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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.02.2014

RomanKünstlertum im Angesicht des Schrecklichen

Ricardo Menéndez Salmón: "Medusa"

Von Gregor Ziolkowski

Die zerstörte baskische Stadt Guernica während des Spanischen Bürgerkriegs, 7.6.1937 (AP-Archiv)
Die Schrecken des Spanischen Bürgerkriegs bis hin zum Zweiten Weltkrieg hält die Hauptfigur im Roman mit seiner Kamera fest. (AP-Archiv)

In "Medusa" ist der Ich-Erzähler einem Fotografen auf der Spur. In perfekten Bildern hält dieser grausige Kriegsszenen für das NS-Propagandaministerium fest. Die Biografie ist erfunden und doch überzeugend erzählt, gestützt von genau recherchierten historischen Fakten.

Ein wuchtiger Satz von Walter Benjamin ist diesem Roman als Motto vorangestellt: "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“ Treffender könnte ein Motto kaum ausfallen, denn der Text von Ricardo Menéndez Salmón liest sich wie eine Variation auf das Thema dieser kondensierten Denkfigur.

Sein Ich-Erzähler, ein Historiker, verfolgt dazu den Lebensweg eines bemerkenswerten Mannes: Karl Gustav Friedrich Prohaska. 1914 in einem norddeutschen Flecken geboren, ohne Vater und mit einer abweisenden Mutter aufgewachsen, flüchtet sich der Junge in die Welt der Bilder. Die ersten Malversuche werden unterstützt von einem evangelischen Pfarrer, später, bereits in Berlin, verdingt er sich in einem Fotoatelier. Als er dort mit einem Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums bekannt wird und dieser ihn auffordert, sich zu bewerben, beginnt eine steile Karriere.

Als Fotograf und Dokumentarfilmer begleitet er die Ereignisse, die die deutsche Aggressionspolitik hervorbringt: vom Spanischen Bürgerkrieg bis zu den Schauplätzen des Zweiten Weltkrieges. Er ist unermüdlich unterwegs, filmt, fotografiert, zeichnet und hinterlässt dabei Zeugnisse grausiger Szenen – wie am Fließband durchgeführte Hinrichtungen im Baltikum, furchtbare medizinische Experimente an Häftlingen im KZ Dachau, Bilder toter Kinder und Jugendlicher, die wie "am Rand“ dieses Krieges durch Verhungern, Selbstmord oder Verletzungen starben.

Was dem Ich-Erzähler an diesen Zeugnissen auffällt, führt direkt zu jener Benjaminschen Sentenz über Kultur und Barbarei. Es ist die kalte Distanziertheit, der ganz und gar nüchterne Blick, das erkennbare Streben ihres Autors, nur Medium, nur Auge sein zu wollen. Und dabei zugleich eine ausgefeilte Artifizialität, ein sensibles Künstlertum, einen ausgeprägten Sinn für Montage- und Schnitttechniken oder den atmosphärischen Gehalt eines Bildes.

Der Fotograf und Protagonist als Prototyp

Wer mag diese janusköpfige Gestalt gewesen sein, die im Angesicht des Schrecklichen derart perfekte Bilder oder Filme erzeugt hat? Es ist die Grundfrage für den Historiker, er verfolgt sie auch auf dem weiteren Lebensweg Prohaskas, von den Atombombenabwürfen in Japan über Diktaturen und Bürgerkriege auf dem lateinamerikanischen Kontinent bis zur Rückkehr nach Deutschland, wo sich Prohaska 1962 das Leben nimmt. Eine Grundfrage, die letztlich unbeantwortet bleiben muss, die der Erzähler immer wieder neu aufwerfen, immer wieder nur einkreisen kann.

Das ist mit großem Geschick erzählt! Die wie ein Roman nacherzählte, dabei viele Leerstellen aufweisende Biografie Prohaskas verschmilzt mit der Erzählung des Historikers über seine Recherchen. Aber ebenso mit seinen Reflexionen (und auch hier ist Benjamin nicht weit) über die Wirkung und Macht, über die Beschaffenheit des Bildhaften mit zahlreichen Exkursen in die Kunstgeschichte, was dem Text, trotz seiner Kürze, eine essayistische Tiefe verleiht. Getragen wird das durch ein genau recherchiertes historisches Faktengerüst, in dem zum Beispiel sämtliche Teilnehmer der Wannsee-Konferenz aufgelistet oder ein Briefdokument im Zusammenhang mit technischen Details zur Judenvernichtung zitiert werden.

Diese genau gearbeitete Verschmelzung hat eine hohe suggestive Kraft, sodass man mit einem beträchtlichen Erstaunen feststellt, dass es diesen Prohaska in Wahrheit nicht gegeben hat. Aber "es hat viele Prohaskas gegeben“, wie Ricardo Menéndez Salmón einmal in einem Interview erklärte, und es könnten einem Namen wie Leni Riefenstahl oder Arno Breker einfallen. Solche und andere Prototypen zu einer literarischen Figur verdichtet zu haben, die sich, Bilder erzeugend, durch die Schrecknisse des 20. Jahrhunderts bewegt, das ist in diesem Text auf eine beeindruckende Weise gelungen.

 

Ricardo Menéndez Salmón: Medusa
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2014
140 Seiten, 15,90 Euro

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