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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.03.2015

RusslandPutins Bürokratie zwingt Gulag-Museum ins Aus

Von Sabine Adler

Holzbretterzaun und Stacheldraht am ehemaligen Straflager Perm 36, das bis 1989 von der Sowjetunion als Gefängnis für Dissidenten und andere Häftlinge benutzt wurde, aufgenommen am 24.07.2009. Die Anlage wird heute als GULAG-Museum benutzt. (dpa / Matthias Tödt)
Holzbretterzaun und Stacheldraht am ehemaligen Straflager Perm 36, das bis 1989 von der Sowjetunion als Gefängnis für Dissidenten und andere Häftlinge benutzt wurde. (dpa / Matthias Tödt)

Das Gulag-Museum der Bürgerinitiative Perm 36 erinnerte an den Staatsterror in der Sowjetunion, als einziges seiner Art im heutigen Russland. Jetzt steht die Einrichtung vor dem Aus - nach einer ganzen Reihe bürokratischer Schikanen.

Die Meldung stand unter einem Foto: Stacheldraht vor blauem Himmel. Sie war so knapp wie dramatisch. Die Bürgerinitiative Perm 36 erklärte ihr Aus. Das ist zugleich das Ende für das Gulag-Museum, das einzige, das tatsächlich auf dem Gelände eines Straflagers errichtet wurde. Dabei gab es hunderte. Die gleichnamige Bürgerinitiative Perm 36 trug vor über 20 Jahren Dokumente und Exponate zusammen, um die Unterdrückung zu Sowjetzeiten anschaulich zu erzählen. Die Historikerin und nun Ex-Museumsdirektorin Tatjana Kursina war von Anfang an dabei. 

"Wir haben eine Original-Türschwelle, wenn ich die sehe, bekomme ich Gänsehaut, denn dieses dicke Holz ist derart ausgetreten, dass man sich vorstellen kann, wie viele tausend Füße darüber geschlurft sind. Im ganzen Permer Gebiet und entlang der Kolyma-Straße, die länger als 2500 Kilometer ist, dort wo die größten Lager waren, haben wir archäologische Expeditionen unternommen und Exponate zusammengetragen. Kleidung zum Beispiel, Jacken und Mützen, bei denen immer der Hals frei blieb, und das, wo es bei uns locker minus 30, 40, 50 Grad geben kann."

Die Museumsmacher werden nicht mehr auf das Gelände gelassen

Historiker wie Tatjana Kursina bauten dieses einzige authentische Gulag-Museum in Russland auf, sie erklärten den Besuchern das System der sowjetische Repression, erforschten es und schulten russlandweit Museumsmitarbeiter und Lehrer im Umgang mit Geschichte. All das findet jetzt nicht mehr statt.

"Die Gebietsleitung Perm hat mehrfach zu verstehen gegeben, dass sie unsere Tätigkeit überflüssig findet. Das Lager als Denkmal ist in Ordnung, aber das Museum mit seiner wissenschaftlichen Arbeit und seinem Bildungsauftrag wollen sie nicht. Den Bürgern wird erklärt, dass sich lediglich die Führung und der Stab des Museums geändert haben, tatsächlich aber sind sämtliche Wissenschaftsprojekte und die internationale Kooperation abgesagt."

Diejenigen, die die Ausstellung zusammengetragen haben, werden nun nicht einmal mehr auf das Lagergelände gelassen. Begründung: Die Gebäude gehörten dem russischen Staat. Für den spricht der neue Gouverneur. Einfach war es mit den russischen Beamten, ihrem permanenten Misstrauen nie.

Das jährliche Festival "Pilorama" war der Obrigkeit suspekt, die tagelangen Diskussionen mit den Schriftstellern, Wissenschaftlern, Künstlern, Musikern, wie "Maschina Wremeni, "Zeitmaschine", eine der bekanntesten Bands Russlands. Sie trat mehrmals im Gulag-Museum auf, jetzt sagen etliche Veranstalter Konzerte mit "Maschina Wremeni" ab.  

Für "Memorial Perm 36" wurde es seit 2012 immer enger, die Memorial-Aktivisten mussten sich als sogenannte ausländische Agenten, sprich Spione, registrieren lassen. Die Bürokratie erklärte ihr den Krieg: mit Kontrollen, dem Entzug der Finanzen, der Beschlagnahmung der Gebäude. Die Exponate, das Archiv und die Bibliothek gehören der Nichtregierungsorganisation, doch die Aktivisten können sie nicht holen und in neue Räume bringen, denn sie haben keinen Zutritt mehr zu der Stätte, die es ohne sie gar nicht gäbe.

"Auf uns wird Druck ausgeübt"

Solidarität erweist den Permer Kollegen das Sacharow-Zentrum Moskau, wo vergangene Woche zehntausende Menschen Abschied von dem erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow nahmen. Sergej Lukaschewski hatte sein Haus zur Verfügung gestellt, von staatlichem Druck kann er ein Lied singen.

"Die Probleme, die das Perm-Museum und unser Sacharow-Zentrum haben, rühren aus dem Misstrauen, das jetzt allen entgegenschlägt, die eigene von der Regierung unabhängige Kontakte ins Ausland pflegen und von dort finanzielle Unterstützung bekommen. Wegen des Konfliktes mit der Ukraine, dem Westen und der EU sind solche Kontakte nicht erwünscht. Auf uns wird Druck ausgeübt, weil wir die Geschichte der Sowjetunion als totalitären Staat zeigen, des Widerstands gegen das Regime und der Dissidentenbewegung und weil wir unser Zentrum als Veranstaltungsort zur Verfügung stellen, wo überhaupt noch freie Diskussionen stattfinden können."

Weder der russische Präsident Putin noch Premier Medwedjew haben sich gegen das Gulag-Museum Perm 36 ausgesprochen. Es sei sogar notwendig, betonten sie noch voriges Jahr. Doch schon auf einer Geschichtslehrerkonferenz 2007 hat Putin die künftige Ausrichtung vorgegeben. Russland habe düstere Kapitel in seiner Geschichte. Doch solle man nicht bei den Verbrechen Stalins verweilen, sondern seine Erfolge beim Aufbau einer ruhmreichen sowjetischen Vergangenheit zeigen.

Sowohl in das Gulag- als auch in das Sacharow-Museum kommen weit weniger Besucher als früher. Aber selbst wenn es nur fünf oder zehn Prozent sind, sagen die Aktivisten, dann sei das doch schon eine Basis. Nach dem Zerfall der Sowjetunion habe so gut wie niemand Details über die schreckliche Vergangenheit hören wollen.

40 Organisationen stehen inzwischen auf der Liste der sogenannten ausländischen Agenten, sie wird immer länger, beobachtet Sergej Lukaschewskij vom Sacharow-Zentrum.

"Wir werden behandelt wie in einem Ghetto, wo jeden Tag eine andere Schikane kommen kann, die Regierung kann uns Kontakte verbieten, mit Steuern belegen oder noch mehr bürokratische Hürden aufstellen. Das ist ein Frontalangriff auf Organisationen, die bislang unabhängig waren."

Die ehemalige Direktorin des Gulag-Museums will ihre Forschungen fortsetzen. Seit Jahren wird sie bedroht, verunglimpft. Jetzt ist Tatjana Kursina darauf gefasst, nirgendwo mehr als Historikerin eine Anstellung zu bekommen, alle wüssten, was sie zu tun und zu lassen hätten.

Mehr zum Thema:

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