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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2014

RomanEine literarische Sozialgeschichte Finnlands

Markku Kivinen: "Betongötter"

Von Katharina Döbler

Aus einem Spalt im nassen Beton wachsen Grashalme. (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)
Aus einem Spalt im nassen Beton wachsen Grashalme. (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)

Bislang war der Finne Markku Kivinen vor allem als Soziologe bekannt. Sein Debüt-Roman "Betongötter" kann diese Herkunft nicht leugnen - und muss es nicht: Kivinen entwickelt mit großer Empathie eine kleine Geschichte Finnlands vom Ende der Nachkriegsjahre.

Markku Kivinen, geboren 1951 in Helsinki, ist eigentlich nicht für sein Erzähltalent berühmt - sondern für Hunderte von wissenschaftlichen Publikationen über gesellschaftliche Prozesse. Mit "Betongötter" legte er 2009 seinen ersten Roman vor, der seine Herkunft aus der Soziologie nicht verleugnen kann. Und das auch gar nicht will:

Kivinen beschreibt darin das Innenleben der grünen Mustersiedlung Tapiola, die in den 1970er-Jahren am Rande von Espoo, der Zwillingsstadt Helsinkis, entstand.

Dieses Tapiola stellte mit seiner schönen Umgebung und seiner Weitläufigkeit, seiner modernen Hochhausarchitektur und seiner sozial gemischten Bevölkerung die steingewordenen sozialen Utopien dieser Zeit dar. Und Kivinen lässt seine Protagonisten, fünf junge Leute, erzählen wie es sich hier lebt: Eine junge und pietistisch geprägte Lehrerin, die von einem Schüler schwanger geworden ist; einen dicklichen Jungen, der später zum Kader der Neuen Linken wird; einen verwahrlosten, aggressiven Bauernsohn aus der Umgebung, der im Knast landet; den verwöhnten Spross eines Unternehmers, der die anderen mit Drogen versorgt; und ein "Ich", das vernünftig und zentriert diesem äußerst gemischten Chor eine tragende Melodie verleiht.

Mehrere parallele Welten

Alle Stimmen dieses Ensembles sprechen nur für sich selbst, in ihrem, wie man es im Soziologenjargon ausdrücken würde, jeweils eigenen Sprachcode - und beschreiben nur den ihrer Wahrnehmung und ihren Interessen entsprechenden Ausschnitt der Wirklichkeit. Zwangsläufig entstehen hier also mehrere parallele Welten, die sich im Lauf des Romans immer weiter auseinander entwickeln - wie im wirklichen Leben auch, wenn Schulfreunde und Nachbarskinder erwachsen werden.

Aus diesen verschiedenen Biografien mit ihren Abgründen und Höhenflügen – aber auch ihrer Durchschnittlichkeit – entwickelt Kivinen mit soziologischem Handwerkszeug und großer Empathie eine kleine Geschichte Finnlands vom Ende der Nachkriegsjahre mit ihrer protestantischen Enge und der allzu festen Umarmung durch die Sowjetunion, über die 1968er Rebellion und sozialdemokratische Transformation des Landes bis zu den gescheiterten Utopien gegen Ende der 1970er-Jahre.

Es ist ein trauriges, aber schönes kleines Buch, eine vielstimmige literarische Sozialgeschichte, durch die man vieles an diesem merkwürdigen Land verstehen lernen kann.

Markku Kivinen: "Betongötter"
Aus dem Finnischen von Rosalinde Sartorti und Kristiina Hämäläinen,
Secession, Berlin und Zürich 2014
,
175 Seiten, 21,95 Euro

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