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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.08.2014

RomanIm Namen einer besseren Welt

Dave Eggers: "Der Circle"

Von Martin Tschechne

Ein Kind surft an einem Laptop auf der Seite des sozialen Netzwerks "Facebook".  (dpa / picture alliance / Ole Spata)
"Teilen ist Heilen" lautet ein Mantra des global vernetzten Internet-Konzerns "Der Circle" in Dave Eggers gleichnamigem Roman. (dpa / picture alliance / Ole Spata)

Auf den ersten Blick scheint "Der Circle", ein Internetkonzern, das Paradies zu sein: eine freundliche, heile Welt, die es mit allen gut meint. Doch die Idylle hat einen hohen Preis: totale Transparenz. Dave Eggers hat das "1984" des 21. Jahrhunderts geschrieben.

Transparenz ist ein Ausdruck von Reife im menschlichen Miteinander. Eine Bedingung für Demokratie, ein Wert an sich. Je mehr, desto besser. Totale Transparenz.... Genau hier setzt der Roman ein.

"Der Name gefällt euch, was?", sagte Bailey. "Okay, SeeChange ist aber nicht bloß für Gebiete zu gebrauchen, wo politische Unruhen stattfinden. Stellt euch Städte vor, die mit solchen Kameras überwacht werden. Wer würde eine Straftat begehen, wenn er wüsste, dass er jederzeit, egal wo, beobachtet werden könnte? Meine Freunde beim FBI sind überzeugt, dass die Verbrechensrate in jeder Stadt mit einer reellen und sinnvollen Kamerabestückung um siebzig, achtzig Prozent sinken würde." – Der Beifall schwoll an.

Hauptperson – und begeisterte Zuhörerin bei dieser Einführung eines weltweit vernetzten Systems privater Überwachungskameras – ist Mae Holland, 24 Jahre alt, Absolventin einer Elite-Universität in Kalifornien und dennoch eine eher unauffällige, man könnte sagen: austauschbare junge Frau. Mae ist eine wie Zehntausende. Aber sie hat es geschafft. Sie tritt ein in den auserkorenen Zirkel eines Unternehmens, das sich "The Circle" nennt, also "der Kreis".

"Wahnsinn!" ist ihr erster Gedanke, als sie den schönen und gepflegten Campus betritt und all die Wärme um sich herum registriert: freundliche Menschen, großzügige Gesten, Rücksichtnahme und teilnahmsvolles Interesse überall – ein Paradies. "Wahnsinn!" denkt sich Mae, "ich bin im Himmel!"

"Also, was fehlt da?", fragte er und deutete auf das Standbild von Mae, wie sie ins Kajak stieg.
"Ich weiß nicht."
"Du weißt es wirklich nicht?"
"Die Erlaubnis, das Kajak zu benutzen?"
"Klar", sagte er knapp, "aber was noch?"
Mae schüttelte den Kopf. "Tut mir leid. Ich weiß es nicht."
"Trägst du nicht normalerweise eine Schwimmweste?"
"Doch, doch, aber die waren auf der anderen Seite des Zauns."
"Und wenn dir da draußen, Gott bewahre, irgendwas passiert wäre? Wie würden sich deine Eltern dann fühlen? Wie würde Marge sich fühlen, Mae? Von heute auf morgen kann sie den Laden dicht machen. Endgültig. All die Leute, die für sie arbeiten, werden arbeitslos. Der Strand wird geschlossen. Alles wegen deiner Leichtfertigkeit. Wegen deiner Selbstsüchtigkeit, um es ganz offen zu sagen."

Private Momente sind verboten

Es dauert eine Weile, bis das perfekte System seine ersten Risse zu erkennen gibt. 

Mae wird gelobt, genießt Privilegien, macht Karriere – obwohl sich ihr die Zusammenhänge nur langsam erschließen. Sie erlebt Korruption von ihrer angenehmen Seite. Bis sie zufällig auf das Paddelboot stößt, das herrenlos an einer Bucht liegt. Bis eine Kamera ihren spontanen Abstecher in die Stille der Nacht festhält. Und plötzlich ist klar: Mae hat gegen die zentrale Regel des "Circle" verstoßen: Sie hat ihr kleines Erlebnis nicht im Netz gepostet, bewertet, geteilt, sondern den privaten Augenblick für sich genossen – und genau damit in den Augen des totalitären Systems Diebstahl begangen. Denn, so lautet das Mantra: 

"Secrets are lies: Geheimnisse sind Lügen.
Sharing is caring: Teilen ist Heilen.
Privacy is theft: Alles Private ist Diebstahl."

