"Das geht nicht, Archive sind zu, sie werden das nicht mehr finden."

Zu Besuch bei Anton Bosch im Nürnberger Süden. Bosch ist Mitbegründer des Historischen Forschungsvereins der Deutschen aus Russland. Er führt mich in sein Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Computer und Bücherregalen.

"Das sind meine Bücher, ein Teil ist im Keller, auf dem Dachboden. Meine Bibliothek enthält so 2000 Exemplare."

Bosch ist 1934 in der Ukraine geboren, in Kandel, im Gebiet Odessa. Seit 1974 lebt er nun in Nürnberg. Lange hat er als Ingenieur bei Siemens gearbeitet. Im Rentenalter hat er dann Geschichte studiert und seinen Doktor gemacht. Unter anderem hat er dokumentiert, wer in der Ukraine von Stalins Männern abtransportiert oder erschossen wurde. Die Ukraine hat ihre Archive geöffnet.

"Das sind 10.500 Namen. Das ist meine Arbeit in Archiven. Dort in Odessa hab ich alles aus dem Russischen übersetzt und hier in Tabellenform publiziert."

Boschs Biografie ist wie die vieler älterer Russlanddeutschen geprägt von Flucht, Zwangsumsiedlungen und Deportationen. Die Rote Armee hat Russlanddeutsche, die während des Zweiten Weltkrieges gen Westen gezogen sind, aus den von ihr besetzten Gebieten wieder in den Osten gebracht – in Arbeitslager und Sondersiedlungen, nach Sibirien oder in das Uralgebiet. Repatriierung wurde das genannt. Auf der Fahrt in Viehwaggons sterben Anton Boschs Geschwister, noch Säuglinge. Da war er elf Jahre alt.

"Am 28. Oktober 1945 kamen wir an und wurden wir ausgeladen, in den Matsch. Zwei Leichen, die Zwillinge sind gestorben zwei Tage davor. Mutter hat Leichen in Kartons verpackt und mitgebracht, ja. Die erste Aufgabe war halt, die irgendwo zu bestatten."

Für viele Russlanddeutsche war der Zweite Weltkrieg 1945 noch nicht vorbei und für Trauer war keine Zeit. Viele Männer waren in Kriegsgefangenschaft und schwiegen nach ihrer Rückkehr. Die Familien, Frauen, Alte und Kinder kamen in Sondersiedlungen und waren praktisch Gefangene, die unter Hunger, Armut und Kälte litten.

Auch Eugenias Familie hat eine solche Geschichte: 1942 wurde die Familie der Mutter aus der Ukraine nach Sibirien deportiert. Dort musste sie sich eine Höhle in den Boden graben, um den Winter bestehen zu können. Kälte und Hunger bestimmen das Leben, die Schwester der Mutter, noch nicht mal ein Jahr alt, hat das nicht überlebt. Ich treffe mich mit Eugenia in der Schneiderwerkstatt ihrer Schwester Olga.

"Das ist eine Änderungsschneiderei – Das ist mein Zuhause."

Unauffälligkeit als größte Auffälligkeit

Auch Lydia ist gekommen – die dritte Schwester. Die Schwestern sind sehr unterschiedlich: Olga, 54 Jahre alt, wirkt ruhig. Lydia ist 50, lebhaft, sie erzählt viel. Und Eugenia, 33 Jahre alt, hört zu. Ihre Mutter wollte nicht vor das Mikrofon. Zu schwer wiegt das Erlebte, sagt Lydia.

"Sie erzählt ja auch viel. Der Vater gibt nit viel von sich – vielleicht will er das nicht. Oder ist es schon so weit, dass er sich nicht erinnern will."

Ob offen ausgesprochen oder nicht. Lydia erzählt, dass sich die Erlebnisse der Eltern, auch auf sie, auf die Kinder ausgewirkt haben.

"Wir wurden auch so erzogen, wir durften nicht auffallen, in keiner Form frech werden. Auch bei den Klamotten. Das musste alles unauffällig sein."

Unauffälligkeit als größte Auffälligkeit von Deutschen aus Russland? Ein weiterer Schutz war: Man blieb unter sich, unter Russlanddeutschen. Denn auch das mussten sie immer wieder erfahren: Gefahr und Willkür drohte von außen, etwa von der Staatsmacht unter Stalin. Für die, die das erlebten, bleiben zwei Dinge verlässlich: Der Glaube und die Familie. Der Zusammenhalt in der Familie hat Tradition.

"Familie zu haben ist ganz ganz wichtig. Dass Kinder und die erwarteten Enkelkinder Familiendraht noch haben."

Lydia war 26 Jahre alt, als sie nach Deutschland gekommen ist. Die treibende Kraft dabei: Die Großmutter – das erlebte Leid führte zur Sehnsucht nach dem Land der Vorfahren.

"Ich bin damit aufgewachsen, dass die immer davon geträumt hat, dass wir mal nach Hause gehen werden. Mit dem Wunsch bin ich groß geworden, dass irgendwann die Zeit kommen wird, dass wir nach Hause gehen."

