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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.06.2014

Roman "Wenn die Vermissten endlos in uns weiterleben"

Madeleine Thien: "Flüchtige Seelen"

Von Claudia Kramatschek

Eine Kambodschanerin bei einer Trauerzeremonie für Opfer der Roten Khmer in Phnom Penh. (picture alliance / dpa / Mak Remissa)
Eine Kambodschanerin bei einer Trauerzeremonie für Opfer der Roten Khmer in Phnom Penh. (picture alliance / dpa / Mak Remissa)

Wie Erinnerung funktioniert und was sie mit Menschen und ihrer Identität macht, ist ein Leitmotiv in Madeleine Thiens Roman. Behutsam fängt sie Gräueltaten der Roten Khmer in Kambodscha ein - und schildert die Last der Überlebenden.

Montréal, Februar 2006: Janie, eine Neurowissenschaftlerin und die Hauptfigur in Madeleine Thiens Roman "Flüchtige Seelen“, hat Mann und Kind verlassen und lebt jetzt im Apartment ihres Kollegen und Mentors Hiroji. Drei Monate zuvor ist Hiroji spurlos verschwunden. Allein Janie ahnt, dass Hiroji nach Kambodscha aufgebrochen ist, um dort erneut seinen älteren Bruder James zu suchen.

James ist verschollen, seit er in Kambodscha Mitte der 70er-Jahre zur Zeit der Roten Khmer als Rote-Kreuz-Arzt tätig war. Janie stammt ebenfalls aus Kambodscha. Als 1975 die Schreckensherrschaft der Roten Khmer beginnt, ist sie elf Jahre alt.

Den systematischen Terror der Roten Khmer – die Millionen Menschen töteten, um eine neue Gesellschaftsordnung zu errichten, überlebt sie – als Einzige aus ihrer Familie: Der Vater, ein Intellektueller, wird erschossen; die Mutter stirbt vor Erschöpfung. Janie und ihrem Bruder Sopham gelingt zwar die Flucht, doch kurz vor dem rettenden Ufer Malaysias werden sie auf dem Boot überfallen und ins Wasser gestoßen; Sopham ertrinkt.

Traumatische Wiederkehr der Erinnerung

Die Schuld, überlebt zu haben – und das Wissen, so Janie, "wie es ist, wenn die Vermissten endlos in uns weiterleben“, verbindet Janie und Hiroij. Beide ringen mit dieser Schuld – und mit der Erinnerung an die, die sie verloren haben sowie mit der traumatischen Wiederkehr der Erinnerung selbst, die ein Leben in der Gegenwart unmöglich zu machen scheint.

Thien, 1974 als Tochter chinesisch-malaysischer Eltern in Kanada geboren, verknüpft daher in einer klugen, montageartigen Erzählkonstruktion die Gegenwart mit der Vergangenheit: Die Handlung springt zwischen den Zeitebenen und den einzelnen Figuren hin und her. Zugleich macht die Autorin deutlich, wie die Erinnerung die Menschen zwischen Zeit und Raum hin und her driften lässt: Als Janie etwa eines Tages morgens die Straße vor Hirojis Apartment betritt, meint sie, plötzlich wieder im Phnom Phen ihrer Kindheit zu sein.

Das Vergangene im Heute überschreiten

Die Erinnerung – wie sie funktioniert und was sie mit Menschen und ihrer Identität macht – ist daher ein leitendes Motiv in diesem Roman. Immer aber kehrt die Rahmenhandlung zurück in das Hier und Heute, als wollte die Autorin sagen: Nur von hier aus ist es möglich, das Vergangene zu erinnern – und es zur gleichen Zeit zu überschreiten. Thiens Sprache ist dabei hochpoetisch, ohne je in liebliche Bilder zu kippen. Die allumfassende Auslöschung, welche die Roten Khmer anstrebten, fängt sie in präzisen, aber stets behutsamen Szenen ein.

Sie vermittelt uns ein komplexes Panorama dieser Zeit. So erinnert sie beispielsweise an die dem Regime der Roten Khmer vorangegangene US-Bombardierung Vietnams, rückt aber bewusst das Schicksal von Einzelnen in den Vordergrund. Dem Leid kommt sie auf diese Weise umso näher. Den Menschen, die alles, einschließlich ihrer eigenen Identität, um des Überlebens Willen vergessen mussten, gibt sie Stimme und Erinnerung. "Flüchtige Seelen“ ist insofern ein schrecklich schöner Roman, tief traurig und zutiefst berührend. 

 

Madeleine Thien: Flüchtige Seelen
Aus dem kanadischen Englisch von Almuth Carstens
Luchterhand Verlag, München 2014
253 Seiten, 19,99 Euro

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