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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.11.2015

Roland BarthesMuttersohn und Mythenjäger

Von Christoph Vormweg

Der Literaturtheoretiker Roland Barthes. Aufgenommen 1970 in Paris. (imago)
Der französische Autor Roland Barthes (1915-1980) (imago)

In den 70er-Jahren debattierte die lesende Welt fasziniert über den "Tod des Autors". Doch längst ist auch der Erfinder dieser Formel, der Literaturtheoretiker und Essayist Roland Barthes, der Gegenstand biografischer Neugier. Er schrieb über "Mythen des Alltags" und den Bestseller "Fragmente einer Sprache der Liebe". Vor 100 Jahren wurde er geboren.

(Aus "Fragmente einer Sprache der Liebe")

"A wie Abwesenheit: [...] Jede Sprachepisode, / die die Ab-wesenheit / des geliebten Wesens inszeniert / − gleichgültig / von welcher Dauer / und aus welchem Grunde − / und diese Abwesenheit / in eine Verlassenheitsprüfung / umzudeuten / geneigt ist."

Stingelin: "Roland Barthes' Schreiben sucht immer die Kippe. Solange er nicht kanonisiert ist, funktioniert sein Denken gegen Gemeinplätze."

Martin Stingelin, Literaturwissenschaftler an der Dortmunder Universität.

Stingelin: "Also wenn Sie jemanden suchen zum Festhalten, dann sind Sie bei Roland Barthes an den Falschen geraten."

(Barthes: Antrittsvorlesung am Collège de France in Paris)

"Sehr geehrter Herr Administrator, werte Kollegen, ich danke Ihnen für die Aufnahme in Ihren Kreis. Ich müsste mich gewiss zunächst nach den Gründen fragen, die das Collège de France bewogen haben, ein – ich würde sagen − unsicheres Subjekt aufzunehmen."

7. Januar 1977, Antrittsvorlesung am Collège de France: Von diesem Tag an gehört Roland Barthes zur Elite der französischen Professoren. Ein "unsicheres Subjekt" ist der 61-Jährige schon deshalb, weil er sich nur schwer verorten lässt. Für den vom Strukturalismus geprägten Theoretiker ist deshalb eigens der Lehrstuhl für Semiologie der Literatur eingerichtet worden.

Semiologie: die "Wissenschaft, die das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht" – ein Begriff geprägt von Sprachforscher Ferdinand de Saussure.

In der ersten Reihe des Hörsaals Nummer 8 Michel Foucault, der glatzköpfige Denker, der Roland Barthes´ Berufung unterstützt hat. Auch einige Berühmtheiten des Pariser Literaturbetriebs sind zugegen: etwa Alain Robbe-Grillet, der in den 50er-Jahren den so genannten "Nouveau Roman" mitgeprägt hat, oder Philippe Sollers, der Vordenker der Zeitschrift "Tel Quel", die eine "revolutionäre" Literaturpraxis anstrebt. Man könnte auch sagen: Das "unsichere Subjekt" Roland Barthes ist umgeben von anderen "unsicheren Subjekten", die ins Offene hineinforschen und Veränderung suchen. Er selbst hat in den 70er-Jahren einen Schwenk vollzogen: weg vom systematischen Strukturalismus, hin zur Erforschung des Schreibens als Urgrund des subjektiven Imaginären. In einem Interview im französischen Radio sagt Roland Barthes:

"Ich gestehe dem Schreibakt eine enorme Macht zu. Aber wie es ja immer ist, kann der Schreibakt verschiedene Masken aufsetzen, verschiedene Werte vertreten. Es gibt Augenblicke, da schreibt man, weil man glaubt, an einem Kampf teilzunehmen. Das war am Anfang meiner Laufbahn als Schriftsteller oder Schreibender so. Dann, nach und nach, kristallisierte sich eine nacktere Wahrheit heraus: Dass man schreibt, weil man es liebt und weil es Freude macht."

