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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.11.2015

Roman "Der erste Horizont meines Lebens"Kinderalltag in einer kaputten Erwachsenenwelt

Von Carsten Hueck

Ein Kind, drei Jahre alt, zwischen Müll, dass neben einem Hund steht und versucht, seine Kekse vor ihm zu verstecken. (picture alliance / dpa / epa Robert Ghement)
Die in Moldawien geborene Autorin Liliana Corobca beschäftigt sich mit den sozialen Missständen in ihrer osteuropäischen Heimat. (picture alliance / dpa / epa Robert Ghement)

Cristina in Liliana Corobcas Roman "Der erste Horizont meines Lebens" ist eine moldawische Pippi Langstrumpf. In Cristinas Welt allerdings macht das Alleinsein keinen Spaß. Während ihre Eltern im Ausland Geld verdienen, versucht sie sich und ihre beiden Geschwister durchzubringen.

Immer wieder wird zwischen politischen Flüchtlingen und sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen unterschieden – letztere sind Menschen, die vielleicht auch nur vorübergehend ihre Heimat verlassen, um ihre Familien zu ernähren. Was das für ihre zurückgebliebenen Angehörigen bedeutet, schildert im neuen Roman von Liliana Corobca die Ich-Erzählerin Cristina, ein zwölfjähriges Mädchen. Während ihre Eltern im Ausland arbeiten, kämpft sie jeden Tag ums Überleben und um die eigene Würde. Emotional und kunstvoll erzählt Corobca vom Kinderalltag in einer kaputten Erwachsenenwelt: von Härte, Sehnsucht, Zärtlichkeit und Wut.

Vor fünf Jahren erschien das erste Buch der 1975 in Moldawien geborenen, heute in Bukarest lebenden Autorin Liliana Corobca. Darin beschäftigte sie sich – indem sie von den Erfahrungen einer jungen Zwangsprostituierten berichtete – schon einmal mit sozialen Missständen in ihrer osteuropäischen Heimat. In ihrem neuen Buch, das im rumänischen Original "Kinderland" heißt, und das bei uns unter dem Titel "Der erste Horizont meines Lebens" erschienen ist, stehen die verlassenen moldawischen Kinder im Mittelpunkt.

Moldawien ist ein armes Land. Es liegt zwischen Russland, Rumänien und der Ukraine. Misswirtschaft und Korruption treiben Hunderttausende Moldawier aus ihrer Heimat. Fern ihrer Familien versuchen sie, irgendwo in Europa ein Auskommen zu finden. Für 120.000 Kinder in Moldawien gehört die Abwesenheit ihrer Eltern zum Alltag. Liliana Corobcas Protagonistin erzählt davon in zahlreichen Episoden. Anrührend und zärtlich, altklug und zynisch beschreibt Cristina, wie schwer es ist, eine Ziege zu melken, neugeborene Schwalben gegen eine hungrige Katze zu verteidigen und die Sehnsucht nach den Eltern auszuhalten.

Schicksalsgemeinschaft in einem zersetzten Gemeinwesen

Ihre Mutter arbeitet als Kindermädchen in Italien, der Vater in den Minen im Norden Russlands. Einmal im Jahr kommen beide nach Hause. Den Rest der Zeit ist Cristina für sich und ihre beiden Brüder Dan und Marcel verantwortlich. Sie erzieht und beschützt sie, führt den Haushalt, füttert das Vieh. Dan ist sechs geworden, Marcel ist halb so alt. Die drei leben als Schicksalsgemeinschaft in einem zersetzten Gemeinwesen. Marcel, der Kleinste hat nie ein herkömmliches Familienleben kennengelernt. Für die Kinder ist das Außergewöhnliche normal. Pragmatisch versuchen sie, ihren Alltag zu bewältigen. Es gibt viel Prügel im Dorf, man säuft, Neid und Gleichgültigkeit haben sich breit gemacht. Hin und wieder taucht mal ein Verwandter bei den Kindern auf. Ein Patenonkel schaut vorbei, ein Cousin kommt, um bei der Ernte zu helfen. In solch einer prekären Kindheit wird dann schon ein aggressiver Hund oder ein Zeckenbiss zum Drama.

Liliana Corobca schreibt in einer ausgeklügelten Kunstsprache, verliert aber weder Bodenhaftung noch Poesie. Die Protagonistin klingt mal zu abgeklärt für ihr Alter, dann wieder naiv. Genau diese Mischung aber macht sie glaubwürdig – und dieses Buch so erschütternd schön. Es ist ein berührendes Zeugnis der Selbstbehauptung. Cristina ist eine moldawische Pippi Langstrumpf. In ihrer Welt allerdings macht das Alleinsein keinen Spaß.

Liliana Corobca: Der erste Horizont meines Lebens
Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Zsolnay Verlag, Wien 2015
190 Seiten, 18,90 Euro

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