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Studio 9 | Beitrag vom 12.03.2016

RusslandProvinz in der Krise

Von Gesine Dornblüth

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Passanten auf ungeräumten Wegen in Kirow, Russland. (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
Kein Geld für den Winterdienst: In Kirow laufen Passanten auf ungeräumten Wegen (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)

Niedriger Ölpreis, internationale Sanktionen: Russlands Wirtschaft hat schon bessere Tage erlebt. Jenseits der großen Städte verschärfen sich die Probleme noch. Eindrücke aus der russischen Provinz.

Familie Wawilow isst zu Abend. Galina hat Weißbrot mit Majonäse und Gurke überbacken und dazu Eiersalat mit Mais und Bohnen gemacht. Außerdem gibt es gekochtes Rentierfleisch und Mandarinen.

"Früher haben wir gekauft, worauf wir gerade Lust hatten. Jetzt suchen wir nach Angeboten. Aber insgesamt lebt unsere Familie wegen der Krise nicht schlechter. Denn wir haben unsere Arbeitsplätze behalten."

Galina arbeitet im Management eines Chemieunternehmens in Kirow. Die Firma hat letztes Jahr rund die Hälfte der Belegschaft entlassen, Galina wurde gebraucht. Die Krise kommt schleichend daher. Walerij Wawilow ist Künstler, mit Kollegen hat er in den letzten Jahren vor allem Ladeninnenräume gestaltet. 

"Unsere Kundschaft ist vom Wohlstand der Menschen abhängig. Viele Läden mussten schließen. Wir haben weniger Aufträge."

Trotzdem konnten die Wawilows gerade ihre Zwei-Zimmer-Wohnung renovieren. Bad- und Duschmöbel sind neu. Die Oma ist kürzlich gestorben und hat etwas Geld hinterlassen. Sie fahren Auto, gehen zum Yoga. Allerdings werden sie in diesem Jahr wohl auf den Urlaub im Ausland verzichten. Der Wert des Rubels gegenüber dem Euro hat sich in den letzten zwei Jahren halbiert. 

Die Tochter Jelena mischt sich ein. Sie besucht die Kunsthochschule in Kirow:

Leerstand im neuen Einkaufszentrum

"Bei uns wurden jede Menge Dozenten entlassen. Wir haben jetzt weniger Unterricht, und es gibt kein Geld für Modelle. Ich bin im letzten Studienjahr, und eigentlich sollten wir Akte und Porträts malen. Jetzt sagen sie uns: Malt stattdessen noch ein paar Stillleben. Ernsthaft."

Kirow ist Provinz. Früher gab es viele Rüstungsbetriebe, nach dem Ende der Sowjetunion wurden die geschlossen. Danach kam die Stadt nie richtig auf die Beine, war immer von Subventionen aus Moskau abhängig. In Kirow ist der Mangel schon jetzt zu sehen. Im Einkaufszentrum "Krim", erst vor wenigen Monaten eröffnet, steht die Hälfte der Etagen leer. Die Bürgersteige in Kirow sind nicht geräumt, die Passanten tasten sich über spiegelglatte Wege. Doch dafür allein den niedrigen Ölpreis, die Sanktionen oder gar Russlands Militäreinsatz in Syrien verantwortlich zu machen, wäre falsch, meinen die Wawilows.

"Das hängt einfach damit zusammen, dass die Stadt schlecht regiert wird."

Ein Drittel der Bevölkerung bezieht Sozialhilfe

Sprechstunde im Sozialamt von Kirow. Ein alter Mann möchte eine Beihilfe beantragen, um seine Wohnung zu renovieren. Viele Häuser in Kirow sind baufällig, der Staat hilft deshalb bei der Reparatur. Der Mann muss sich noch bis Juni gedulden, dann hat er das Alter für den Zuschuss erreicht. Ein Drittel der Bevölkerung Kirows bezieht staatliche Hilfen. Bisher konnten sie alle Leistungen auszahlen, sagt die Chefin der Sozialverwaltung, Waleria Klotschichina.

"Wie es 2016 wird, müssen wir abwarten. Der Gouverneur konnte im Dezember Gehälter nicht zahlen, die Leute haben ihr Geld erst im Januar bekommen. Aber das betraf nur die Beamten, die mag ohnehin niemand."

Vor einem der Schalter sitzt Nastja, 37 Jahre alt. Sie hat drei Kinder, für das jüngste bekommt sie noch einen Monat lang Kindergeld, bis zu dessen dritten Geburtstag. Dann geht ihre Elternzeit zu Ende und sie wird wieder arbeiten, an der Supermarktkasse. 

Ein Job reicht nicht aus

"Was für Bedingungen mich dort erwarten, weiß ich noch nicht. Mein Mann ist Fahrer. Er hat früher zwei Tage gearbeitet und hatte vier Tage frei. Jetzt arbeitet er vier Tage und hat zwei Tage frei, bekommt aber den gleichen Lohn. Ich werde mir wohl noch eine zweite Arbeit suchen müssen. Das machen viele bei uns."

Walerija Klotschichina, die Leiterin der Sozialverwaltung, nickt. 

"Die Leute, die zu uns kommen, schimpfen nicht auf die Regierung oder protestieren. Alle verstehen alles. Ja, es ist schwierig, es wäre schön, wenn es besser wäre, aber es ist, wie es ist. Vielleicht leben wir einfach in der Provinz. Die Revolution 1917 passierte ja auch in Moskau und Petersburg, nicht in Kirow. Hierher kam sie viel später."

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