Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.02.2013

Roadmovie zu Fuß

Cheryl Strayed: "Der Große Trip. Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst", München 2013, 448 Seiten

Sonnenuntergang Santa Monica, Kalifornien. (Jan-Martin Altgeld)
Sonnenuntergang Santa Monica, Kalifornien. (Jan-Martin Altgeld)

Selbsterkenntnis durch Langstreckenwandern - dieses Sujet hat Konjunktur, spätestens seit dem riesigen Erfolg von Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg". Aus den USA kommt jetzt ein Buch zu uns, das auch in dieses Genre gehört.

"Strayed" bedeutet herumirrend. Passend, denn Cheryl Strayed irrte ziellos durch ihr Leben bevor sie beschloss, Kalifornien und Oregon zu durchwandern. Auf dem "Pacific Crest Trail" fand sie ihren Weg – und daraus entstand knapp zwanzig Jahre später ein bemerkenswertes Buch: "Der Große Trip", die Geschichte einer Reise zu sich selbst – mit zu schwerem Rucksack und in zu engen Schuhen.

Minnesota 1994: Cheryl Strayed ist 26 Jahre alt und verzweifelt. Ihre Mutter, ihre wichtigste Bezugsperson, ist gerade an Lungenkrebs gestorben. Die Tochter reagiert selbstzerstörerisch: Sie ruiniert ihre Ehe, zerstört mutwillig alle Beziehungen, rutscht ab ins Drogenmilieu, wird ungewollt schwanger und treibt ab. Ihr Leben ist ein Scherbenhaufen.

Da fällt ihr in einem Outdoor-Laden zufällig, ein Reiseführer in die Hände: Die Beschreibung des Pacific Crest Trails, eines Wanderweges von Mexiko nach Kanada entlang der Westküste der USA. Ein Trip durch die Wildnis. Sie kauft das Buch samt Wanderschuhen, Rucksack, Zelt, Wasserfilter und wandert los. Schlecht vorbereitet, ohne Kondition. Der Rucksack ist zu schwer und die Schuhe sind zu eng. Sie verzweifelt, sie ist erschöpft, aber Angst kennt sie keine: "Ich hatte nichts zu befürchten. Das Schlimmste hatte ich bereits hinter mir."

"Freedom's just another word for nothing left to lose", sang Janis Joplin, und Cheryl Strayed besitzt genau diesen Hippie-Geist. Ich weiß nicht, wohin ich will, aber ich weiß, dass ich gehen muss. Die Autorin beschreibt selten den Wanderweg und kaum die Natur. Es gibt Wüsten und schneebedeckte Gipfel, sie erlebt Regenstürme und brennende Sonnentage, trifft Elche, Bären, Büffel und Klapperschlangen, aber nur wenige ihrer Schilderungen konzentrieren sich darauf. Das Buch ist weitgehend eine sehr berührende, sehr ehrliche, schonungslose, mitunter auch komische Selbstbetrachtung, der Bericht einer inneren Reise, die man hautnah miterleben kann.

Cheryl Strayed erzählt von ihrem Vater, der früh die Familie verließ, und vom Sterben der Mutter. Sie berichtet von Treffen mit anderen Wanderern, die sie blind verstehen und ihr Mut machen. Der Weg hilft ihr zudem: Er bietet keine Alternative – man kann nur vorwärts gehen oder aufgeben. Ausflüchte gibt es nicht. Nicht einmal Abkürzungen. Strayed wächst daran, mental und physisch. Irgendwann nennt sie ihren überschweren Rucksack liebevoll ihr "Monster" – sein Gewicht steht stellvertretend für das Päckchen, das sie zu tragen hat. Die ungeklärte Beziehung zu ihrer Mutter, die sie liebte und bewunderte, ohne ihre Fehler zu sehen. Sie thematisiert die Beziehung zu ihrem Ex-Mann, ihr Verhältnis zu Männern insgesamt – warum sie sich jahrelang schlank hungerte und immer das süße Dummchen spielte. Langsam entwickelt sie auch wieder Ängste, denn sie beginnt zu spüren, dass sie etwas zu verlieren hat.

Das Buch war in den USA ein Bestseller und hat auch hierzulande das Zeug dazu: Es erzählt eine dramatische Geschichte, es hat Humor und Gefühl, ja nicht einmal der Sex fehlt. Und ja – die Filmrechte sind auch schon verkauft.

Besprochen von Günther Wessel

Cheryl Strayed: Der Große Trip. Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst
Aus dem Amerikanischen von Reiner Pfleiderer
Kailash Verlag, München 2013
448 Seiten, 19,99 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Die SchattenlinieJoseph Conrads letzte Reise
Der englischsprachige Schriftsteller Joseph Conrad, aufgenommen im Dezember 1915. (picture-alliance / dpa / dpaweb  )

Der berühmte Schriftsteller Joseph Conrad, mittlerweile alt und brummig, begegnet auf einer Atlantiküberfahrt einem jungen US-Amerikaner. Zutiefst überzeugt von den Segnungen des American Way of Life versucht dieser, Conrads pessimistische Weltsicht zu widerlegen. Ein Hörstück.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur