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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.09.2012

Rundumschlag gegen das deutsche Bildungssystem

Bernd Siggelkow/Wolfgang Büscher: "Deutschlands verlorene Kinder. Warum unser Bildungssystem Verlierer produziert", Rowohlt Verlag, 224 Seiten

Ausgangspunkt der Kritik der Autoren ist die enge Verbindung von Bildungschancen und sozialer Herkunft.  (Sascha Schuermann/dapd)
Ausgangspunkt der Kritik der Autoren ist die enge Verbindung von Bildungschancen und sozialer Herkunft. (Sascha Schuermann/dapd)

Unser Bildungssystem versagt deutlich, ist die zentrale Aussage des Buches von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher. Garniert mit Zahlen und Fakten zeigt das Autorenduo anhand von Fallbeispielen die schwierige Lebens- und Lernsituation von Kindern aus bildungsfernen Schichten.

Der Ton wird schärfer. Hatten Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher ihr erstes Buch (1997) noch "Deutschlands vergessene Kinder" genannt, so schreiben sie jetzt über "Deutschlands verlorene Kinder. Warum unser Bildungssystem Verlierer produziert". Damit reihen sich Siggelkow, der Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks "Die Arche" e.V., und Büscher, dessen Pressesprecher, in die Phalanx derer ein, die laut- und meinungsstark die deutsche Bildungspolitik für gescheitert erklären.

Ausgangspunkt ihrer Kritik ist die von den PISA-Studien belegte enge Verbindung von Bildungschancen und sozialer Herkunft. Kinder aus bildungsfernen Milieus haben demnach deutlich weniger Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe und des Erwerbs von Bildung.

"Warum versagt unser Bildungssystem so deutlich?", ist die zentrale Frage dieses Buches, das nach erprobter Methode aufgebaut ist. Wie auch bei den Vorgängerbüchern – insgesamt hat das Autorenduo bisher fünf Werke vorgelegt – mischen sich Kapitel, in denen es um die Darstellung von Fakten und Zahlen sowie deren Analyse geht, mit solchen, die Fallbeispiele versammeln.

Diese Beispiele haben es in sich. Sie zeigen die schwierige Lebens- und Lernsituation von Kindern aus bildungsfernen Schichten – zwischen überforderten Eltern und einer Schule, die auf Familiensituationen und individuellen Förderbedarf nicht reagieren kann. Dabei braucht es manchmal gar nicht viel, wie die Interventionen der Arche-Mitarbeiter belegen. Diese Kapitel sind die stärksten des Buches, illustrieren sie doch, dass "Kinder nicht (nur) die Zukunft, sondern auch Gegenwart sind", und dass Handeln jetzt nottut.

Weniger überzeugend stellen Siggelkow und Büscher das Bildungssystem und seine mutmaßlichen gesellschaftspolitischen Folgen dar. Unstrukturiert, oftmals undifferenziert und im Tonfall alarmistisch ("Wir werden als Land untergehen.") holen sie zu einem Rundumschlag aus, der viele Themen streift aber kaum bis in die Tiefe hinab darstellt. Die Geschichte des deutschen Bildungssystems etwa handeln sie auf zwei Seiten ab. Lehrinhalte werden so pauschal in Frage gestellt wie Nachsitzen und Förderschulen. Die Schilderung schwieriger Lebensbedingungen mit Hartz IV schließlich wird vermischt mit einem generellen Anprangern von hohem Fernsehkonsum, SMS- und Twitter-Sprache und einem fehlenden Miteinander; etwa gemeinsamen Mahlzeiten.

Dieses Lamento in alle Richtungen ist ermüdend zu lesen und trübt den freien Blick auf schlüssig eingekreiste Probleme: Siggelkow und Büscher beklagen insbesondere den föderalen Wirrwarr, Lehrermangel, zu große Klassen, fehlende Sozialpädagogen und den Mangel individueller Förderung. Eindrücklich rechnen sie vor, dass ein "sozialpolitischer Rettungsschirm" den Staat weniger kostet als die Folgen fehlgeleiteter Bildungspolitik. Einer von drei Berufswünschen der Arche-Kinder lautet immerhin Hartz IV!

Solche Passagen überzeugen. Hier erreichen die Autoren ein hohes argumentatives Niveau. Man hätte es sich für das gesamte Buch gewünscht.

Besprochen von Eva Hepper

Bernd Siggelkow/Wolfgang Büscher: Deutschlands verlorene Kinder. Warum unser Bildungssystem Verlierer produziert
Rowohlt Verlag, Reinbek 2012
224 Seiten, 14,95 Euro