Mit der Aufnahme ins "Collège de France" ändert sich viel für Roland Barthes. Die Zeit der kleinen, überschaubaren Seminare ist vorbei. Der Zeichendeuter ist Kult – gerade weil er in seinem nächsten Buch ein großes Gefühl ins Visier nimmt: die Liebe.

(Aus "Fragmente einer Sprache der Liebe")

"Nun gibt es aber keine andere Abwesenheit als die des Anderen: der Andere macht sich davon, ich bleibe da. Der Andere ist im Zustand immerwährenden Aufbruchs, im Zustand der Reise; er ist, seiner Bestimmung nach, Wanderer, Flüchtiger; ich, der ich liebe, bin meiner umgekehrten Bestimmung nach sesshaft, unbeweglich, verfügbar, in Erwartung, an Ort und Stelle gebannt, nicht abgeholt wie ein Paket in einem verlassenen Bahnhofswinkel. Die Abwesenheit aussprechen heißt: "Ich werde weniger geliebt, als ich selbst liebe."

Ein völlig unerwarteter Bestseller

"Fragmente einer Sprache der Liebe": Das Buch – hier in der WDR-Hörspielfassung von Andreas Bick – erscheint wenige Wochen nach der Antrittsvorlesung im Collège de France. Grundlage sind die Karteikarten, die Roland Barthes während eines Seminars angelegt hat. Doch scheint ihn nicht nur wissenschaftliches Interesse getrieben zu haben, wenn man dem Pariser Journalisten Hervé Algalarrondo Glauben schenken darf. In seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Der langsame Tod des Roland Barthes" untersucht er die abgöttische Liebe des Zeichendeuters zu seiner Mutter und die Praxis seiner Homosexualität. Demnach ist es die Zurückweisung eines angehimmelten dänischen Studenten, die Roland Barthes in tiefes Liebesleid gestürzt und so die "Fragmente einer Sprache der Liebe" inspiriert hat. Das Buch wird – völlig unerwartet – ein Bestseller-Erfolg.

"Ich glaube, ja, das hat viel verändert. Das ist wichtig im Leben eines Intellektuellen, einmal eine solche Anerkennung zu finden. Für Barthes war das positiv. Denn so konnte er einige professorale Gewohnheiten und Verhaltensweisen ablegen, die nützlich gewesen waren, aber nichts mehr brachten, und so seine Existenzformen und selbst seine Schreibweisen verändern."

Éric Marty, Professor an der Universität Paris-Diderot, hat nicht nur die Gesamtausgabe der Texte Roland Barthes' herausgegeben. Er hat ihn Ende der 70er Jahre auch persönlich kennengelernt:

"Ich hatte ein vielseitiges Verhältnis zu ihm. Ich war sein Student, sein Schüler, zugleich aber auch mit ihm befreundet. Ich sah ihn also oft außerhalb des Lehrbetriebs. Für mich war er eher ein Mentor als ein Lehrer."

Roland Barthes geht von strukturalistischen Grundannahmen aus, von jenem Ansatz, der in den französischen Humanwissenschaften der 60er-Jahre als der letzte Schrei gilt. Demnach organisieren innere, unbewusste Strukturen unsere Wirklichkeit, ja, selbst das Subjekt. Das Muster dieser Strukturen findet sich im Zeichensystem der Sprache: Es spricht gleichsam automatisch in uns, wenn wir uns äußern. Ähnlich wie Michel Foucault stellt Roland Barthes eine Art "Werkzeugkasten" zur Verfügung, um die Gegenwart besser durchschauen zu können, um das vor Augen zu führen, was meist übersehen wird und die Menschen deshalb manipulierbar macht.

Mitte der 50er-Jahre die Anfänge mit seinen Analysen der "Mythen des Alltags" – noch heute das beste Buch für Barthes-Einsteiger. Das Überraschende: Roland Barthes reagiert hier trotz des hohen theoretischen Anspruchs auch auf scheinbar Banales, etwa auf den Siegeszug des Plastiks oder des Automodells Citroën D.S.

