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Tonart | Beitrag vom 01.02.2016

RunrigSchottlands dienstälteste Rockband verabschiedet sich

Von Marcel Anders

Der Sänger Bruth Guthro der schottischen Pop-Rock Gruppe Runrig (picture alliance / dpa / Volker Dornberger)
Der Sänger Bruth Guthro der schottischen Pop-Rock Gruppe Runrig (picture alliance / dpa / Volker Dornberger)

Nach 43 Jahren ist Schluss: Runrig bringt mit "The Story" ein letztes Album heraus. Ab Herbst geht Schottlands erfolgreichste Rockband dann auf Abschiedstournee. Zwölf der mehrstündigen Konzertabende sind in Deutschland geplant.

"Als wir mit dem Schreiben anfingen, fühlte es sich an, als würden wir zu älteren Themen und Ideen zurückkehren und sie zum Abschluss bringen. Weshalb mein Bruder Calum und ich irgendwann erkannten: 'Das klingt nach unserem letzten Album – allein von den Texten her.' Und das hat ja nichts Negatives, sondern eher etwas Befreiendes. Schließlich kann man nicht ewig weitermachen. Insofern denken wir, es ist ein schöner Abschluss unserer Karriere als Studio-Musiker ist."

Rory Macdonald bringt es auf den Punkt. "The Story" ist ein Album, das verdeutlicht, warum Runrig schon so lange im Geschäft sind: Die Band schlägt eine Brücke zwischen keltischer Folklore und klassischem Rock - und streut auch schon mal Dance- oder New Age-Elemente ein. All das mit einer vielschichtigen Instrumentierung und hymnischen Melodien im Breitwandsound. Klangkunstwerke, die zwischen Tradition und Progressivität pendeln. Wofür Runrig Zeit brauchen. In diesem Fall waren es geschlagene neun Jahre.

"Nach dem letzten Album haben wir eine Reihe von großen Open Air-Konzerten gegeben. Wobei allein die Planung viel Zeit und Energie gekostet hat. Einfach, weil wir viel selbst machen wollten – aber nicht besonders gut im Delegieren sind. Wir haben uns ein bisschen darin verloren. Wobei wir oft über ein neues Album geredet haben – also wie wir das angehen, mit wem wir aufnehmen und welche Art von Songs wir gerne hätten. Doch das haben wir immer wieder zurückgestellt, weil die Konzerte so gut liefen. Bis jemand meinte: 'Ihr wisst, dass es langsam Zeit für etwas Neues wird?' Da ist der Groschen gefallen - und wir legten los."

Runrig liefert bombastischen Sound

Wobei die musikalische Stärke von Runrig zugleich die Hauptangriffsfläche der Band liefert. So sorgen der bombastische Sound und der lyrische Mystizismus über die Schönheit der Highlands oft für den Vorwurf der Verklärung und den Verdacht eines unterschwelligen Nationalismus. Was Rory Macdonald vehement verneint. Laut ihm handeln Stücke wie "Onar", "The Place Where The Rivers Run" oder "An-Duigh Ghabh Mi Cuairt" vielmehr von Werten wie Freundschaft - und von der Reflektion einer Kultur, einer Landschaft und eines Lebensgefühls, zu dem man ein romantisch-nostalgisches Verhältnis hege.

"Für uns ist es ein Segen, dass wir auf den westlichen Inseln der Hebriden aufgewachsen sind. Also auf Uist, was eine einmalige Erfahrung war - gerade in den späten 50ern und in den 60s als es bei uns noch kein Fernsehen gab, und nur wenige Menschen Autos hatten. Es war eine viel sozialere Gesellschaft als auf dem Festland, in der Freundschaft und Nachbarschaft sehr wichtig waren. Die einzelnen Gemeinden haben sich regelmäßig besucht, es wurden Geschichten erzählt und Lieder gesungen. Es war eine sehr gesellige Atmosphäre. Und wir haben viele gälische Stücke und Stories mitbekommen, die uns bis heute prägen. Sie sind Teil unserer DNA."

Auch die Karriere von Runrig liefert mittlerweile Stoff für mehrere Seiten Musikgeschichte. Sei es der Aufstieg von der lokalen Folk-Band, die bei Tanzveranstaltungen und Hochzeiten aufspielt, zur internationalen Rockband. Die politische Karriere zweier ehemaliger Mitglieder, die jetzt im schottischen Parlament sitzen oder der Absturz der Raumfähre Columbia von 2003, die ausgerechnet eine CD von Runrig überlebte – die Lieblingsband der verunglückten Astronautin Laurel Clarke, der sie das Stück "Somewhere" widmen.

Runrig-CD auf der Raumfähre Columbia

"Das war eine Sache, die mich regelrecht aus den Socken gehauen hat. Die CD wurde nach dem Absturz gefunden, man hat sie uns zukommen lassen und wir haben sie einem Museum auf den Hebriden gestiftet. Eine irre Geschichte. Außerdem haben uns ihr Mann und ihre Familie in Glasgow besucht. Laurel Clarke war ein großer Fan von Runrig, und ihre Angehörigen wollten uns treffen, um zu berichten, was ihr die Band bedeutet hat. Als wir 'Somewhere' aufgenommen haben, meinte unser Produzent: 'Wie wäre es, wenn wir ihre letzten Worte an die NASA verwenden?' Das haben wir probiert – und es verleiht dem Song eine ganz andere Dimension. Als ich ihn das erste Mal gehört habe, war das sehr bewegend."

Ähnlich emotional verspricht auch die Abschiedstournee im Herbst zu werden – mit zwölf Deutschland-Terminen, die in riesigen Mehrzweckhallen, aber auch winzigen Clubs stattfinden, und sich als regelrechte Werkschau verstehen. Eben mehrstündige Konzertabende, mit denen sich die Schotten bei einem Publikum bedanken, von dem sie über die Jahre viel Zuspruch erfahren haben. Wofür Rory eine ganz simple Erklärung hat:

"Die Deutschen sind nette Menschen. Und das meine ich ernst. Wir mögen euch wirklich sehr und haben das Gefühl, dass ihr uns sehr ähnlich seid. Einfach, weil es auch in eurer Kultur eine große Wertschätzung für Musik gibt, die Tiefe besitzt und die man mitsingen kann. Und wir machen ja keinen banalen Pop, sondern investieren viele Gedanken, Gefühle und Persönlichkeit. Darauf reagiert ihr. Und ihr mögt Schottland."

In Zukunft will sich Rory auf Solo-Projekte konzentrieren und Songs für befreundete Künstler schreiben. Runrig dagegen sollen nur noch vereinzelte Konzerte zu besonderen Anlässen geben. Dass sie noch einmal rückfällig werden, schließt der Bassist aus. Nur: Dass haben ja schon ganz andere gesagt. 

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