Nach Hause gehen – ein von Eltern und Großeltern vererbter Wunsch. Aber diese innere Bindung zu Deutschland hatten die Jüngeren nicht mehr. Sie kannten zwar die deutsche Sprache mit dem alten Dialekt noch von den Eltern, den Großeltern. Aber wie das moderne Deutschland aussieht, das wussten sie nicht.

"Der kleine Kreis hat gesagt: Warum wollt ihr weg? Da konnte man sich selbst nicht erklären, warum hat man das."

In Deutschland angekommen, bekamen Aussiedler gleich die deutsche Staatsangehörigkeit. Aus der historischen Verpflichtung, entschied die Politik. Es waren ja Heimkehrer: Die Älteren meist konservativ, tief religiös und auch deshalb dankbare Wähler der CDU/CSU. Der Anfang in Deutschland, war trotzdem nicht einfach. Viele hatten Probleme damit, dass ihr gelernter Beruf gar nicht anerkannt wurde: vom Doktor zur Hilfskraft, ein schmerzhafter Statusverlust. Lydia, die gelernte Konditorin, konnte aus anderen Gründen nicht in ihrem Beruf weiterarbeiten.

"Mein Kind war noch klein. Die Möglichkeit war nicht da, irgendwo das Kind zu lassen und ich konnte mein Job nicht ausüben. Am Anfang habe ich diese Saisonjob gemacht, dass halt eben Geld kommt, man muss überleben, Wohnung, Kindergarten, alles muss bezahlt werden."

Jetzt arbeitet Lydia bei einem Großhändler. Für Eugenia war es einfacher: Sie war sieben Jahre alt, als ihre Familie nach Deutschland kam. Sie kam in eine Übergangsklasse mit Kindern, die russisch sprachen und Kindern türkischer Einwanderer.

"Man saß im gleichem Boot mit den anderen Kindern, weil man konnte sich kaum verständigen, wollte den Eltern helfen, Gang zum Amt war schwer, Amtsdeutsch ist für mich heute noch schwer zu verstehen. Dann hat das was mit einer Obrigkeitsdingens zu tun… Oah die sind klüger als ich, und ich kann nicht mal deutsch…"

Sprache als Schlüssel zum Erfolg

Bekannte, Freunde haben der Familie immer wieder geholfen, erzählt Eugenia. Für sie, wie für alle Einwanderer, war die Sprache schließlich der Schlüssel zum Erfolg.

"Auf einmal konnte ich deutsch, dann war ich ein ganz normales Kind, das war‘s."

Eugenia wusste erst nicht genau, was sie beruflich machen sollte, sie dachte an soziale Arbeit. Deshalb hat sie ein Praktikum bei der SinN-Stiftung gemacht. Dann hat sie sich schließlich doch für Ergotherapie entschieden. Diesen Bildungsweg hat sie gegen den Widerstand ihrer Eltern durchgeboxt. Da waren sie wieder, die Ängste: den Weg nicht verlassen, bloß kein Abenteuer, nichts Neues ausprobieren.

"Ich denke, das eine oder andere Psychologiebuch hab ich schon gelesen, weil mir das früh aufgefallen ist, in der Pubertät, Ich denke, dass da ganz viel von meinen Eltern auf mich übertragen wurde und da mir da einige Sachen schwerer fielen. Der einzige Vorteil jetzt ist: Dass es mir sehr bewusst ist und ich hinterfrage es dann. Aber es ist sehr präsent, ja."

Die tiefe Religiosität, konservative Ansichten, damit kann Eugenia heute nicht mehr viel anfangen.

Als Seelsorgerin und angehende Trauma-Therapeutin plädiert Sabine Arnold dafür, sich mit der Familiengeschichte zu beschäftigen. Denn: Deutsche in Russland waren Opfer von Flucht, Verbannung und Vertreibung. Aber waren sie auch Täter? Die dunkle Seite der Russlanddeutschen wird kaum beleuchtet, sagt Sabine Arnold. Ein Beispiel: Tausende Juden wurden aus Odessa deportiert und auf dem Weg durch von Deutschen besiedeltes Gebiet beraubt und erschossen. Wer wusste etwas davon? Vieles ist 70 Jahre nach Kriegsende noch nicht aufgebarbeitet, sagt Sabine Arnold.

"Wir haben in Deutschland mit Traumata zu tun, die auf dem Zweiten Weltkrieg beruhen. Wir haben viele ältere Menschen, wenn sie russische Worte hören innerlich zusammenzucken. Da gibt es weiße und schwarze Flecken in der Familiengeschichte, wie bei den Russlanddeutschen selbst."

Impulse geben, Ängste abbauen und Brücken bauen – darin sieht Sabine Arnold ihre Aufgabe. Seit zehn Jahren unterstützt die SinN-Stiftung nun diejenigen, die Hilfe brauchen. Auch in ganz praktischen Fragen.

"Strasdvetje… Alles gut? Prima dann kommen sie rein."

