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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.08.2008

"Russland ist eigentlich ein Schurkenstaat"

Kaukasus-Experte Maaß kritisiert russische Militäroffensive in Südossetien

Ekkehard Maaß im Gespräch mit Holger Hettinger

Eine Georgierin weint neben einer Toten nach einem russischen Luftangriff in der nordgeorgischen Stadt Gori. (AP)
Eine Georgierin weint neben einer Toten nach einem russischen Luftangriff in der nordgeorgischen Stadt Gori. (AP)

Nach Ansicht des Vorsitzenden der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft, Ekkehard Maaß, hat Moskau den Konflikt mit Georgien gezielt provoziert. Russland wolle aus strategischen Gründen eine Aufnahme Georgiens in die Europäische Union verhindern.

Holger Hettinger: Die Kämpfe im Kaukasus gehen weiter. Die russische Luftwaffe hat militärische Ziele in Georgien bombardiert. Der EU-Ratspräsident hat einen Friedensplan vorgeschlagen. US-Präsident Bush hat die Militäraktion der Russen als unverhältnismäßig kritisiert. Was lange als kleiner Regionalkonflikt um ein Gebiet mit gerade mal 70.000 Einwohnern begann, ist nun in der großen Weltpolitik angekommen. Wie konnte es soweit kommen? Gibt es Lösungsmöglichkeiten, oder haben sich alle Konfliktparteien vergaloppiert? Und wo liegen eigentlich die Wurzeln dieses Konflikts? Das bespreche ich nun mit Ekkehard Maß. Er ist Vorsitzender der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft. Schönen guten Morgen!

Ekkehard Maaß: Guten Morgen!

Hettinger: Herr Maaß, Nachrichten über einzelne Scharmützel in der Kaukasus-Region gab es in den letzten 15 Jahren eigentlich immer mal wieder, hier ein Schlag dort eine Schießerei. Was ist geschehen, dass sich dieser Regionalkonflikt zu einer derart heftigen Auseinandersetzung zwischen Russland und Georgien zugespitzt hat?

Maaß: Es geht ja eigentlich um ein ganz großpolitisches Spiel, um ganz harte Machtinteressen. Für Russland ist nicht hinnehmbar, dass es vielleicht für den Westen, für die Europäische Union und auch für die USA, einen von Russland unkontrollierten strategischen Korridor geben könnte, durch den Südkaukasus, durch Georgien zum Iran und auch zu den Ölressourcen der Kaspi-Region und Mittelasiens. Und das soll verhindert werden. Es soll verhindert werden, dass Georgien in die NATO aufgenommen wird. Und eigentlich will Russland, ich denke auch, mit den lang vorbereiteten Militärschlägen erreichen, dass Georgien ganz klar wieder zur Einflusssphäre Russlands gehört und letztlich seine Außenpolitik mit dem Kreml abzustimmen hat.

Hettinger: Die Georgier haben sich ja ein wenig an den Amerikanern orientiert, wollten mit Rückenwind in die NATO. Und das würde natürlich, klar, wenn es man es geostrategisch sieht, ist das natürlich ein Faustpfand für die Amerikaner in dieser Region.

Maaß: Es ist jedenfalls ein großes Spiel, politisches Spiel, in dem diese kleinen Ethnien, wie die Osseten hier und die Georgier eigentlich nur Spielbälle sind. Und das ist das Tragische daran, dass für diese Machtinteressen jetzt diese ossetische und georgische Bevölkerung leiden muss. Und ich muss Sie auch korrigieren, es wurden nicht nur militärische Ziele in Georgien angegriffen, sondern auch Wohnhäuser in Gori. Und es leidet auch wie immer in diesen Kriegen wieder die Zivilbevölkerung. Die russische Handschrift ist uns ja auch den Tschetschenien-Kriegen zur Genüge bekannt. Russland, das muss man ganz eindeutig sagen, ist zwar einesteils Mitglied des Europarates und Europas und geschätzt wegen seiner unheimlichen Energieressourcen. Aber es ist eigentlich ein Schurkenstaat, der schon seit Langem viel, viel stärker beeinflusst werden muss, um wirklich ein ehrenwertes Mitglied Europas zu sein.

Hettinger: Harte Worte. Wo liegen denn eigentlich die Wurzeln dieses Konflikts?