Stingelin: "Roland Barthes ist derjenige Intellektuelle, der sich zeitlebens um diejenigen Instrumente bemüht hat, die es uns erlauben, mit ihrer Hilfe hinter das Geheimnis zu kommen: etwa hinter das Geheimnis des vermeintlich Sichtbaren."

Literaturwissenschaftler Martin Stingelin:

"Jeder ist geblendet von Mythen in unserem Alltag. Roland Barthes hat etwa die Tour de France als solchen Mythos analysiert. Wir können das auf deutsche Verhältnisse übertragen: dann gern mit Jan Ullrich. Was verbirgt sich hinter dem Mythos Jan Ullrich? Roland Barthes hat uns Instrumente dafür zur Verfügung gestellt, hinter diese Mythen zu sehen. Der Semiotiker, also der Zeichengelehrte, ist die größte, wie mir scheint, intellektuelle Inspirationsquelle für analytische Instrumente, die uns helfen, hinter ein Geheimnis zu kommen."

 

Ein Citroën DS parkt am Straßenrand in Wernigerode (dpa / picture alliance / )Göttliches Auto: Ein Citroën DS, von Roland Barthes in den "Mythen des Alltags" verewigt. (dpa / picture alliance / )(Aus "Mythen des Alltags") "Ich glaube, dass das Auto heute das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen ist. Der neue Citroën fällt ganz offenkundig insofern vom Himmel, als er sich zunächst als superlativisches Objekt darbietet. Man darf nicht vergessen, dass das Objekt der beste Bote der Übernatur ist: Die Déesse."

Die Buchstabenbezeichnung D.S. ergibt beim Aussprechen Déesse, die "Göttin".

"Die Déesse hat alle Wesenszüge (wenigstens beginnt das Publikum sie ihr einmütig zuzuschreiben) eines jener Objekte, die aus einer anderen Welt herabgestiegen sind, von denen die Neomanie des 18. Jahrhunderts und die unserer Science-Fiction genährt wurden: die Déesse ist ein neuer Nautilus."

Stingelin: "Und das war immer sein Ehrgeiz: Also, ich führe Ihnen vor, wie ein Mythos gemacht ist, aber ich führe Ihnen gleichzeitig vor, wie ich Ihnen vorführe, wie ein Mythos gemacht ist. Und diesen Kniff, den löst dann das Nachwort auf: die Unterscheidung zwischen dem Bedeutenden eines Mythos und dem vom Mythos Bedeuteten. Und das dann wiederum als Parasiten wahrzunehmen, also als aufgestülpte Bedeutung, als ein übergeordnetes System, das sich eines Mythos bemächtigt – das ist leicht verständlich, für jedermann nachvollziehbar in einer Art und Weise, die Ihnen dann aber eine Brille aufsetzt, Ihren Alltag – deshalb auch "Mythen des Alltags" – mit ganz neuen Augen wahrzunehmen. Also das ist kein Autor für Eingeweihte, sondern das ist der Autor, der alle Geheimnisse entweiht."

Marty: "Die Dinge, über die Barthes spricht, sind nicht mehr aktuell. Aber man merkt, dass sich die Mythologien, die er thematisiert, sehr leicht auf die Mythologien der heutigen Konsum- und Warengesellschaft übertragen lassen. Barthes desillusioniert, Barthes kritisiert – aber immer mit einer Art Großmut und mit Freude am Objekt. Wenn er sich über gesellschaftliche Gewohnheiten mokiert und sie ein wenig lächerlich macht, dann verurteilt er sie nicht wie ein Terrorist oder ein Priester, sondern er tut das immer mit Empathie für seinen Gegenstand. Der Intellektuelle verfügt nicht über die Wahrheit, sondern sie befindet sich – so Barthes – im Herzen der Menschheit, in ihrer Gesamtheit. Die Welt zu kritisieren heißt auch, ihr zu helfen, sich zu verändern. Und dafür braucht es nicht diese Haltung der arroganten Verurteilung der Welt."

