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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.03.2014

RomanVom ersten Atemzug an auf der Verliererseite

Hakan Günday: "Extrem"

Von Martin Becker

Der Autor Hakan Günday sitzt am 14.03.2014 bei einer Lesung im Rahmen des Literaturfestivals lit.Cologne in Köln (Nordrhein-Westfalen) auf der Bühne, wo er sein Buch "Extrem" vorstellt.  (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Der Autor Hakan Günday bei einer Buchvorstellung von "Extrem". (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Von vollkommen verlorenen Seelen, von geschundenen Kreaturen erzählt Hakan Gündays Roman. Der Jung-Star der türkischen Literaturszene mutet dem Leser Drastisches zu und bereitet ihm vor allem eins: eine extreme Leseerfahrung.

Das kleine Mädchen fürchtet sich vor einem Käfer, der eigentlich nur ein Riss in der Decke ist. Ein türkisches Internat, es ist Nacht, und das Mädchen will fliehen von ihrem hohen Bett obwohl die Leiter fehlt. Also wagt sie den Sprung in die Tiefe – und bricht sich das Genick. Derdâ, die Heldin des Romans "Extrem“, fühlt sich abgrundtief schuldig für den Tod des kleinen Mädchens – denn sie hat es aufs obere Bett vertrieben.

Derdâs männliche Gegenfigur, deren Geschichte im zweiten Teil des Romans erzählt wird, heißt übrigens (fast) genauso – Derda nämlich, und auch ihn sehen wir sofort in einer Extremsituation: Seine Mutter ist an einer Krankheit gestorben, sein Vater ist im Gefängnis. Also beschließt Derda, den Tod der eigenen Mutter zu verschweigen, um nicht ins Kinderheim gebracht zu werden. Er zerstückelt den Leichnam mit einer Axt und vergräbt die sterblichen Überreste seiner Mutter an verschiedenen Stellen auf dem benachbarten Friedhof.

Man braucht gute Nerven, man muss das Abgründige mögen, wenn man sich auf Hakan Gündays Roman "Extrem“ einlässt. Das Buch erzählt von vollkommen verlorenen Seelen, von geschundenen Kreaturen, die vom ersten Atemzug an auf der Verliererseite stehen. Nehmen wir beispielsweise Derdâ: Sie ist gerade elf Jahre alt, als ihre Mutter sie an einen radikal gläubigen Mann nach London verkauft – doch der ist ein Choleriker, ein brutaler Sadist, der Derdâ fünf Jahre lang unentwegt verprügelt und vergewaltigt.

Immer die schlimmste und brutalste Variante

Auch im weiteren Verlauf meint das Leben es nicht gut mit ihr. Sie entflieht ihrem Peiniger zwar, wird aber heroinabhängig, vor laufender Kamera zum Sex mit zweiundfünfzig Elite-Studenten gezwungen, als Domina missbraucht und stirbt schließlich fast an einer Überdosis – bis ausgerechnet die Literatur sie rettet. "Denn das Leben“, so schreibt Hakan Günday an einer Stelle, "ist eine extreme Phase und die Welt ein extremer Ort, beide haben extrem brutale Fäuste verdient, die ihnen die Fresse polieren“.

Der 1976 geborene Günday ist in seinem Heimatland ein literarischer Star – weil seine Bücher nichts auslassen, weil der Inhalt schonungslos ist und die Sprache maßlos. Genau diese Maßlosigkeit macht die Lektüre von "Extrem“ zuweilen schwierig: Da gibt es – neben der ohnehin schon ausufernden Handlung – unter der Oberfläche allerlei Verstrickungen und Themen, es geht um radikale Islamisten und Geheimdienste, es geht um türkische Politik und Geschichte, es geht um Drogenhandel und Zwangsehe und Terrorismus. Dazu wird unentwegt gemordet und gestorben. Man muss bei Hakan Günday immer mit der schlimmsten und brutalsten Variante rechnen.

Ja, dieser Roman ist eine absolute Zumutung. Nein, man fühlt sich (trotz des kitschigen Happy Ends) nicht gut unterhalten. Man ist bewegt und zornig, aufgewühlt und verständnislos. Zwar übertreibt der Autor es von Zeit zu Zeit mit seinem Sinn fürs Drastische, wirkt die Handlung allzu konstruiert und überfrachtet – doch sollte man das Buch trotzdem zur Hand nehmen, wenn man das sucht, was man nur bei intensiver Literatur findet: eine extreme Leseerfahrung.

 

Hakan Günday: Extrem
Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe
btb Verlag, München 2014
416 Seiten, 19,99 Euro

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