Maaß: Die Essenz des Konfliktes liegt darin, dass die Osseten, ich kann ja nachher noch einmal ein paar Geschichtsdaten dort nennen, auf georgischem Gebiet siedeln, wahrscheinlich ungefähr seit den Mongolenstürmen, die waren so im 13. Jahrhundert. Da sind die damaligen Alanen dann in die Gebirgsregion gedrängt worden und auch dann in den Südkaukasus wahrscheinlich gekommen. Und sie haben dort gemeinsam mit den Georgiern gesiedelt. Und ein wichtiges Datum ist 1189, die Heirat der berühmten georgischen Königin Tamar mit dem damaligen König der Osseten, David Soslan. Und seit dieser Zeit gehörte auch dieses Ossetien mit zu Georgien, bis dann, wie gesagt, eben die Mongolen kamen und sowohl Georgien als auch dieses Ossetien zerschlagen wurden und dann nur noch eigene kleine Fürstentümer oder kleine Königstümer dann entstanden. Und das ist im Prinzip die Essenz dieses Konfliktes, dass für Georgien nicht hinnehmbar ist, dass diese ganz klar zu Georgien gehörende Region plötzlich abgespalten wird und zu Russland gehören soll. Und darum gehen die ganzen Scharmützel, nicht nur seit der Unabhängigkeit Georgiens, sondern auch davor schon, auch schon seit der Gründung der Sowjetunion usw., usw. Diese Regionen wie auch Abchasien wurden immer schon benutzt, auch in der Stalinzeit, um Georgien niederzuhalten. Denn Georgien war immer eine der nicht nur kulturell, sondern auch überhaupt wirtschaftlich stärksten Gebiete in dieser Region, sozusagen das Herz des Kaukasus.

Hettinger: Wie können die denn normalerweise, die Osseten und die Georgier?

Maaß: Normalerweise leben die friedlich miteinander. Und für sie sind diese Auseinandersetzungen überhaupt nicht produktiv. Es ist so, wer die Gegend bereist hat wie ich, der weiß, dort gibt es nicht nur in dieser Region, sondern es gibt auch in anderen Regionen Georgiens, zum Beispiel in Kachetien und Gori gibt es auch überall ossetische Dörfer, nicht wenige, die einfach entstanden sind nach diesen Mongolenstürmen. Und es gab keinen Raum, und die Osseten haben sich einfach in Georgien angesiedelt. Ja, für die Georgier ist das nicht hinnehmbar, dass nun ein Teil dieses heiligen Georgiens an Russland angeschlossen werden soll, was die Osseten fordern.

Hettinger: Das sieht ja auch auf der Landkarte doch schon so ein bisschen eigenartig aus. Da ist im Norden Russland, Nordossetien, und wie so eine Zunge guckt da dieses südossetische Gebiet nach Georgien hinein. Warum ist es für Georgien eine so delikate Angelegenheit?

Maaß: Na ja, weil es einfach ein Stückchen georgisches Herzland ist und wo sie schon als Urkaukaser seit Jahrtausenden siedeln. Für sie ist das einfach nicht akzeptabel, dass Gäste wie diese Osseten, die natürlich auch schon, wie gesagt, viele Jahrhunderte dort leben, plötzlich sich abspalten wollen. Und ein wichtiger Satz noch für mich als Kaukasus-Spezialisten. Ich liebe ja den Kaukasus, weil dort seit Jahrtausenden eigentlich multiethnische Strukturen sind. Das heißt, alle diese vielen, vielen Ethnien und die vielen Sprachen, die da gesprochen sind, über 45, die leben auf engsten Raum miteinander, haben sich nie oder in wenigen Fällen gegenseitig assimiliert und aufgelöst, sondern waren auch immer friedlich miteinander. Und diese Konflikte wie jetzt, zwischen den Osseten und Georgiern, die sind für die Bevölkerung natürlich unheilvoll und unproduktiv, die bringen nur Zerstörung, Leid und Tote. Und sie haben gar nichts davon, auch nicht die Osseten. Ob sie nun zu Georgien gehören oder zu Russland. Es ist ein Spiel, was eigentlich ihre Interessen nicht wirklich tangiert. Es gibt einen winzigen Punkt, es ist natürlich wirtschaftlich für die Südosseten etwas günstiger, mit Russland zu gehen, weil Russland ist eine mächtige Wirtschaftsmacht. Sie haben die russische Währung, sie werden von Russland versorgt. Und da geht es ihnen natürlich sozial besser als mit diesem armen Georgien.