Die Essenz steht auf dem Zettel

Roland Barthes, Jahrgang 1915: tuberkulosekrank hat er als junger Mann – während eines vierjährigen Aufenthalts in einem Sanatorium – seine Arbeitsmethode entwickelt. Die Essenz seiner Lektüren notiert er von da an auf selbst zurechtgeschnittenen Zetteln im Karteikartenformat. Das Spiel der Bedeutungen sprachlicher Zeichen fasziniert ihn – und damit die Macht der Sprache über unser Denken.

(Roland Barthes, Radio France 1975)

"Wir wissen, dass man immer mit Sprache denkt, im Sprechen denkt, beim Denken spricht, dass es in uns vor der Sprache keine Gedanken gibt. Oft, gerade bei mir, ist das Denken sofort an eine Form gebunden, die ich sehe. Ich könnte sagen: Ich visualisiere es als Geschriebenes. Bei mir ist es wahrscheinlich so: Ich habe die Tendenz, in Sätzen, nicht mit Gedanken zu denken."

Nicht weniger prägend: die anschließende Rückkehr 1946 in den mütterlichen Haushalt in Paris. Und: Roland Barthes, der Muttersohn, bleibt, selbst als Professor.

(Aus "Fragmente einer Sprache der Liebe")

"ANBETUNGSWÜRDIG. / Da es dem liebenden Subjekt nicht gelingt, / die Besonderheit seines Verlangens / nach dem geliebten Wesen / zu benennen, / greift es zu dem etwas dummen Wort: / anbetungswürdig!"

1977 – das Schicksalsjahr. Erst der Erfolg: mit dem Amtsantritt am Collège de France und dem Bestseller "Fragmente einer Sprache der Liebe". Dann der Absturz: der Tod seiner Mutter Henriette im Herbst. Für den Verlustschmerz sucht Roland Barthes eine Sprache jenseits der Klischees: in seinem "Tagebuch der Trauer". Éric Marty, Herausgeber der Gesamtausgabe, rechtfertigt die postume Veröffentlichung:

"Ich verstehe wohl, dass Barthes das nur für sich allein geschrieben hat: weil das ein Dialog mit dem Tod ist, eine wirklich einsame Konfrontation mit dem Tod und mit dem Schreiben. Gleichzeitig hat es aber eine durchdachte Form. Das ist kein Tagebuch, wo jemand einfach alles rauslässt. Nein, es ist sehr strukturiert und durchdacht – mit diesen Zetteln, auf denen praktisch jeweils nur ein einziger Satz steht. Es gibt eine Komposition, einen Sinn der Form, die zeigt, dass Barthes beim Schreiben eine mögliche Veröffentlichung mitbedacht hat. Und ich glaube, die Schönheit des Tagebuchs, seine Tiefe, seine Heftigkeit auch, seine Einsamkeit bringen uns sehr viel, weil Tod und Trauer heute stark verdrängt sind in unserem Abendland."

"Erste Hochzeitsnacht" notiert Roland Barthes am 26. Oktober 1977. Dann folgt die Frage: "Doch erste Nacht der Trauer?"

Zeichen der seelischen Verstümmelung

Der Tod seiner Mutter im Alter von 84 Jahren ist das Ende einer symbiotischen Beziehung. Immer war sie der Dreh- und Angelpunkt von Roland Barthes' Alltag. Zuletzt hat er sie acht Monate lang selbst gepflegt. Sein Vater Louis ist eine Leerstelle. Er fiel im Ersten Weltkrieg an der Front, als Roland noch in den Windeln lag. Im "Tagebuch der Trauer" ist aus dem affektiven "Maman" ein "Mam" mit anschließendem Punkt geworden: Zeichen der eigenen seelischen Verstümmelung. Der Trauernde macht sich im Schreibprozess selbst zum beobachteten Objekt. Daher der distanzierte Unterton, der das Persönliche abstrahiert. Am 3. April 1978 notiert Roland Barthes:

"Verzweiflung: das Wort ist zu theatralisch, es hat teil an der Sprache."