Sabine Arnold hat ihr Büro im Nürnberger Stadtteil Sankt Leonhard – Schweinau – einem Stadtteil, wo viele Menschen Leben, deren Wurzeln außerhalb Deutschlands liegen. In ihrem Büro steht ein silbern glänzender Samowar – eine typisch russische Teemaschine – ein Bücherregal, ein Schreibtisch mit Computer und ein Besprechungstisch. Waldemar Karius ist heute zu Sabine Arnold in die Beratung gekommen. Es geht um eine Ausstellung. Der Künstler arbeitet viel mit Bernstein – dem Gold des Ostens. Karius kommt aber auch wegen anderer Fragen.

"Wir wollen einen Termin ausmachen – wegen Wiederaufnahme des Verfahrens bei ihrem Cousin, es kommt keine Antwort vom Bundesamt."

Der 57-Jährige Künstler nimmt die Hilfe der SinN-Stiftung gerne an und ist damit einer der wenigen Männer, die Unterstützung suchen.

"Für mich das ist selbstverständlich. Wenn ich weiß es nicht, dann gehe ich."

"Warum kommen die Männer nicht?"

"Vielleicht das geht, von wo sie haben gelebt. Manche kommen nie, viele sagen: Ich bin ein Mann, warum brauch ich Hilfe von Frau, aber das ist Blödsinn, Entschuldigung."

Einige Wenige prägten das öffentliche Bild

Es waren vor allen Dingen die jungen Männer, die, nachdem Anfang der 90er-Jahre viele Aussiedler nach Deutschland kamen, für Schlagzeilen sorgten: In Stadtteilen mit hohem Aussiedleranteil stieg die Kriminalitätsrate an, manches Verbrechen zeichnete sich durch besondere Brutalität aus. Und dann die Jugendlichen, die Alkohol auf der Straße tranken. Ohne das beschönigen zu wollen, spricht Sabine Arnold dabei auch von einem Akzeptanzproblem.

"Junge Mädchen sind eher annehmbar. Die Omis und Opis sind nicht furchteinflößend. Aber junge Männer, die auf der Straße laut sind und eine furchterregende Sprache sprechen, geben das deutlichste Feindbild ab."

Einige wenige haben dabei das öffentliche Bild einer sowieso nicht einheitlichen Gruppe geprägt. Das scheint aber inzwischen der Vergangenheit anzugehören. Die Integration der Aussiedler, der Deutschen aus Russland gilt inzwischen als Erfolgsgeschichte. Sie haben hier ihre Heimat, ihr Zuhause gefunden. Viele haben inzwischen Häuser gebaut, die Kinder machen Ausbildungen oder studieren und sie sind im Arbeitsmarkt integriert. Aus den Erfahrungen mit Russlanddeutschen haben Politik und Gesellschaft beim Thema Integration gelernt, findet Sabine Arnold. Zum Beispiel bei der Anerkennung der Berufsabschlüsse.

"Da ist von Seiten des deutschen Staates bestimmt auch einiges nicht so gelaufen, wie es hätte laufen können. Dadurch, dass wir uns hier in Deutschland nicht als Zuwandererland definiert haben bis vor wenigen Monaten, oder bis die Kanzlerin gesagt hat: 'Das schaffen wir schon', und plötzlich ist der Hebel umgelegt. Da hab ich das Gefühl, man lernt inzwischen von den Fehlern, die man bei den Russlanddeutschen gemacht hat."

Die 33-jährige Eugenia drückt es in ihren Worten aus: vielleicht, sagt sie, wäre es für viele Russlanddeutsche einfacher gewesen, hätte man sie gefragt: Wie geht es dir? statt: Was willst du hier? So bleibt bei manchen der Beigeschmack, gar Verbitterung zurück, nach dem Motto: Uns hat man nicht willkommen geheißen, warum sollten wir das jetzt bei anderen tun?

Einige Russlanddeutsche pflegen ihre Wurzeln, zum Beispiel im russischen Kulturverein, in der Theatergruppe oder im Chor. Andere helfen russischsprachigen Einwanderern mit Sprachunterricht. Wiederum andere leben mit den Widersprüchen, die sich ergeben, wenn man zwei Heimaten hat. Die Familiengeschichte und die Migration hatten jedenfalls für die Schwestern Lydia und Eugenia auch Vorteile: Die Erfahrungen, auch die Kämpfernatur ihrer Mutter, haben sie stark gemacht.

"Das Leben ist halt nicht gradlinig. Zu wissen, wie das Leben aussieht, wenn es nicht gerade läuft."

"Ich kann bestätigen, was meine Schwester gesagt hat. Wenn Schwierigkeiten da sind: Ich war innerlich mobilisiert. Ich war bereit, mich dieser Schwierigkeit zu stellen, von irgendwoher kam die Lösung: Du machst jetzt weiter, das ist bei meiner Schwester genauso. Wir haben unseren Weg schon gemacht, und zwar nicht ganz so schlecht…"

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