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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.04.2014

RomanSchuld und Vergebung

Mia Couto: "Jesusalem"

Von Joachim Kaiser

(picture alliance / dpa)
Der Mosambiker Mia Couto wurde 2013 mit dem Camoes-Preis ausgezeichnet. (picture alliance / dpa)

Um einen Haufen Männer geht es im Roman des preisgekrönten Mosambikers Mia Couto. Deren Schicksale beschreibt Couto meisterlich. Im Mittelpunkt: Ungereimtheiten des Alltags.

Ein durchgedrehter Vater, ein serviler Exsoldat, ein komischer Onkel, ein aufmüpfiger Bruder, ein verschüchterter Junge irgendwo in der afrikanischen Wildnis von Mosambik. Keine Frau weit und breit.

Ausgedacht hat sich dieses klaustrophobische Szenario mit seinen merkwürdigen Protagonisten Mia Couto, Biologieprofessor und erfolgreicher mosambikanischer Schriftsteller. Im Rückblick wird die Geschichte eines kompletten Rückzugs aus der Welt von Mwanito, der sich an seine Kindheit erinnert. Als kleiner Junge glaubte er seinem Vater Silvestre Vitalício, dass die Welt untergegangen ist und sie die letzten Überlebenden sind. Der hat nicht nur ihren Zufluchtsort, ein aufgegebenes Jagdcamp fernab der Zivilisation in Jesusalem umbenannt, sondern auch allen fünf Männern neue Namen gegeben. Für ihn ist das alte Leben damit ausgelöscht.

Gedrucktes und Musik sind des Teufels

Doch das kann Mwanitos Neugier nicht bremsen. Es gibt zu viele Ungereimtheiten, als dass sie selbst einem naiven Kind nicht auffielen. So bauen die Männer nichts an und leiden dennoch an nichts Mangel, weil der Onkel mit seinem Auto ständig für Nachschub der lebensnotwendigsten Güter sorgt. Ansonsten jedoch fehlt jeglicher Komfort. Es gibt keinen Strom. Ein Radio existiert nicht. Gedrucktes und Musik sind des Teufels. Mwanito darf nicht einmal Lesen und Schreiben lernen. Er bringt es sich heimlich bei.

Zärtlichkeit kennt der Vater nicht. Er ist ein aufbrausender, ungerechter, starrköpfiger Diktator. Seine Kinder fürchten ihn statt ihn zu lieben. Mwanitos Bruder wehrt sich gegen den Vater, wünscht ihn tot und traut sich doch nicht zu fliehen. Über die Vergangenheit darf nicht geredet werden. Jedes Gespräch über die verstorbene Mutter ist verboten. Sie umgibt ein großes Geheimnis.

Eine gewisse Spannung

Mia Couto lässt alle Protagonisten von Mwanito beschreiben. Seine Naivität und seine Unwissenheit prägen den Stil. Der ist kurz, knapp, nüchtern. Die Unterhaltungen, die er aufschnappt und wiedergibt, sind rätselhaft und werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Jedem Kapitel vorgestellte Gedichte deuten leitmotivisch die folgenden Ereignisse an. Mwanitos Unverständnis hält eine gewisse Spannung beim Leser aufrecht. Man möchte wissen, was den Vater zum Rückzug aus der Welt trieb, warum er sich so wie ein Verrückter aufführt, was mit der Mutter geschah.

Als unverhofft eine weiße Frau im Camp auftaucht, bricht die rigide Ordnung des Vaters zusammen. Ein Schlangenbiss führt dazu, dass alle in die Stadt zurückkehren. Mwanito verliert seine Unschuld. Er wird verführt und erfährt die wahren Umstände des Todes seiner Mutter. Sie sind nur schwer auszuhalten. Sein Vater wird angesichts der Erinnerungen wahnsinnig.

Mia Couto hat einen Roman vorgelegt, der die großen Fragen nach Schuld und Vergebung stellt. Seine Antwort: Selbst die radikalste Flucht vor sich selbst mitten ins Niemandsland kann niemanden reinwaschen. Wer sich nicht der Verantwortung stellt, wird wahnsinnig. Und Liebe kann niemand erzwingen.

Mia Couto: "Jesusalem"
Aus dem Portugiesischen von Karin Schweder-Schreiner
Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2014
213 Seiten, 24,80 Euro

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