An der Sprache als festgefügter Rede: Gegen sie hat Roland Barthes immer aufbegehrt, auch in der wohl meistzitierten Passage seiner Antrittsvorlesung im "Collège de France":

"Die Sprache als Performanz aller Rede ist weder reaktionär noch progressiv; sie ist ganz einfach faschistisch; denn Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, es heißt zum Sagen zwingen. Sobald sie hervorgebracht wird, und sei es im tiefsten Innern des Subjekts, tritt die Sprache in den Dienst einer Macht. Unweigerlich zeichnen sich in ihr zwei Rubriken ab: die Autorität der Behauptung und das Herdenhafte der Wiederholung."

Die Hoffnung auf eine Metasprache, die Hoffnung, mittels der Sprache über die Sprache hinauszugelangen, hat Roland Barthes zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben. Er löst sich immer mehr von der Theorie.

Marty: "Ich glaube, Barthes hatte ein wirkliches Verlangen, zu einem anderen Typ des Schreibens überzugehen, einen anderen als den, den er bis dahin praktiziert hatte. In seinen zuvor veröffentlichten Büchern gibt es bereits Versuche des Romanhaften: zum Beispiel in ‚Über mich selbst', eine Art autobiographischem Versuch, in dem es viele kleine, fiktive, wirklich literarische Elemente gibt. Und dann natürlich in ‚Fragmente einer Sprache der Liebe', das ein Werk mit starker imaginärer Dimension ist. Auch ‚Die helle Kammer' ist nicht bloß ein Essay über Fotografie, sondern eine Erzählung über die Entdeckung eines besonderen Fotos, das er an einem Novemberabend findet: das Foto seiner Mutter als Kind. Diese Entdeckung löst eine Art intellektueller Revolution bei Roland Barthes aus, weil sie dazu führt, dass sich die Ausgangsthesen verändern. In ‚Die helle Kammer' überflügelt der Roman gewissermaßen die Theorie."

Stingelin: "Und dann kam dieses große Erlebnis, von dem wir nicht wissen, was es war, das in der Wüste offenbar bei Casablanca stattgefunden hat am 15. April 1978. Und danach ist Roland Barthes bekehrt, wie er selbst sagt, zur Literatur – und unternimmt nun den Versuch, einen eigenen Roman zu verfassen, der den Titel ‚Vita Nova' tragen sollte. Weil er gleichzeitig seinen Lebensunterhalt aber als Professor für Literatursemiologie verdient, ist er einen Moment im Zweifel – soll er die Professur aufgeben zugunsten der Literatur? – und kommt dann auf den genialen Kniff, den Roman im Rahmen einer Vorlesung zu verfassen. Und das unternimmt er mit der letzten Vorlesung, die sich über zwei Jahre erstreckt hat: ‚La préparation du roman', Die Vorbereitung des Romans."

Eine Simulation eines Romans

Mit dem Tod der Mutter glaubt Roland Barthes, den Moment der Lebensmitte erreicht zu haben. Selbst bereits Anfang 60, begreift er sie als den Moment der Bewusstwerdung des Todes. Solange seine Mutter da war, hat ihn dieser Gedanke nicht gequält. Nun aber hofft er, dass der Tod der Mutter auf ihn dieselbe Wirkung haben wird wie 1905 auf den bewunderten Romancier Marcel Proust: Beim "Sucher nach der verlorenen Zeit" setzte der Verlust ungeahnte Schöpfungskräfte frei. Roland Barthes' neues Credo:

"Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität. Lieber das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur."

