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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.02.2015

RomanEin fragiler Vogelliebhaber in Afghanistan

Norbert Scheuer im Gespräch mit Frank Meyer

Muslimischen Opferfest in Kabul (picture alliance / dpa / Foto: S. Sabawoon)
Tauben fliegen während des muslimischen Opferfestes in der afghanischen Hauptstadt Kabul in die Luft. (picture alliance / dpa / Foto: S. Sabawoon)

Ein Bundeswehrsoldat ist in Afghanistan und seine wichtigste Beschäftigung: Er beobachtet Vögel. Für seinen Roman "Die Sprache der Vögel" könnte Autor Norbert Scheuer den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

Häufig, wenn er von der Arbeit komme, gehe er in seinem Eifelort Kall in ein Supermarkt-Café, erzählte der Schriftsteller Norbert Scheuer im Deutschlandradio Kultur von der Entstehungsgeschichte seines Romans "Die Sprache der Vögel", der für den Leipziger Buchpreis nominiert ist. In dieser Cafeteria habe er eines Tages einen jungen Mann im Parka entdeckt habe, neben dem eine Schildkröte saß. Als der Autor mit ihm ins Gespräch kam, erzählte der "Schildkrötenmann", dass er in Afghanistan gewesen sei. "Diese Erzählung hat mich dann dazu inspiriert, den Roman zu schreiben."

Auf der Suche nach der Sprache der Vögel 

Im Mittelpunkt des Romans steht Paul Arimond, der 2003 als Sanitäter der Bundeswehr nach Afghanistan kommt, in ein Land, das schon sein Ururgroßvater einst, auf der Suche nach der Universalsprache der Vögel, wegen seiner reichen Tierwelt bereist hatte. Auch Paul, geplagt von Schuldgefühlen nach einem Autounfall, den er mit verursacht hat, liebt es, Vögel zu beobachten und Aufzeichnungen über sie niederzuschreiben. Sie scheinen nach einer anderen Ordnung und mit anderen Freiheiten zu leben.

Inmitten einer zunehmend gefährlichen Bedrohungslage beginnt Paul, immer unberechenbarer und anarchischer zu handeln. Scheuers Roman über einen fragilen Vogelliebhaber führt mitten ins Herz der Verstrickungen, aus denen das rätselhafte Leben seiner bewegenden und einzigartigen Figuren besteht.

Vogelreichtum in Afghanistan

"Es war immer schon für mich ein großes Anliegen über Vögel zu schreiben", sagte Scheuer über seinen Antrieb für diese ungewöhnliche Themenverbindung. "Das fasziniert mich, ich beobachte auch gerne Vögel." Deshalb habe es zunächst die Idee gegeben, über Vögel zu schreiben. Aber die Begegnung mit diesem Bundeswehrsoldaten in der Cafeteria habe eine Verbindung hergestellt.

"Zuerst habe ich natürlich gedacht, was ist das für eine skurrile Idee: Afghanistan, Vögel." Wenn man an die Bilder aus Afghanistan denke, habe man darauf eigentlich nur zerstörte Häuser, Steppenlandschaften und verwüstete Erde  gesehen. "Aber Vögel habe ich eigentlich nie in einem Bericht über Afghanistan gesehen", sagte Scheuer. Als er sich aber Afghanistan auch zoologisch zu beschäftigen begann, habe er festgestellt, dass es zu den vogelreichsten Ländern zählt. "Es leben in Afghanistan mehr Vögel als in ganz Europa zusammen, also Vogelarten."

Kein Urteil über den Bundeswehreinsatz

Während Scheuer den Roman schrieb, hätten sich die Gegensätze der Soldaten im abgeschlossenen Bundeswehrlager und den frei fliegenden Vögeln immer stärker aufgedrängt. Um sich den soldatischen Alltag in Afghanistan vorstellen zu können, traf sich der Schriftsteller häufiger mit dem "Schildkrötenmann" und suchte das Gespräch mit anderen Bundeswehrsoldaten. Während dieser zwei Jahre habe er auch viele Erfahrungsberichte gelesen, bis er dann selbst in Afghanistan gewesen sei.  

Er habe mit seinem Roman kein Urteil über den Afghanistan-Einsatz abgeben, sondern aus der Perspektive seiner Protagonisten erzählen wollen, sagte der Autor.

 

Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel
C.H.Beck, 2014
238 Seiten, 19,95 Euro

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