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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.03.2012

Rostende Banknoten als Weg aus der Krise

Vor 150 Jahren wurde der Sozialreformer Silvio Jean Gesell geboren

Von Agnes Steinbauer

Geld sei gegenüber anderen Gütern privilegiert, kritisierte Gesell. (AP)
Geld sei gegenüber anderen Gütern privilegiert, kritisierte Gesell. (AP)

Freies Geld, freies Land, freie Menschen – das propagierte der Sozialreformer und Wirtschaftsrevolutionär Silvio Jean Gesell Anfang des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 17. März 1862 geboren.

"Unser Geld bedingt den Kapitalismus, den Zins, die Massenarmut, die Revolte und schließlich den Bürgerkrieg. Wer es vorzieht, den eigenen Kopf etwas anzustrengen, statt fremde Köpfe einzuschlagen, der studiere das Geldwesen."

Als Silvio Gesell diese Worte 1912 niederschrieb, hatte er sich bereits jahrelang mit Geldwirtschaft und ihren Auswirkungen auf die Lebensbedingungen von Menschen beschäftigt, zahlreiche Schriften verfasst und mehrere Zeitschriften herausgegeben. "Freies Geld" – auch "Schwundgeld" genannt - und "freier Boden" waren die wichtigsten Themen im Leben des Kaufmanns und Sozialreformers, der am 17. März 1862 im heute belgischen Sankt Vith geboren wurde. Sozialist, Kommunist, Marxist? Gesell passte in keine Schublade. Am ehesten war er Anarchist. Er lehnte jegliche Bevormundung durch Institutionen ab, propagierte die Abschaffung des Staates und des Privateigentums:

"Den Schwarzen, den Gelben, den Roten, den Weißen - allen ohne Ausnahme gehört die Erde."

schrieb Gesell 1906. Da war der Pendler zwischen Deutschland, der Schweiz und Südamerika gerade wieder nach Argentinien umgezogen. Das erste Mal kam er 1887 als junger Kaufmann dort an und eröffnete in Buenos Aires ein Geschäft für zahnärztliche Artikel.

"Die dortige Wirtschaftskrise brachte ihn zum Nachdenken über die Ursachen von Inflation und Deflation, von ungerechter Verteilung und Arbeitslosigkeit."

schreibt der Gesell-Experte Werner Onken. Die Wurzel allen Übels war für den Sozialreformer die "Hortbarkeit" von Geld und die Möglichkeit, es durch Zins und Zinseszins zu vermehren. Geld sei dadurch gegenüber anderen Waren privilegiert, kritisierte er. Das führe zu Absatzstörungen, sozialer Ungerechtigkeit und schlimmstenfalls zu Krieg. Sein Gegenvorschlag: "Rostende Banknoten", "Schwundgeld", das wertlos wird, wenn man es nicht zirkulieren lässt. 1932 bestand Gesells Freigeldlehre den Praxistest. Als während der Weltwirtschaftskrise im österreichischen 4000-Einwohner-Ort Wörgl 400 Menschen arbeitslos wurden, setzte der dortige Bürgermeister Gesells Theorien in die Tat um. Er brachte neues Geld in Umlauf, das nur gültig blieb, wenn man es jeden Monat mit einer Wertmarke "verlängerte". Wer etwa einen Zehn-Schilling-Schein über das Monatsende hinaus behalten wollte, musste zehn Groschen zahlen. Das Geld verlor also jeden Monat ein Prozent seines Werts. Deshalb verbrauchten die Menschen ihr "Schwundgeld" möglichst schnell und brachten damit die lokale Wirtschaft in Schwung, so der Politologe Thomas Wendel, der 1994 in seiner Diplomarbeit das "Wunder von Wörgl" analysierte:

"Dieses Experiment hat es also fertiggebracht, innerhalb von eineinviertel Jahren, die Arbeitslosigkeit um 16 Prozent zu verringern in diesem Ort, während sie in Gesamt-Österreich im gleichen Zeitraum um 19 Prozent angestiegen ist."

Dem Experiment von Wörgl machte die österreichische Nationalbank 1933 ein Ende, da war Silvio Gesell schon tot. Er starb 1930 in der bodenreformerischen Genossenschaftssiedlung Eden bei Oranienburg, wo er seine letzten Jahre verbracht hatte. In seinem Hauptwerk "Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" - erschienen 1916 - sind seine Gedanken zusammengefasst. Nach Gesells "Freiland"-Theorie kauft der Staat allen Grundbesitz auf und verpachtet ihn. Das Pachtgeld bekommen Frauen mit Kindern, um finanziell unabhängig zu sein. Dass Silvio Gesell einerseits den Staat abschaffen wollte, andererseits "Marktwirtschaft" propagierte, gehört zu den Widersprüchlichkeiten seines bewegten Lebens, in dem er – sehr kurz – auch Politiker war. 1919 hatte er sich als "Volksbeauftragter für Finanzen" der ersten Münchner Räterepublik zur Verfügung gestellt, wurde aber nach nur einer Woche von den Kommunisten weggeputscht – zusammen mit dem Anarchisten Gustav Landauer. Obwohl Gesell in den 1920er-Jahren weitgehend unbeachtet blieb, würdigte ihn der berühmte britische Ökonom John Maynard Keynes später als Vordenker seiner eigenen Theorien. Er glaubte:

"Dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells, als von Marx lernen wird."

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