Marty: "In dieser Vorlesung ‚Die Vorbereitung des Romans' hat er eine Art romanhafter Simulation konstruiert. Und diese Simulation scheint mir seine Art gewesen zu sein, den Roman zu vollenden, ohne ihn zu vollenden, eine Art zu spielen, ihn zu schreiben, ohne ihn zu schreiben, kurz: eine Haltung großen Schwankens gegenüber einem Gegenstand, der für ihn sehr komplex und schwierig war."

Stingelin: "Barthes erhofft sich durch die Art und Weise, wie er den Roman schreibt, im Schreiben das eigene Leben zu erneuern. Er entwirft zum Beispiel einen ausgesprochen aufschlussreichen Begriff dessen, was er unter ‚Notiz' versteht. Es ist nicht eine Gedächtnishilfe, sich etwas, was einem entfallen könnte, zu notieren, sondern es ist der Versuch, eine Simultaneität des Niederschreibens mit dem Niedergeschriebenen herzustellen, etwas im Moment, in dem es sich ereignet, schreibend zu erhaschen. Das war die Strategie, mit der er den Roman ‚Vita Nova' schreiben wollte. Er wollte sich mittels des Schreibflusses in den Fluss der Ereignisse begeben."

Die formale Verdichtung, das Komprimieren der Essenz: Hier schwingt Roland Barthes´ Faszination für das japanische Haiku mit. Das Notizheft zücken wie eine Kamera, das ist sein neues ästhetisches Ideal. In der Phase quälender Trauer um die Mutter zeigt er zunächst große Produktivität: mit einer Fototheorie, die das paradoxe Nachleben des geliebten Menschen im Bild reflektiert, mit seiner umfangreichen Vorlesung. Den Roman selbst bringt der Literaturtheoretiker – aller Vorsätze zum Trotz – aber nicht zu Papier. Am 22. Juli 1979 notiert Roland Barthes in seinem "Tagebuch der Trauer":

"Alle ‚Rettungen' des Projekts scheitern. Ich bin plötzlich in der Situation, dass ich nichts zu tun, kein Werk vor mir habe – außer eintönigen Routineaufgaben. Die ganze Form des Projekts: schlaff, widerstandslos, schwacher Energiekoeffizient. ‚Wozu soll es gut sein?'"

"Es ist, als träte erst jetzt (bisher verzögert durch eine Serie von Trugbildern) mit aller Klarheit hervor, wie ernst sich die Trauer auf die Möglichkeit auswirkt, ein Werk zu schreiben."

"Härteste Prüfung, Reifeprüfung, zentrale, entscheidende Prüfung der Trauer."

Am 23. Februar 1980, zwei Tage nach Abschluss seiner Vorlesung "Die Vorbereitung des Romans", wird Roland Barthes beim Überqueren der Rue des Écoles von einem Lieferwagen erfasst. Seine Verletzungen sind nicht lebensgefährlich. Dennoch stirbt er vier Wochen später an ihren Folgen.

"Wäre ich Schriftsteller und tot" – hat sich Roland Barthes einmal gewünscht – "wie sehr würde ich mich freuen, wenn mein Leben sich dank eines freundlichen und unbekümmerten Biographen auf ein paar Details, einige Vorlieben und Neigungen, sagen wir ‚Biographeme', reduzieren würde, deren Besonderheit und Mobilität außerhalb jeden Schicksals stünden und wie die epikureischen Atome irgendeinen zukünftigen und der gleichen Auflösung bestimmten Körper berühren, ein durchlöchertes Leben, so wie Proust es in sein Werk einfließen ließ."

Ein "Biographem" – das wäre im Falle Roland Barthes zum Beispiel seine Vorliebe für den "Geruch frisch geschnittenen Heus", den er sich als Parfum wünschte, oder seine Lust auf abendliche "Spaziergänge in Sandalen auf kleinen Landstraßen des Südwestens", wo er seine Kindheit verbracht hatte und ein Landhaus besaß. Oder seine Abneigung gegen "Frauen in langen Hosen", "Zeichentrickfilme" oder "das Politisch-Sexuelle".