Hettinger: Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, um auf das Aktuelle zurückzukommen, dass sich alle Kriegsparteien vergaloppiert haben und keine Kompromissbereitschaft erkennen lassen. Das klingt relativ wenig hoffnungsfroh. Wie sehen Sie das?

Maaß: Russland hat sich nicht vergaloppiert. Ich bin davon überzeugt, dass diese Militäraktion schon lange geplant war. Das ist nicht eine Aktion, die jetzt eben plötzlich zufällig entstanden ist. Und ich denke, dass sie auch ganz geschickt mit diesen Provokationen in Südossetien vorbereitet wurde und das einfach Saakaschwili in diese Falle getappt ist. Man hat dort in Südossetien georgische Familien ausgelöscht und Saakaschwili meinte nun, er müsste nun mal zeigen, wie stark er mit Amerika ist und dachte, er könnte dort schnell einmarschieren. Das war natürlich ein ganz großer politischer Fehler. Der ist so groß, dass man ihn überhaupt gar nicht verstehen kann, denn er musste ja Russland kennen, musste wissen, dass dort natürlich eine vehemente russische Reaktion folgen wird. Ich sehe als Ergebnis dieses Krieges jetzt eine noch stärkere Besetzung großer Teile Georgiens, die dann von Georgien möglicherweise endgültig abgeteilt werden. Georgien wird Abchasien verlieren, möglicherweise sie wird Südossetien verlieren. Und wer das Gespräch verfolgt hat mit Rupert Polenz heute Morgen, hier in diesem Radiosender, der weiß, dass die Europäische Union schon jetzt einknickt. Und man sagt, na ja, wenn es nun mal so ist, dann muss einfach Georgien das als Fakt hinnehmen und vielleicht muss man da auch andere Lösungen finden. Das heißt, Südossetien geht an Russland und Europa wird zustimmen. Alles für Georgien völlig unheilvoll. Und das zweite Ergebnis wäre, dass Georgien seine eigenständige Außenpolitik aufgeben muss und einfach viel stärker als vorher wieder zu dem Machteinfluss Russlands gehören wird, auch nicht gerade sehr schön.

Hettinger: Das klingt ja nach ganz gewaltigen Verschiebungen, auch in der Machtbalance. Müssen wir uns da auf eine Art Flächenbrand einstellen?

Maaß: Ich denke, dass es dann einen größeren Flächenbrand nicht geben wird, weil man kann jetzt nicht gegen Russland auffahren. Dazu ist weder die USA in der Lage. Das war einfach eine Idiotie von Saakaschwili, nun zu erwarten, dass Bush ihn dort militärisch oder irgendwie unterstützen kann, kann man nicht. Denn auch die Europäische Union wird dort jetzt nicht eine militärische Auseinandersetzung wagen. Man wird vielleicht reagieren mit Sanktionen, mit Wirtschaftssanktionen und Russland eine kleine Weile unter Druck setzen. Aber die beiderseitigen Interessen, die sind so existenziell, Europas Interesse an der russischen Energie, an der russischen Wirtschaft, genauso wie eigentlich die russischen Interessen an Europa, dass ich denke, dass das nicht lange dauern wird so ein Druck. Man wird dann wieder nachgeben, und man wird diese kleinen Völker, wie ja auch in Tschetschenien, haben wir es ja ähnlich gesehen, für nicht so wichtig erachten, dass man da etwas riskiert. Aber Europa und die USA, sie haben mit diesem Konflikt eine wichtige Einflusssphäre im Süden des Kaukasus möglicherweise verloren. Und deswegen ist dieser Krieg nicht nur ein Verlust für Georgien, sondern auch ein Verlust für die westlichen Mächte.

Hettinger: Krieg im Kaukasus. Hintergründe und die historischen Wurzeln erklärt von Ekkehard Maaß. Er ist der Vorsitzende der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft. Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

Das Gespräch mit Ekkehard Maaß können Sie bis zum 11. Januar 2009 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio

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