Der Circle ist ein global vernetzter Internet-Konzern, für den der Autor Dave Eggers nicht lange nach Vorbildern suchen musste. Wer Google, Twitter und Facebook kennt, der ist auch vertraut mit den Techniken und Normen dieses Netzwerks, dessen Realität in einer sehr nahen, beinahe schon greifbaren Zukunft liegt. Und auch die Rolle des Masterminds an der Spitze folgt bekannten Charakteren aus der Wirklichkeit des Silicon Valley: ein Freak, der die Welt bekehren, beglücken oder, je nach Auslegung, unter seine Herrschaft zwingen will, indem er alle Schlupfwinkel im Netz ausleuchtet und jeden Rückzug blockiert.

"Stattdessen steckte er alles, sämtliche Bedürfnisse und Tools jedes Users, in einen Topf und erfand TruYou – ein Konto, eine Identität, ein Passwort, ein Zahlungssystem pro Person. Schluss mit mehrfachen Passwörtern, Schluss mit mehrfachen Identitäten. Deine Geräte wussten, wer du warst, und deine einzige Identität – das TruYou, nicht verbiegbar und nicht maskierbar – war die Person, die bezahlte, sich registrierte, reagierte, sah und gesehen wurde. Du musstest deinen richtigen Namen verwenden, und der war verbunden mit deinen Kreditkarten, deiner Bank, und dadurch war Bezahlen einfach. Ein einziger Button für den Rest deines Online-Lebens." 

"All that happens must be known: Alles, was passiert, muss bekannt sein." 

Jeder Blutwert wird erfasst

Die Parallelen zu George Orwell sind überdeutlich. Dave Eggers schreibt das "1984" des 21. Jahrhunderts – und der entscheidende Unterschied liegt darin, dass der Große Bruder bei ihm kein schroffer Tyrann ist, sondern ein System, das sich freundlich und besorgt nach dem Wohlbefinden erkundigt. 

(Kiepenheuer & Witsch)Cover: "Der Circle" von Dave Eggers (Kiepenheuer & Witsch)Ein Sensor-Armband meldet jeden Blutwert und jede Aufregung direkt an die Zentrale. Natürlich nur im Sinne der medizinischen Vorbeugung. Kinder bekommen einen Peilsender in die Knochen transplantiert, damit sie sicher sind vor Sexualverbrechern – und damit der Circle nun lebenslang präzise weiß, wer sich wann wo aufhält. Und Politiker beugen sich dem System, indem sie jede Bewegung und jede Äußerung per Kamera festhalten und ins Netz einspeisen. Und bald schon gilt als politischer Ganove, wer sich der totalen Überwachung entzieht. Die Methoden sind perfide.

"Und oftmals geschah etwas Wunderbares, etwas, das sich wie ausgleichende Gerechtigkeit anfühlte: Jedes Mal wenn irgendwer wieder lauthals das angebliche Monopol des Circle anprangerte oder die unfaire Geldmacherei mit den persönlichen Daten der Circle-User oder irgendeine andere paranoide und nachweislich falsche Behauptung aufstellte, kam bald darauf ans Licht, dass es sich bei demjenigen um einen Kriminellen oder hochgradig Perversen handelte. Der eine hatte Kontakte zu einem Terrornetzwerk im Iran. Der andere war Konsument von Kinderpornos. Und irgendwie war es auch einleuchtend. Wer außer einer Randgestalt würde die unbestreitbare Verbesserung der Welt verhindern wollen?"

Wirklichkeit überholt Fantasie 

Mehr gespielte Unschuld geht nicht. Dave Eggers trägt wirklich dick auf mit seiner Ironie, sein Buch kommt daher im Gestus eines unschuldigen, sogar etwas seichten Unterhaltungsromans – und wie nicht anders zu erwarten, gab es Rezensenten der amerikanischen Originalausgabe, die den politisch hellwachen, kämpferischen Autor von Büchern wie "Zeitoun" oder "Ein Hologramm für den König" darin nicht wiedererkennen wollten. Wo seien sein Witz und seine Schärfe geblieben?

Nun, sie sind noch da. Sie zeigen sich in einer Situation von realsatirischer Absurdität. Er habe nicht etwa bei den Internet-Giganten selbst recherchiert, beteuert der Autor. Sein Buch sei ein Roman und keine Dokumentation. Aber mehr als einmal habe er eine seiner Fantasie-geborenen Ideen umschreiben müssen, weil Google, Facebook oder Twitter seine Fiktionen schon überholt hatten.

 

Dave Eggers: Der Circle
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Kiepenheuer & Witsch
560 Seiten, 22,99 Euro

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