All das bedeutet: Mein Körper ist Eurem nicht gleich. So tritt in diesem anarchischen Aufschäumen der Neigungen und Abneigungen, dieser Art zerstreuten Schraffierens, langsam die Figur eines Körperrätsels hervor.

Zweitfamilie aus schwulen Studenten und Intellektuellen

In Hervé Algalarrondo hat Roland Barthes den erhofften "freundlichen und unbekümmerten Biographen" für sein "Körperrätsel" nicht gefunden. Der Journalist des "Nouvel Observateur", Spezialist für französische Innenpolitik, macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Texte Roland Barthes´ nicht interessieren. Sein Buch "Der langsame Tod des Roland Barthes" sucht allein die Schlüssellochperspektive auf das Privatleben des von ihm ironisch so genannten "Meisterdenkers". Algalarrondos Quellen sind in erster Linie Interviews, die er 25 Jahre nach Roland Barthes' Tod geführt hat: mit einigen Prominenten, vor allem aber mit den Mitgliedern seiner so genannten "Zweitfamilie": den jungen homosexuellen Studenten und Intellektuellen, die zu seinen Jüngern wurden. Professor Éric Marty, der selbst zu den Befragten gehörte, beurteilt das Buch so:

"Ich fand das nicht sehr interessant. Das ist sehr psychologisch. Ich denke, das ist ganz und gar nicht der wahre Barthes, der da präsent ist."

Pariser Prominente zu porträtieren, die tagsüber ihre Mutter vergöttern und nachts in Knabenbordellen aufkreuzen – das verspricht auch lange nach ihrem Tod eine gute Auflage. Hervé Algalarrondos Buch, das 2006 in Frankreich erschien, konnte Roland Barthes' Ansehen als Literaturtheoretiker aber nicht schmälern – sicher auch, weil es ein Päderasten-Monstrum der Nacht verheißt, das sich als recht zahm entpuppt. Regelmäßig erscheinen neue Forschungsarbeiten. Einfluss hat Roland Barthes´ Denken auch auf dem amerikanischen Kontinent.

Marty: "In Südamerika ist Barthes sehr stark präsent, in Brasilien, in Argentinien. Auch in den USA. Da ist es allerdings eine spezielle Lektüre: die sogenannten Queer Studies, Gay Studies. Für sie ist Barthes ein homosexueller Autor. Diese Dimension interessiert dort: die Art und Weise, wie Barthes auch mit dem Code der Homosexualität spielt."

1967 hat Roland Barthes den viel diskutierten und oft missverstandenen "Tod des Autors" proklamiert – eine vehemente Attacke auf den traditionellen Kult um den literarischen Schöpfer, der den Leser als Sinnerzeuger außer Acht lässt. Lange war die Barthes-Rezeption in Deutschland auf dieses Schlagwort fixiert. Mit anderen Worten: Sie fand kaum statt. In akademischen Kreisen galt Roland Barthes als zu unwissenschaftlich, weil er nie ohne literarischen Anspruch schrieb. Den literarisch Interessierten erschien seine analytische Prosa – wegen ihrer Prägung durch den Strukturalismus – zu abstrakt, zu kompliziert. Und doch, der kultur- und textkritische Blick des Mythenjägers und Zeichendeuters ist hoch aktuell. Professor Martin Stingelin, Literaturwissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund:

"Ich glaube, noch immer die gelehrigste Schülerin Roland Barthes' ist die Werbung, weil sie sehr genau bei Roland Barthes gelernt hat zu durchschauen, wie man blendet. Im Übrigen ist das ein schlafender Riese, Roland Barthes. Die Tauglichkeit seiner analytischen Instrumente, dasjenige in unserer Gegenwart zu durchschauen, was uns blendet, ist zeitlos. Und ob diese Renaissance nächstes Jahr ansteht oder erst in zwanzig Jahren, mag auch der Zufall entscheiden, der diesem Autor immer gut zu Gesicht stand, der sich nie gegen den Zufall gesträubt hat."

 

 

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