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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.07.2013

Rückkehr der Familienbibliothek

Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek gibt NS-Beutegut zurück

Von Swantje Unterberg

Bücher in den Regalen der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)
Bücher in den Regalen der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)

Entrechtung und Enteignung kamen vor der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis. Der Familie Petschek raubte man die Familienbibliothek. 420 Bände waren seit 1943 im Bestand der Staats- und Unibibliothek Hamburg - und werden jetzt den Erben zurückgegeben.

Es ist der größte Restitutionsfall, seit das Forschungsprojekt NS-Raubgut begann, den Bestand der Bibliothek systematisch nach geraubten Büchern zu durchforsten. Rund 15 Regalmeter nehmen die beschlagnahmten Bücher der Petscheks ein, Werke aus dem 17 Jahrhundert bis hin zu Literatur aus den 30er-Jahren. Teils aufwändig eingebunden in Leder oder Seide und mit Goldprägungen verziert.

"Das sind hauptsächlich französisch- und englischsprachige, schöngeistige Literatur und ein paar Sachbücher auch so etwas zur Geschichte der Juden. Das ist eben ne richtig gute bildungsbürgerliche Bibliothek","

sagt Maria Kesting, Leiterin des Projekts NS-Raubgut.

Ignaz Petschek, damals ein erfolgreicher Unternehmer und Förderer der jüdischen Gemeinde in der heute tschechischen Stadt Ústí nad Labem, pflegte die umfangreiche private Bibliothek. Jedes einzelne Buch sorgsam mit dem sogenannten Exlibris als Besitz der Familie Petschek gekennzeichnet. Als das Sudentenland im Oktober 1938 annektiert wurde, konnte sich die Familie noch über die Schweiz in die USA retten. Doch ihr kompletter Besitz und mit ihm die Bibliothek wurden beschlagnahmt.

Ein Großteil des Raubguts wurde in der Regel zugunsten des Deutschen Reichs versteigert, der Verkauf fremdsprachiger Literatur war jedoch verboten. Daher wurde die Bibliothek Petschek bei der Reichstauschstelle in Berlin gelagert, die sie 1944 der Hamburger Bibliothek kostenlos anbot. Die nahm die Bücher dankend an, wie Kesting sagt:

""Auf dem Anschreiben oder der Anfrage der Reichstauschstelle hat der damalige Direktor Reincke handschriftlich notiert: 'Die Erwerbung im Ganzen sehr erwünscht.'"

Herkunft lange nicht hinterfragt

Lange Zeit wurde die Herkunft der Bücher nicht hinterfragt. Erst 2006 stieß eine Diplomandin auf das Anschreiben der Reichstauschstelle samt der sorgsam notierten Titel der angebotenen Bücher.

"Und dann haben wir angefangene, die Bücher einfach zu recherchieren. Dann haben wir eben diese 420 gefunden. Und in den Büchern selbst sind dann sozusagen zwei Verdachtsmomente gewesen. Einmal immer Exlibris von Ignaz und Helen Petschek und zum anderen eben auch die Nummer von der Reichstauschstelle, die auf den Zetteln stand, fand sich auch in den Büchern wieder."

Über einen Historiker in Ústí nad Labem konnten Maria Kesting und ihre Kollegen schließlich die Urenkelin von Ignaz und Helen Petschek ausfindig machen. Nancy Petschek-Kohn lebt in den USA. Nach 70 Jahren gehen die Bücher in den Familienbesitz zurück.

Mehr zum Thema bei dradio.de:

"Nationalsozialisten haben Bücher geradezu manisch gesammelt" - Der Göttinger Literaturwissenschaftler Frank Möbus über die schwierige Rückgabe geraubter Bibliotheken, (DKultur, Thema)

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